Sie wurden als Gäste eingeladen an die Fließbänder Deutschlands: Gastarbeiter aus Italien, Türkei oder dem einstigen Jugoslawien. Entsprechende Abkommen mit der Bundesrepublik Deutschland machten das möglich. Unternehmen wie Daimler und Bosch empfingen sie in ihren Werkshallen in Stuttgart. Wobei der freundliche Begriff des Gastes bereits die Erwartung implizierte, dass nach getaner Arbeit bitteschön die Rückreise anzutreten sei. Dass Menschen dazu neigen, Wurzeln zu schlagen, war in diesem Konzept nicht vorgesehen. Doch natürlich kam es so. Gastarbeiter blieben länger, Familien zogen nach, Gastarbeiterkinder wurden geboren. Es entstanden Biografien, die sich zwischen den beiden Welten bewegen, zwischen Herkunftsland und Gastgeberland, zwischen der erinnerten, ersehnten, verklärten oder abgelegten Heimat auf der einen und der neuen Heimat auf der anderen Seite, die man liebte oder ablehnte, mit der es sich jedenfalls irgendwie zu arrangieren galt.
Das ist der Ausgangspunkt für die Oper „Station Paradiso“ der kroatischen Komponistin Sara Glojnaric (35) und der serbischen Librettistin Tanja Sljivar (37), die nun an der Stuttgarter Oper uraufgeführt wurde. Glojnaric, die selbst etliche Jahre in Stuttgart lebte, studierte und arbeitete, führte Interviews mit Menschen aus der ersten, zweiten und dritten Generation der Gastarbeiter-Diaspora. Dabei bat sie sie, Musik mitzubringen, die ihnen am Herzen lag. Es kam eine Art musikalisches Archiv zusammen, alte Kassetten mit erinnerungsträchtigen Aufnahmen, sei es nun das Lied einer neapolitanischen Großmutter auf einem Familienfest, moderner Yugo- oder Italo-Pop oder türkisch-deutscher Crossover. Was Menschen halt so aufbewahren, weil sie sich damit identifizieren und weil Klänge Erinnerungen und Emotionen konservieren, die in der Fremde wertvoll werden. Auf diesen Aufnahmen nun basiert Glojnarics Partitur für „Station Paradiso“ – sie selbst spricht von einer „Mixtape-Oper“. Und dieser Mix muss vielfältig gewesen sein.
Müsste eigentlich. Denn über die Aneignung des Materials durch die Komponistin geht die Vielfalt über weite Strecken verloren. Glojnaric, vielleicht um der Gefahr von Sentimentalität und Kitsch vorzubeugen, die hier gewiss lauert, hat die Ausgangssongs verfremdet, fragmentiert und in einem Zuspielband in den Hintergrund gelegt. Darüber liegt eine weitere Schicht – ihre eigene Musik mit Synthesizer, Keyboards und Orchester (Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Peter Rundel). Es ist, als würde sie mit dieser Technik auf Distanz gehen zu dem nostalgischen Potenzial ihres Ausgangsmaterials. Die Überschreibungen lassen eine Oberfläche hervortreten, die mal in minimal-music-ähnlichen Wiederholungsmustern vorantreibende Rhythmen erzeugen, sich mal zu ruhigeren, flächigen Soundscapes aufspannen. Das ist alles in allem zu gleichförmig, zu laut und auf Dauer zu ermüdend, um die dahinter liegende Feinarbeit angemessen zu würdigen.

