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Die Ukraine gewinnt Gebiet zurück und sorgt bei Russlands Armee für massive Verluste. Doch Grauzonen und Schlamm erschweren den Blick.
Kiew – Russlands Offensive im Ukraine-Krieg verliert offenbar an Schlagkraft. Eine April-Bilanz zeigt: Die Ukraine erobert nicht nur verlorenes Gebiet zurück, sondern fügt der russischen Armee auch höhere Verluste zu, als Moskau ausgleichen kann. Die Entwicklungen rücken eine neue Stoßrichtung im Ukraine-Krieg in den Fokus.
„Zermürbungskrieg“ gegen die Ukraine: Für die hohen Verluste mit Putins Fleischwolftaktik fehlt wohl der Nachschub (Symbolbild). © picture alliance/dpa/AP | Pavel Bednyakov
Laut dem Institute for the Study of War (ISW) soll Russland im April 2026 116 Quadratkilometer an die Ukraine verloren haben. Nicht eingerechnet sind dabei Grauzonengebiete, die russische Truppen infiltriert haben könnten. Von Russland infiltrierte Gebiete befänden sich demnach oft in umkämpften Grauzonen, in denen sowohl russische als auch ukrainische Truppen stationiert sind. Dort seien Entwicklungen im Kampf, etwa eine Rückeroberung durch die Ukraine, nur schwer nachzuvollziehen.
Auswirkungen von Starlink, Telegram und mehr: Vergleich zwischen den Jahren im Ukraine-Krieg zeigt Trend
Nicht auszuschließen sei dem Kriegsforschungsinstitut zufolge, dass saisonale Bedingungen bei den Entwicklungen im Ukraine-Krieg eine Rolle spielen. Nach einem harten Winter ist der Frühling in der Ukraine geprägt von starkem Schlamm, der die Fortbewegung von Fahrzeugen erschwert. In den vergangenen Jahren des Ukraine-Kriegs habe Russland nach der schlammigen Rasputiza-Zeit die Angriffe verstärkt – ein Trend, der sich womöglich in diesem Jahr wiederholen könnte.
Dennoch zeigt ein Vergleich zwischen den Jahren, dass die russischen Gebietseinnahmen zu sinken scheinen. Wie das ISW berichtet, soll die russische Armee in den vier Monaten des Jahres 2026 2,9 Quadratkilometer pro Tag eingenommen haben. Zum Vergleich: In den ersten vier Monaten des Jahres 2025 waren es 9,76 Quadratkilometer pro Tag. Erschwert würde der direkte Vergleich durch die russischen Infiltrationstaktiken.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
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Das Vorrücken der russischen Truppen habe laut Daten des ISW bereits seit November stetig nachgelassen. Dafür gebe es mehrere Gründe, wie das Institut darlegte: die Gegenangriffe der Ukraine, die Starlink-Blockade für Russland und die Kreml-eigene Telegram-Sperre, die wohl existierende Probleme in Russlands Armee verstärkt habe. Telegram wurde zuvor für die armeeinterne Kommunikation genutzt.
Russlands Verluste im Ukraine-Krieg offenbar am steigen – Kiew setzt neue Ziele
Auch die russischen Verluste geben allerdings Anhaltspunkte für die Situation im Ukraine-Krieg. Wie der ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow der Kyiv Post nach sagte, seien im April 35.203 russische Soldaten verletzt oder getötet worden. Die Zahlen konnten nicht unabhängig geprüft werden. „Zum fünften Mal in Folge verliert Russland mehr, als es mobilisieren kann, und erstickt allmählich an seinen Verlusten“, zog Fedorow Bilanz.
Ziel der Ukraine sei es, weitere Vorrücken der russischen Armee unnachhaltig zu machen. „Wir nähern uns stetig der Zahl von 50.000 eliminierten Besatzern pro Monat“, so Fedorow. Dies sei das nächste Ziel der Ukraine-Regierung, berichtet die Kyiv Post. Laut dem Verteidigungsminister käme Russlands Fleischwolfstrategie dem Kreml jetzt bei dem Versuch, die russische Armee wieder aufzufüllen, zum Nachteil.
„Echter Zermürbungskrieg“: Ukraine setzt auf hohe Verluste – Durchhaltevermögen wird entscheidender Faktor
„Es handelt sich mittlerweile um einen echten Zermürbungskrieg“, sagte Erik Stijnman, Ukraine-Krieg-Spezialist beim niederländischen Clingendael-Institut für Internationale Beziehungen, der französischen Zeitung France24. Es sei ein Krieg, „in dem territoriale Gewinne weniger wichtig sind als die Fähigkeit einer Seite, der anderen mehr Verluste zuzufügen, als diese verkraften kann.“
Nicht zuletzt spielen dafür die Angriffe auf russische Infrastruktur für die Ukraine eine wichtige Rolle. Strategische Angriffe auf die Kriegsinfrastruktur, unter anderem Rüstungsstandorte, können sich auch in der russischen Armee bemerkbar machen. Mehrere solcher Angriffe tätigte die ukrainische Armee erst Anfang Mai. Getroffen wurden eine Ölraffinerie und ein Rüstungsstandort 1000 Kilometer im russischen Landesinneren. Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, den Euronews zitierte, wurden dort Relais-Schutzsysteme, Automatisierungsgeräte und Niederspannungsgeräte produziert. (Quellen: Institute for the Study of War, Kyiv Post, France24, Euronews) (lismah)