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Russlands Luftabwehr am Limit: Die Ukraine schlägt mit einem Rekord-Raketenangriff zu – ausgerechnet vor der Waffenruhe. Kommt die Wende im Krieg?
Moskau/Kiew – Es ist eine Wende, die noch vor einem Jahr kaum jemand für möglich gehalten hätte: Die Ukraine trifft Russland tief im Herzen – und Moskau kann es kaum verhindern. In der Nacht auf Donnerstag (7. Mai) schlugen ukrainische Drohnen in fast allen Regionen West- und Zentralrusslands ein, überflogen gestaffelte Abwehrsysteme, passierten den Ural und erreichten Ziele rund 1.700 Kilometer von der Front entfernt. 347 Drohnen soll die russische Luftabwehr nach eigenen Angaben abgefangen haben, wie das Verteidigungsministerium in Moskau mitteilte – eine der höchsten je gemeldeten Zahlen. Das berichtet die Ukrainska Pravda.
Ukraine-Krieg: Drohnenangriffe, Explosionen und Gefechte erschütterten das Land am Wochenende. © © IMAGO / Anadolu Agency / Symbolbild
Während Russland den Abschuss der meisten Raketen in einer ersten Reaktion als Zeichen der Stärke verkaufte, werten andere Beobachter die Tatsache, dass die Ukraine die russische Luftabwehr mittlerweile an vielen Stellen austricksen kann, als Zeichen der Schwäche. Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte den Dauerbeschuss auf Russland eine „neue Phase des Einsatzes ukrainischer Waffen“ – und kündigte an, die Reichweite noch weiter auszudehnen.
Wende im Ukraine-Krieg? Russland steht vor Waffenruhe weiter unter Dauerbeschuss
Gelingt der Ukraine jetzt die Wende bei der Abwehr von Russlands Angriffskrieg? Viele Informationen im Ukraine-Krieg lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Aber fest steht: Der Rekordangriff in der Nacht zu Donnerstag ist kein Ausreißer. Er ist der vorläufige Höhepunkt einer seit Wochen eskalierenden Drohnenkampagne – und fällt ausgerechnet in jene Tage, in denen beide Seiten einander eine Waffenruhe angekündigt haben. Die Feuerpause soll eigentlich rund um die Feierlichkeiten zum 9. Mai gelten.
Der 9. Mai ist in Russland einer der bedeutendsten Staatsfeiertage: Der Gedenktag erinnert an den sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg, der sich in diesem Jahr zum 81. Mal jährt. Russlands Präsident Wladimir Putin nutzt die alljährliche Militärparade auf dem Roten Platz traditionell als Bühne nationaler Stärke – doch in diesem Jahr sollen laut Zeit erstmals keine Panzer und schwere Militärtechnik zu sehen sein, offenbar aus Furcht vor ukrainischen Drohnenangriffen. Die Ukraine hingegen begeht den Jahrestag seit dem Bruch mit der sowjetischen Tradition bereits am 8. Mai – ein symbolischer Akt der Abgrenzung, der den politischen Graben zwischen Kiew und Moskau auch im Kalender sichtbar macht, wie die FAZ schreibt.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
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Vor diesem Hintergrund hatten beide Parteien im Ukraine-Krieg für ihren jeweiligen Feiertag eine Feuerpause angekündigt. Doch ob die Waffenruhe hält, bleibt abzuwarten. Zumindest lassen die Raketenangriffe anderes befürchten. Die Ukraine stellte jedenfalls unter Beweis, dass die Sorge im Kreml vor einer Attacke auf die Feierlichkeiten theoretisch nicht unbegründet sein muss. Erst vor wenigen Tagen war sieben Kilometer vom Roten Platz eine ukrainische Drohne in einem Moskauer Luxus-Wohnhaus eingeschlagen.
Das Rüstzeug dieser neuen Schlagkraft ist bekannt: Neben den weitreichenden Ljutyj-Drohnen setzt die Ukraine zunehmend auf die FP‑5 Flamingo, einen Marschflugkörper des Rüstungsunternehmens Fire Point mit einem 1.000-Kilogramm-Gefechtskopf und einer angegebenen Reichweite von 3.000 Kilometern. Selenskyj bezeichnete die Flamingo als Ukraines „erfolgreichste Rakete“, wie der Nachrichtensender ntv berichtet. Erst Anfang Mai traf ein solcher Marschflugkörper die Rüstungsfabrik VNIIIR Progress in Tscheboksary – rund 1.000 Kilometer von der Front entfernt. Die Anlage stellt Navigationsmodule für russische Drohnen, Marschflugkörper und Raketen her. Präzise elektronische Aufklärung ermöglicht es den Systemen, Lücken in der russischen Luftabwehr auszunutzen – mit wachsender Treffsicherheit.
