Was ist Heimat? Wer keinen Ort zum Zurückkehren hat, weiß am besten, dass der Begriff mehr umfassen muss als ein Punkt auf einer Landkarte. Und dass es möglich ist, auch fremden Menschen ein Gefühl davon zu vermitteln, was die eigene Heimat definiert. Der schnellste Weg, die eigene Kultur zu teilen, ist gemeinsames Essen. Passenderweise gab Abudukeremu Alimujiang seinem uigurischen Restaurant den Namen „Anayurt“ – uigurisch für Heimat.
Vor einem Monat eröffnete der 28-Jährige das Anayurt in der Münzstraße – das erste Lokal in Duisburg mit traditioneller uigurischer Küche. Was das heißt, lässt sich nicht nur schmecken, sondern bereits von außen beobachten, beim Zubereiten der handgemachten Nudeln, die aus einer runden Teigschnecke geformt werden. „Leghmen“ heißen die traditionellen Nudeln, lange, dicke und leicht bissfeste Nudeln, die in mehreren Kombinationen mit Gemüse und Fleisch angeboten werden.
Kein Nachtisch, dafür Tee
Aus über 20 Gerichten kann gewählt werden, darunter auch Suppen und verschieden zubereitete Teigtaschen. Vorab können verschiedene Salate bestellt werden, beispielsweise Auberginen-, Gurken- oder Karottensalat. Preislich liegen die Vorspeisen zwischen fünf und sieben Euro, die Hauptspeisen fangen ab zwölf Euro an. Und Nachtisch? „Gibt es nicht in unserer Kultur“, sagt Restaurantgründer Alimujiang und lächelt. „Aber Tee.“
Wer den probiert, wird überrascht sein: Uigurischer Tee wird hier als Schwarztee serviert, garniert mit Jasminblüten, Gojibeeren – und einer roten Dattel, die ihre Süße an den Tee weitergibt. „Ich will das Essen teilen“, begründet Alimujiang seine Motivation, das Restaurant zu eröffnen. Der 28-Jährige kam 2019 nach Deutschland, hatte zuvor mehrere Jahre in der Türkei gelebt. Vier Jahre arbeitete er in einem uigurischen Restaurant in Düsseldorf, bevor er sich entschloss, es selbst zu versuchen. „In Duisburg gibt es sehr viele verschiedene Kulturen“, sagt der Familienvater. Auch Uiguren leben hier – ein Restaurant gab es aber noch nicht.
Traditionelle Kopfbedeckung an der Wand
Insgesamt zehn Mitarbeiter beschäftigt der Familienvater, die meisten sind auch Uiguren. Die Wände des Restaurants zieren traditionelle Instrumente in Miniaturform, eine ganze Wand ist traditioneller Kopfbedeckung vorbehalten, sogenannte „Doppa“, runde und quadratische, bunt bestickte Kappen. Knapp 80 Plätze laden zum Essen vor Ort ein, Bestellungen nach Hause bietet das Anayurt über mehrere Lieferservices an.
Seit Jahrhunderten wird die überwiegend muslimische Minderheit von der chinesischen Regierung unterdrückt, mehr als das wissen die wenigsten über die Uiguren. Medienberichte über die Menschenrechtsverletzungen tauchen vereinzelt auf, aber wer die Menschen sind, denen man versucht, ihre kulturelle Identität durch Umerziehung zu rauben, bleibt oft unklar. „Wir leben noch“, auch das will Alimujiang mit seinem Restaurant den Menschen vermitteln, die bisher noch keine Berührungspunkte mit der uigurischen Kultur hatten.
Anayurt liegt an der Münzstraße 19 und hat außer dienstags täglich von 12 bis 22 Uhr geöffnet, am Freitag öffnet der Laden um 15 Uhr.