Die vergangenen Tage haben etwas hervorgebracht, das es seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges kaum gab: die vorsichtige Vorstellung, dass ein Ende des Krieges zumindest denkbar geworden ist. Eine dreitägige Waffenruhe rund um den 9. Mai blieb überraschend weitgehend stabil. Russlands Präsident Wladimir Putin sagte öffentlich, der Krieg gehe „dem Ende entgegen“. Gleichzeitig mehren sich Berichte über Spannungen im russischen Machtapparat, während die Ukraine zwar militärisch selbstbewusst auftritt, aber ebenfalls weiß, dass ein jahrelanger Abnutzungskrieg kaum unbegrenzt durchzuhalten ist. Hinzu kommt ein US-Präsident Donald Trump, der vor den Midterms dringend einen außenpolitischen Erfolg braucht.
Doch bedeutet all das tatsächlich, dass sich ein Frieden nähert? Oder handelt es sich lediglich um eine neue Phase taktischer Positionskämpfe?
Putins bemerkenswerter Satz
Internationale Aufmerksamkeit erhielt vor allem eine Äußerung Putins nach den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau. Laut russischen Medienberichten sagte der Kremlchef: „Ich denke, die Sache nähert sich ihrem Ende.“
Im russischen Staatsfernsehen wurde Putins Aussage sofort als Hinweis auf ein baldiges Kriegsende interpretiert. Doch westliche Analysten mahnen zur Vorsicht. Das amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) erklärte in einem Papier, Putins Worte seien keineswegs ein Zeichen dafür, dass Moskau seine Kriegsziele aufgegeben habe. Vielmehr habe der Kreml erneut betont, Russland müsse sich auf die „endgültige Niederlage der Ukraine“ konzentrieren.
Der britische Russland-Experte Keir Giles vom Chatham House sagte gegenüber Al-Dschasira: „Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges beruht eher auf Wunschdenken als auf einer nüchternen Analyse von Putins Worten.“ Giles argumentierte allerdings auch, Moskau könnte inzwischen erkannt haben, dass Russland den Krieg militärisch nicht entscheidend gewinnen könne. Deshalb sei man in Russland möglicherweise eher bereit, den Krieg einzufrieren, als noch vor einem Jahr.
Noch vor wenigen Wochen wäre eine funktionierende Feuerpause kaum vorstellbar gewesen. Umso bemerkenswerter war die relative Ruhe während der dreitägigen Waffenruhe rund um den 9. Mai. Zwar meldeten beide Seiten weiterhin einzelne Gefechte und Angriffe, doch die befürchtete Eskalation blieb aus. Besonders interessant ist dabei der politische Hintergrund. Nach ukrainischen und russischen Medienberichten soll die Waffenruhe ursprünglich das Ergebnis direkter Gespräche zwischen Trump und Putin gewesen sein. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe demnach zunächst wenig Interesse an einer „symbolischen Ruhepause“ gehabt. Erst nach Gesprächen ukrainischer Vertreter in Washington habe Kiew letztlich zugestimmt.
Das zeigt zweierlei: Erstens existiert trotz aller öffentlichen Spannungen offenbar weiterhin ein funktionierender Kommunikationskanal zwischen Washington und Moskau. Zweitens besitzt Trump nach wie vor erheblichen Einfluss auf die ukrainische Führung.
Trump braucht einen Erfolg
Für den Sheriff in Washington wäre ein diplomatischer Durchbruch in der Ukraine ein enormer politischer Gewinn. Trump hatte bereits in seinem Wahlkampf angekündigt, den Krieg rasch zu beenden. Zwar erwiesen sich seine vollmundigen Versprechen als unrealistisch, dennoch gab es unter Trump eine Verhandlungsdynamik, die unter seinem Vorgänger Biden schlicht undenkbar gewesen wäre. Trotzdem: Vor den Kongresswahlen im Herbst 2026 wächst der Druck auf das Weiße Haus.
Trumps Beliebtheitswerte sind nämlich Umfragen zufolge in den vergangenen Monaten gesunken – auch innerhalb seiner Wählerklientel. Laut Washington Post und ABC News bezeichnen 61 Prozent der befragten Amerikaner den Iran-Krieg als Fehler. Trump braucht also dringend einen außenpolitischen Erfolg. Ein zumindest eingefrorener Ukraine-Krieg könnte ihm als Beleg dienen, dass seine pragmatische Außenpolitik erfolgreicher ist als die konfrontative Linie der Biden-Jahre.
