Schriftsteller Navid Kermani las am Freitagabend im Rahmen der Literatur Biennale aus seinem neuen Roman „Sommer 24“, die Moderation übernahm die Journalistin Verena Lueken.
Der Autor, daneben auch Essayist, Publizist, Reporter und habilitierter Orientalist, spricht auf der kleinen Bühne in der Immanuelskirche auf einnehmende und zugleich bodenständige Weise über schriftstellerische Entscheidungen, über den Zufall und die überfordernde Wirklichkeit.
Ja, es sind historische Begebenheiten, die in seinem Roman thematisiert werden: der Krieg im Gazastreifen, der zunehmende Rechtsextremismus, Trump, die Europawahlen, humanitäre Katastrophen. Dennoch stellt Navid Kermani klar: „Ich wollte bestimmt keinen Roman über die politischen Ereignisse des Sommers 2024 schreiben.“ Die zeitliche Einordnung habe sich eben zwingend ergeben – neben der besseren Orientierung für den Leser ein Zeichen, dass es eben nicht ohne geht. Ohne die besorgniserregenden Dinge, die um uns herum auf der Welt passieren. Weil sie letztendlich jeden von uns in der eigenen kleinen Welt beeinflussten.
Für „Sommer 24“ stellte sich Kermani selbst nur wenig Regeln auf, wollte „nur nichts streichen, was schon geschrieben ist.“ Der Rest entstehe aus der Form. Die er bewusst offen hält, denn: „Für mich ist der Zufall das Einfallstor des Schicksals“, betont der heute in Köln wohnende Schriftsteller. Und so beginnt sein Roman mit den Worten: „Von einigen Begebenheiten der letzten Monate möchte ich berichten.“ Ein Satz, aus dem sich bereits ein Ton ergebe, „eine an Thomas Mann gemahnende Erzählweise“, wirft Verena Lueken ein. Und dann berichtet der Erzähler. Von privaten Erlebnissen, „allzu private vielleicht“, von dem Freitod eines jüdischen Bekannten, der zum AfD-Sympathisanten wurde, von dem Besuch einer Frühgeborenen-Station im äthiopischen Tigray. Einen Ausschnitt daraus liest er unter anderem vor – nach dem letzten Wort herrscht für kurze Zeit vollkommene Stille in der Immanuelskirche, so ergreifend war das zuvor Gehörte. Eine dritte Begebenheit im Roman ist die Hochzeit der Tochter eines Freundes auf der griechischen Insel Hydra.
Navid Kermani fordert die Leser dazu auf, Partei zu ergreifen, wenn es um die vermeintliche Enteignung einer persönlichen Geschichte geht. Fordert sie heraus, indem er immer wieder Fiktion und wahre historische Begebenheiten miteinander verwebt, den Leser hereinlegt, ihn mit der Frage konfrontiert: Ist das real oder vollkommen erfunden? Und er geht auch kritisch mit einzelnen Figuren um, ergänzt sie um eine Dimension, die zuvor vielleicht gefehlt hat.
Von fehlender Linearität
in der Wirklichkeit
Widersprüche macht Navid Kermani bewusst sichtbar. Zwischen politischen Instabilitäten und dem Alltag des Einzelnen mit all seinen Unsicherheiten will der Autor keine lineare Geschichte erzählen. Eine Geschichte linear zu erzählen, mit einem Beginn, einem Ende und einem roten Faden dazwischen, sei für ihn nicht die richtige Herangehensweise. Er mahnt, an die Wirklichkeitserfahrung zu denken, die doch immer „kreuz und quer“ gehe, mit Drehungen und Wendungen. Er erklärt den Anwesenden: „Denken Sie nur an die Geschichten, die gerade in diesem Raum sind – die in dieser Sekunde in diesem Raum stattfinden. Jeder von uns ist in den unterschiedlichsten Wirklichkeiten unterwegs.“ Eine einfache Nachricht, auf dem Handy, nach der Veranstaltung, könne einen Menschen aus seiner Wirklichkeit herauskatapultieren. Und das, betont er, sei „die überfordernde Wirklichkeit, die nicht anders als chaotisch zu nennen ist.“ Und dieser eine Form zu geben, das sei nicht nur sein Anspruch, sondern grundsätzlich ein solcher der Literatur insgesamt.
Die Wut als übergreifendes Thema der Biennale schwingt leise und subtil im Hintergrund mit – dafür aber beständig. Ist sie doch immer irgendwo Teil der chaotischen Wirklichkeit, Teil eines neuen Plottwists oder entstanden durch das Unvermögen, eine andere Position einzunehmen. Und für einen kurzen Moment kann sich der Zuhörer an diesem Abend einbilden, die Wirklichkeit mit all ihren Wirrungen und Irrungen verstanden zu haben.
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