Öl-Raffinerie in Flammen: Russlands Wirtschaft gerät durch Raketenhagel an den Abgrund
Die Angriffe folgen einem klaren strategischen Muster: Russlands Wirtschaft und Rüstungsinfrastruktur stehen im Visier. Seit Ende März brannten Ölterminals im Ostseehafen Ust-Luga, Marschflugkörper trafen Häfen nahe der finnischen Grenze, und die Raffinerie im südrussischen Tuapse wurde seit dem 16. April allein viermal attackiert. Laut Bloomberg erreichten die ukrainischen Angriffe auf russische Ölinfrastruktur im April mit mindestens 21 Attacken ein Vier-Monats-Hoch. Die Drohnenschläge reduzierten Russlands durchschnittliche Raffineriekapazität auf 4,69 Millionen Barrel pro Tag – den niedrigsten Stand seit Dezember 2009, wie der Nachrichtendienst weiter berichtete.
Die wirtschaftlichen Folgen des Dauerbeschusses sind erheblich. Reuters berichtete, dass ukrainische Drohnenangriffe, Pipelineschäden und Tankerbeschlagnahmungen zusammen rund 40 Prozent von Russlands Ölexportkapazität lahmgelegt hätten. Öl- und Gaseinnahmen fielen 2025 um rund 24 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2020. Putin musste auf einer Regierungssitzung einräumen, dass das Bruttoinlandsprodukt in den ersten zwei Monaten des Jahres 2026 um 1,8 Prozent zurückgegangen sei. Das Rekorddefizit im ersten Quartal 2026 liegt bei umgerechnet rund 50 Milliarden Euro – 21 Prozent höher als für das gesamte Jahr geplant.
Kollateralschäden bleiben aber nicht aus. Gelegentlich sorgen Irrläufer auch an der NATO-Flanke für Alarm: In der lettischen Region Latgale stürzten am Donnerstag zwei mutmaßlich ukrainische Drohnen ab, nahe der russischen Grenze. Der lettische Verteidigungsminister Andris Sprūds erklärte gegenüber dem Sender LSM, die Drohnen seien vermutlich für Ziele in Russland bestimmt gewesen. In der rund 40 Kilometer von der Grenze entfernten Stadt Rezekne wurden vier Öltanks beschädigt, Schulen blieben am Donnerstag geschlossen. Die NATO entsandte Kampfjets in die Region – es ist nicht das erste Mal: Bereits Ende März waren ukrainische Drohnen in Lettland, Estland und Litauen niedergegangen, berichtete die Zeit.
Feuerpause zum Tag des Sieges: Ukraine und Russland drohen mit Vergeltung bei Bruch der Waffenruhe
Vor diesem Hintergrund gestaltet sich die Waffenruhe-Diplomatie als fragiles Konstrukt. Die Ukraine hatte ab Mittwochmorgen eine einseitige Feuerpause ausgerufen und diese nach eigenen Angaben eingehalten – Russland hingegen setzte Drohnen- und Raketenangriffe fort. Selenskyj reagierte in einer Videobotschaft: „Wir werden entsprechend reagieren.“ Zugleich ließ er eine Hintertür offen: „Abhängig von der Lage heute Abend und morgen werden auch wir unsere völlig angemessene Antwort festlegen.“ Ab Freitagmorgen soll nun eine von Moskau einseitig angekündigte zweitägige Waffenruhe gelten – sie soll die Militärparade auf dem Roten Platz am Samstag abschirmen.
Russland verschärfte derweil die Drohkulisse gegenüber Kiew: Das Außenministerium in Moskau forderte ausländische Botschaften auf, ihr Personal aus der ukrainischen Hauptstadt in Sicherheit zu bringen, und warnte vor einem russischen „Vergeltungsschlag“ auf das Stadtzentrum von Kiew, sollte die Ukraine die Gedenkfeiern am 9. Mai stören, berichtete n-tv. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa rief ausländische Diplomaten explizit auf, Kiew zu verlassen. Selenskyj kommentierte die russische Abhängigkeit von einer störungsfreien Parade knapp: „Russland hat sich so verkämpft, dass seine wichtigste Parade von uns abhängt. Das ist ein klares Signal: Es ist Zeit, aufzuhören.“ (Quellen: dpa, Ukrainska Pravda, Zeit, Bloomberg, Reuters, ntv) (jenko)