Dabei scheint Washington zunehmend bereit zu sein, auch Druck auf Kiew auszuüben. Russische Kommentatoren spekulieren offen darüber, die USA könnten im Extremfall sogar Geheimdienstinformationen oder den Zugang zu Starlink einschränken, um die Ukraine zu Zugeständnissen zu bewegen. Noch gibt es dafür keine konkreten Hinweise. Doch allein die Tatsache, dass solche Szenarien inzwischen ernsthaft diskutiert werden, zeigt, wie stark sich die geopolitische Stimmung verändert hat.

Präsident Wolodymyr Selenskyj während eines Besuchs im Donbass
© apaimages/imago
Zugleich wäre es falsch, die Ukraine bereits in einer Position der Schwäche zu sehen. Russische Militäroffensiven haben sich deutlich verlangsamt, die mehr als 1200 Kilometer lange Donbassfront verschiebt sich kaum noch. Ukrainische Drohnen- und Raketenangriffe treffen außerdem zunehmend Ziele tief im russischen Hinterland. Im Visier der Ukrainer: Ölraffinerien und Häfen im Schwarzen Meer und in der Ostsee. Auch innerhalb Russlands wächst die Kriegsmüdigkeit.
In Kiew hofft man offenbar weiterhin, Moskau langfristig zu zermürben oder zumindest einen Waffenstillstand entlang der derzeitigen Frontlinie zu erreichen. Manche ukrainische Strategen setzen sogar darauf, dass innere Spannungen in der russischen Elite irgendwann zu einer Destabilisierung des Putin-Systems führen könnten. Putins öffentliche Auftritte wirken inzwischen auffallend defensiv. Während der Präsident früher regelmäßig „vernichtende Vergeltungsschläge“ ankündigte, hat Putin in seinen jüngsten Ansprachen seine Tonalität leicht korrigiert, weg von der maximalen Eskalationsrhetorik. Stattdessen versucht der Kreml offenbar, die Bevölkerung psychologisch auf einen langen Konflikt vorzubereiten.
Dennoch weiß man auch in der ukrainischen Führung, dass die Zeit nicht automatisch für Kiew arbeitet. Die westliche Unterstützung bleibt zwar groß, doch das könne sich jederzeit ändern. Europas Wirtschaft schwächelt, es ist zudem unklar, wie lange die proukrainischen Regierungen innerhalb Europas noch an der Macht bleiben. Die Blicke der Ukrainer richten sich da vor allem nach Deutschland, Frankreich und Großbritannien.
Sind die Europäer das eigentliche Hindernis?
Besonders heikel ist in dem ganzen Ukraine-Russland-Komplex inzwischen die Rolle Europas. Während die amerikanische Osteuropa-Politik unter Trump offenbar vorsichtiger geworden ist und verstärkt über pragmatische Lösungen nachdenkt, bleiben viele europäische Regierungen kompromisslos.
Das zeigte sich zuletzt an der heftigen Ablehnung von Putins Vorschlag, den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder als Vermittler einzusetzen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas wies den Vorschlag zurück. Für viele europäische Politiker ist Schröder wegen seiner engen Beziehungen zu Russland politisch toxisch. Dennoch offenbart die Vermittlungsdebatte ein tieferes Problem. Die EU hat – im Gegensatz zu den USA – bislang kaum eine eigenständige diplomatische Strategie im Umgang mit dem Kreml entwickelt.
Stattdessen dominiert vielfach die Sorge, ein zu früher Kompromiss könnte als russischer Sieg erscheinen. Besonders Polen und die baltischen Staaten warnen davor, Moskaus territoriale Gewinne faktisch zu akzeptieren. Der polnische Premier Donald Tusk erklärte zuletzt sogar, eine kurzfristige Waffenruhe sei unnötig. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) spricht immer wieder von einem Krieg, der in den kommenden Jahren losbrechen könnte. Kritiker aus dem Nichtwesten werfen der EU deshalb immer stärker vor, sie würde eine politische Lösung eher erschweren als fördern.
Allerdings wäre es zu einfach, Europa allein verantwortlich zu machen. Auch Kiew lehnt zentrale russische Forderungen bislang kategorisch ab, insbesondere einen Rückzug aus dem Donbass oder einen dauerhaften Verzicht auf Nato-Perspektiven.
Derzeit sprechen viele Signale eher für eine mögliche Zwischenlösung als für echten Frieden: begrenzte Waffenruhen, Gefangenenaustausche, indirekte Gespräche, taktische Deeskalation. Ein umfassendes Friedensabkommen hingegen scheint weiterhin fern.
Denn weder Russland noch die Ukraine haben ihre grundlegenden Ziele bislang aufgegeben. Putin besteht weiter auf territorialen Zugeständnissen und einer Neuordnung der europäischen Sicherheitsarchitektur. Die Führung in Kiew wiederum weigert sich, eine dauerhafte Teilung des Landes zu akzeptieren.
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