Das 86. Stuttgarter Frühlingsfest geht zu Ende. Mit weniger Gästen als im Vorjahr, was eine alte Diskussion befeuerte: Soll man jedes Jahr in den Osterferien feiern?

Es ist so eine Sache mit den Zahlen. Sie erheben oft einen Anspruch an Wahrheit und Klarheit. Während sie doch stets interpretierbar sind. Nehmen wir etwa die Besucherzahlen beim 86. Stuttgarter Frühlingsfest. 1,5 Millionen Menschen kamen in den drei Wochen zwischen 18. April und 10. Mai auf den Wasen. Sind das nun viele? Oder wenige?

Vergleicht man die Zahl mit dem Vorjahr, müsste eigentlich die Enttäuschung groß sein. Denn da kamen 2,2 Millionen Menschen, also deutlich mehr. 2024 wiederum zählte man 1,4 Millionen Menschen. Da ist man also besser. Oder macht man die Bewertung lieber unabhängig von solchen Zahlenspielen. Dafür hat man sich bei der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart und den anderen Beteiligten entschieden. Von „zufrieden“ bis „sehr zufrieden“ reicht die Einschätzung von Festwirten, Schaustellern, Polizei, Wasenboje und Veranstalterin.

Warum wird immer bis in den Mai gefeiert?

Guido von Vacano, Chef von in.Stuttgart, sah keinen Grund abzusehen von dem neuen Werbespruch, der ja auch ein Anspruch ist: „Größtes Frühlingsfest der Welt!“ Der belege sich ja nicht nur durch die Besucherzahl, sondern auch durch die Anzahl der Festzelte und Schaustellerbetriebe. „Ich wurde schon gefragt, ob wir das in Stuttgart so sagen dürfen? Ja! Wir dürfen das!“ Mit 1,5 Millionen Besuchern sei man unter den stärksten Frühlingsfesten der vergangenen 20 Jahre gewesen. Das außergewöhnlich gut besuchte Frühlingsfest 2025 sei vor allem darin begründet gewesen, dass es in die Osterferien gefallen und drei Wochen durchgehend gutes Wetter gewesen sei. Was die Strategen sofort zu der Idee führte, lass uns doch das Fest immer in den Osterferien machen.

Dies ist der Traum eines jeden Schaustellers: Dass das Frühlingsfest regelmäßig an Ostern beginnt. Und sie haben mächtige Verbündete: Bereits der Völkerbund und Papst Paul VI. haben vorgeschlagen, Ostern auf den Sonntag nach dem zweiten Samstag im April zu legen. Doch weder Papst noch Völkergemeinschaft noch Beschicker können am Konzil von Nikäa rütteln. Im Jahre 325 legte man dort fest, dass Ostern am Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond gefeiert wird. Deshalb vagabundiert Ostern durch den Kalender, schwankt zwischen dem 22. März und dem 25. April. Als man 1993 das Frühlingsfest um eine Woche verlängert hat, legte man fest, dass das Ende des Wasenrummels in der ersten kompletten Maiwoche sein soll. Also nur wenn Ostern so spät ist wie voriges Jahr, kommen Feiertage und Ferien den Schaustellern und Besuchern zupass.

Die Mitarbeiterinnen der Wasenboje sind unterwegs. Foto: Ferdinando Iannone

Die Wirte allerdings sehen das mit gemischten Gefühlen. Während der Ferien sind viele potenzielle Kunden fort. Und über Ostern selbst ist der Besuch im Zelt nicht garantiert, da ist für viele Familienzeit. Also bleibt mit dem Termin alles, wie es war. Und wie gesagt, sowohl die Schausteller als auch die Wirte waren zufrieden. Guter Besuch, gute Geschäfte. „Dass dreimal der VfB zuhause gespielt hat, hat uns Wirten auch nicht geschadet“, sagt Wirtesprecher Marcel Benz.

Sinkende Zahlen vermeldete Jörg Schiebe, Leiter der Wasenwache. 350 Straftaten statt 383 Straftaten, 867 Einsätze statt 914 Einsätze. Aber auch hier gilt, die Zahlen sind stets interpretierbar. Auch weil die absolute Zahl gering ist, so stiegen die Hausfriedensbrüche von 15 auf 29, ähnlich war es bei den Bedrohungen. Was für Schiebe ein Beleg dafür ist, die ganze Sicherheitsarchitektur entwickle sich in die richtige Richtung. Denn man sei da, bevor es zu einer Schlägerei komme. Dass die Zahl der angezeigten sexuellen Belästigungen von 11 auf 21 gestiegen ist, ist für ihn ein Beleg, „dass wir das Dunkelfeld aufhellen“. Auch dank der App Safe Now, die es mittlerweile in allen Zelten gibt. Und die möglich macht, schnell Hilfe zu holen. Und die Frauen nutzen, Täter anzuzeigen, die früher ungestraft davonkamen.

Auch die Wasenboje hilft, den Scheinwerfer in dieses düstere Feld zu richten. 270 Frauen und Mädchen haben dort Hilfe gesucht, sagt Projektleiter Marc Reinelt. Mehr als im Vorjahr, was er darauf zurückführt, dass „wir immer bekannter werden und die Frauen ganz gezielt zu uns kommen“. Knapp ein Viertel seien kritische Fälle, was qua Definition K.-O-Tropfen, Mischkonsum, zu viel Alkohol und sexuelle Übergriffe seien. „Wir erleben immer öfter, dass Frauen zu uns kommen und sagen, mir ist das und das passiert“, sagt Reinelt, „und es selbst gar nicht einordnen können.“ Ein Griff an den Arm, eine Berührung, nicht strafbar, trotzdem erschütternd. „Da beraten wir, geben Hilfe und vermitteln gegebenenfalls an die Polizei.“

Party im Festzelt Foto: Andreas Rosar

Etwas, was keine Videokamera kann. Das sagt er nicht, das darf man mitdenken. Gab es doch Bestrebungen bei Stadträten, die Wasenboje zu streichen, Videoüberwachung genüge doch. Bis 2027 ist die Wasenboje zunächst aber finanziert.

Nicht gegen die Technik. Im Wasenwirt-Zelt von Familie Weeber hatte ein Gast einen Herzinfarkt erlitten. Dank der App Safe Now kamen die Retter rechtzeitig. Und das ist ohne Wenn und Aber eine gute Nachricht.