Ausgiebig hat der Architekt Walter Gropius über neue Baustoffe nachgedacht, die das Errichten von dringend benötigtem Wohnraum schnell, gut und günstig möglich machen. Die Bauten der Stuttgarter Weissenhofsiedlung, besonders natürlich die zwei von ihm entworfenen, sollten dokumentieren, wie das möglich ist.
Vorfertigung im Werk, die raschen Aufbau vor Ort möglich macht, hat er ausprobiert. Leichtbeton fand er gut, Kork kam zum Einsatz, zugleich war ihm wichtig, „d i e technischen probleme, die für den modernen wohnungsbau noch zu lösen sind“ aufzuzeigen. So schreibt er im Buch „Bau und Wohnung“ über die Bauten der Weissenhofsiedlung.
Bauexperiment in der Weissenhofsiedlung in Stuttgart
1927 war das. Manches hat man verworfen (Asbest) und tüftelt immer noch (serielles Bauen). Hundert Jahre später findet an genau diesem Ort – einige Schritte entfernt – wieder ein viel beachtetes Bauexperiment statt, wie sich beim Baustellenbesuch des Weissenhof.Forums am Eingang der Siedlung zeigt. Jens Staiger, Technischer Leiter von Zech Hochbau, steht vor einem Grüppchen, den Freunden der Weissenhofsiedlung, und spricht davon, dass er allein in dieser Woche fünf Führungen auf dem Bau hatte.
Er muss ziemlich laut reden, denn die Betonbauer machen für die Gäste keine Pause. Wie auch, der Bau muss fertig werden. 2027 ist Weissenhof-Jubiläumsjahr und Internationale Bauausstellung IBA’27 – das Weissenhof.Forum entsteht im Auftrag der Landeshauptstadt Stuttgart. Es ist eines der IBA-Projekte, zugleich zentraler Anlaufpunkt für IBA-Besucher aus aller Welt und für diejenigen, die sich für die Weissenhofsiedlung interessieren.
Ungebrannte Lehmziegel in Stuttgarter Baustelle
Was schon Gropius schrieb, „der größte feind des hausbaus ist die feuchtigkeit“, gilt auch heute. Mit einem Lächeln sagt Valentin Gorski, Projektleiter bei Zech Hochbau, Herbst und Winter seien nass gewesen – Spatenstich war im Juli 2025. Das behagte dem bevorzugten Baumaterial, ungebrannte Lehmziegel, eher weniger. (Freuen wird sich über das Material der Elektriker, um Schlitze zu klopfen, braucht er nur Wasser.) Gleichwohl, sagt Staiger: „Wir haben Zeit verloren.“ Also arbeiten sie jetzt in einem Zweischichtbetrieb, sechs Tage die Woche. Der Bau sollte dringend dieses Jahr fertig werden.
Jens Staiger (li.) und Valentin Gorski von Zech Hochbau auf der Stuttgarter Baustelle. Foto: StZN/Golombek
In dem Haus soll es Workshop-Zimmer und Räume für Dauer- und Wechselausstellungen geben, ein Café auch. Weil die IBA auf Umbau im Bestand setzt, muss ein Neubau schon zeigen, was er kann, um projektwürdig zu sein. Möglichst wenig die Umwelt schädigen soll er und zukunftsweisend sein. Hochbauamt-Chef Peter Holzer, der auch da ist an dem Tag, sagt, man erhoffe sich Erkenntnisse fürs ökologische Bauen, die sich dann für Bauprojekte der Stadt, Kitas beispielsweise, einsetzen lassen. Man denke allein schon ans gute Raumklima in Lehmbauten.
Drei hoch aufragende Kuben
Das Architekturbüro Barkow Leibinger gemeinsam mit dem Generalübernehmer Zech setzen auf ökologische Baustoffe, Recyclingfähigkeit. Vieles, das hier auf der Baustelle passiert, ist neu . So neu, dass es dafür keine Normen, keinerlei Erfahrungen gibt. Es ist anstrengend – und schwer: ein ungebrannter Lehmziegel wiegt knapp 38 Kilogramm, der Recycling-Beton ist sehr zähflüssig und daher schwerer mit dem Rüttler zu bearbeiten. „Aber es ist aufregend, wir lernen viel und wir würden es jederzeit wieder tun“, sagt Jens Staiger, Technischer Leiter bei Zech, einen gewissen Pionierstolz im Blick.
Er führt die behelmten Menschen auf die Betonbodenplatte der Baustelle, man bestaunt die sich schon beachtlich in die Höhe ragenden drei Kuben, das Lehm-Mauerwerk, das Holztragwerk, die Konstruktionen, die den geforderten Einsatz von Brandschutztüren ermöglichen.
Blick von der Baustelle auf die Häuser in der Beamten- und der Weissenhofsiedlung Stuttgart. Foto: Golombek Hervorragende Aussicht auf Stuttgart
Man lernt, ein Deckenelement hat vier Binder, ein Element wiegt 1,8 bis 2 Tonnen, und „Beton und Lehm haben eine sehr unterschiedliche Steifigkeit“ . Man ahnt, die Materialien mögen natürlich und einfach und zum Teil seit Jahrtausenden im Einsatz sein, sie in der Kombination im großen Maßstab zu verbauen, ist kompliziert.
Ein Gerüst führt bis hinauf aufs Dach, auch da wird Recycling-Beton verarbeitet. „Da hinten hinter der Linde“, Gorski und Staiger zeigen auf die Fläche zwischen Neubau und Kunstakademie, „wird ein Eisspeicher in den Boden gebaut werden.“ Selbstredend wird eine Wärmepumpe zum Einsatz kommen. Die Photovoltaik-Fassade wird Energie liefern. Was genau am Ende in den oberen Etagen des Forums stattfinden wird, die Aussicht auf die Siedlung und ganz Stuttgart – Fernsehturm inklusive – wird grandios.
Das konnten jetzt auch beim Richtfest am 8. Mai erlebt werden, wo das Bauunternehmen verkündete, man liege „voll im Zeitplan“. Das Richtfest“, sagte Baubürgermeister Peter Pätzold beim Festakt, „unterstreicht nicht nur den Baufortschritt, sondern auch die wachsende Vorfreude auf ein internationales Architekturereignis in Stuttgart und der Region“. Wer wollte widersprechen.
Info
Weissenhof.Forum
Im Zusammenspiel mit dem Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier wird es im Weissenhof.Forum ein vielfältiges Programm zur Architekturgeschichte und -vermittlung der Weissenhofsiedlung geben: Neben Ausstellungen und Führungen dient das Forum zukünftig auch als Veranstaltungsort für Vorträge und Workshops.