
Frank Tischner
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„Was willst du eigentlich studieren?“: Kaum eine Frage wird Schülerinnen und Schülern der Oberstufe so routiniert gestellt wie diese. Sie ist freundlich gemeint, oft beiläufig ausgesprochen – und doch sagt sie viel über unsere Gesellschaft und unser Bildungsverständnis aus. Selbst Eltern angehender Abiturientinnen und Abiturienten werden regelmäßig mit den Studienplänen ihres Nachwuchses konfrontiert, gern ergänzt um Detailfragen zum Studienort oder zur gewünschten Fachrichtung. Dass diese Gespräche in diesem Frühjahr etwas seltener stattfinden, hat lediglich numerische Gründe: Der Abiturjahrgang 2026 in Nordrhein-Westfalen fällt infolge der Rückumstellung auf G9 ungewöhnlich klein aus. Am Grundmuster ändert das jedoch nichts. Für viele gilt das Studium nach dem Abitur weiterhin als der „normale“, ja, der einzig naheliegende Weg. Genau in dieser fehlenden Wertschätzung für alle Alternativen liegt das Problem – und es ist ein vielschichtiges Problem.
Denn diese Selbstverständlichkeit ist kein neutraler Befund, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage. Sie verrät, welche Bildungs- und Berufswege wir hoch bewerten – und welche wir zwar rhetorisch würdigen, praktisch aber oft geringschätzen. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, das Studium infrage zu stellen, es geht nicht um ein „entweder oder“, sondern um ein gleichberechtigtes „sowohl als auch“. Natürlich soll jede und jeder, der studieren möchte, diesen Weg gehen können und dürfen. Kritikwürdig ist vielmehr der implizite Ausschluss aller Alternativen, der bereits in der scheinbar harmlosen Frage steckt: Was studierst du nach dem Abi? Als könne es jenseits der Hochschule keinen erfüllenden, anerkannten und finanziell tragfähigen Berufsweg geben, oft gepusht durch Eltern, die für ihr Kind nur „das Beste“ wollen. Aber was ist „das Beste“? Ist es der x-beliebige Bürojob mit der Krawatte um den Hals, oder ist es nicht doch ein Job, der einen glücklich macht und in dem man seinen Talenten und Neigungen nachgehen kann?
Wie tief dieses Denkmuster verankert ist, zeigt sich in den Reaktionen des Umfelds. Wenn Eltern irritierte Nachfragen ernten, weil sich Sohn oder Tochter nach dem Abitur bewusst gegen ein Studium entschieden haben, dann läuft etwas grundlegend schief. Dann ist die viel beschworene Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung vorbei, dann erleben wir die Folgen einer völlig verfehlten Politik, die die akademische Bildung zum Beispiel bei den Bildungsorten immer noch ungerecht und in einer finanziellen Schieflage fördert. Daher ist die Bildungsgerechtigkeit noch immer eher ein politisches Schlagwort als gelebte Realität. In Sonntagsreden wird sie gern beschworen – im Alltag zeigt sich dagegen oft ein anderes Bild.
Dabei müsste die Frage eine andere sein: Was passt zu mir? Die Entscheidung für einen Beruf sollte sich an Interessen, Begabungen und persönlichen Zielen orientieren und nicht an fehlgeleiteten gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Zumal die beruflichen Perspektiven außerhalb des akademischen Bereichs heute so gut sind wie selten zuvor. Besonders deutlich wird das bei uns im Handwerk. Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik werden auf absehbare Zeit weder das handwerkliche Können noch die Erfahrung gut ausgebildeter Gesellinnen, Gesellen und Meister ersetzen können. KI wird das Handwerk unterstützen, aber nie ersetzen.
Mehr noch: Das Handwerk bietet nicht nur sichere Arbeitsplätze, sondern auch attraktive unternehmerische Perspektiven. Immer häufiger werden Betriebe außerhalb der Familie übergeben. Unternehmensgründungen oder -übernahmen eröffnen echte Karrierechancen – ebenso wie verantwortungsvolle Positionen als angestellter Meister oder Geselle. Dass der Meistertitel im Europäischen Qualifikationsrahmen als „Bachelor Professional“ einem akademischen Abschluss gleichgestellt ist, wird dabei noch immer unterschätzt.
Warum also nicht selbstbewusst antworten: „Ich mache eine Ausbildung. Denn jemand, der studiert hat, der kennt es, jemand, der gelernt hat, der kann es?“ Nicht als Provokation, sondern als Ausdruck einer bewussten Entscheidung, und an der Stelle natürlich mit einem Augenzwinkern versehen. Vorausgesetzt, dieser Weg entspricht den eigenen Vorstellungen und Lebenszielen. Ebenso wünschenswert wäre eine einfache, ehrliche Reaktion aus dem Umfeld: „Echt? Das finde ich toll.“ Ganz unabhängig davon, ob der zukünftige Auszubildende die mittlere Reife, das Abitur oder einen Hauptschulabschluss mitbringt.
Vielleicht beginnt echte Gleichwertigkeit genau hier – nicht in Leitbildern und Reden, sondern in den Fragen, die wir stellen, und in den Antworten, die wir bereit sind, wertzuschätzen.