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Die Braut (Josefin Feiler) träumt von einer Hochzeit in einem idealisierten Jugoslawien.
Foto: Matthias Baus
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Die Braut (Josefin Feiler) träumt von einer Hochzeit in einem idealisierten Jugoslawien.
Foto: Matthias Baus
Ähnlich verhält es sich mit dem Libretto. Auf einer Busreise von Stuttgart nach Süd- und Südosteuropa treffen verschiedenste Menschen aufeinander, die nur eines miteinander verbindet: ihr migrantischer Hintergrund, der sie nun diese Reise in ihr Herkunftsland antreten lässt. Die lose Handlung reiht die Geschichten der einzelnen Personen aneinander: Die „Yugo-Braut“ (Josefin Feiler), die sich eine Hochzeit in einem verklärten Jugoslawien erträumt; der Neapolitaner (Joseph Tancredi), der die Asche seines Vaters zu den Mandolinen zurückbringen will, die er so liebte; der demente türkische Vater (Matthias Klink), der seine Tochter (Fanie Antonelou) nur noch erkennt, wenn sie sich als ihren vom Vater bevorzugten Bruder verkleidet; die süditalienische Mutter (Stine Marie Fischer), die sich von ihrer emanzipierten Tochter (Martina Mikelic) Vorwürfe machen lassen muss oder der Yugo-Vater (Andrew Bogard) und die rebellische Yugo-Tochter (Diana Haller). Sie alle bringen ihre Musik und ihre Geschichte mit in den Bus, der von dem Fahrer (Goran Juric), einer Charon-artigen Figur, von einer Welt in die andere gelenkt wird.

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Der Busfahrer (Goran Juric) steuert den Bus von einer Welt in die andere.
Foto: Matthias Baus
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Der Busfahrer (Goran Juric) steuert den Bus von einer Welt in die andere.
Foto: Matthias Baus
Im Programmheft sind all diese Figuren mit ihren Eigenheiten und Geschichten genau umrissen, ergibt sich in der Summe ein bewegendes Panoptikum migrantischer Kultur. Im Libretto und damit auch auf der Bühne wird das allerdings nur bedingt sichtbar. Zumal auch die meist gedehnten Gesangslinien wenig zur Charakterisierung der Figuren beitragen.

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Die Tanten Mari(j)a konservieren Erinnerungen und Emotionen.
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Die Tanten Mari(j)a konservieren Erinnerungen und Emotionen.
Foto: Matthias Baus
Und dann gibt es noch die Tante Maria, vielmehr die Tanten Mari(j)a, mehr länderübergreifendes Phänomen als konkrete Figur, die die Wärme der Heimat verkörpert mit all ihren Gerüchen und Klängen. In Stuttgart werden sie im Trio als singende (Carole Wilson), live kochende (Loretta Petti) und schauspielernde Tante (Statisterie der Staatsoper) in einer Art nostalgischem Kaufladen auf die Bühne geschoben, wo man ihnen beim Kochen und Einmachen zuschauen kann – schließlich sind es sie, die Gefühle und Erinnerungen konservieren.
Überhaupt ist es die Inszenierung von Anika Rutkovsky, die mitsamt der Videos (Manuela Hartel) auf der Bühne von Christina Schmitt den Abend zu einem abwechslungsreichen Ganzen formt, den Figuren Gestalt gibt, gelegentlich sogar auf spielerische Weise dokumentarische Hintergrundinformationen über das Gastarbeiterabkommen einstreut oder karikaturhafte Politiker-Figuren auftanzen lässt.

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Der türkische Vater (Matthias Klink) singt zur E-Gitarre, während sich seine Tochter (Fanie Antonelou) für ihn in den Bruder verwandelt.
Foto: Matthias Baus
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Der türkische Vater (Matthias Klink) singt zur E-Gitarre, während sich seine Tochter (Fanie Antonelou) für ihn in den Bruder verwandelt.
Foto: Matthias Baus
Eine berührende Szene bleibt dabei besonders in Erinnerung, zumal sie sich auch musikalisch abhebt: wenn nämlich das Orchester schweigt und der türkische Vater zur E-Gitarre greift, um ein trauriges Lied anzustimmen. Dazu sieht man im Video, wie sich die Tochter einen Schnurrbart aufklebt und die Haare zurücksteckt, um dem Bruder ähnlich zu werden, den der Vater offenbar mehr liebte als sie. Der singt unterdessen: „Jetzt hast du eine andere Liebe gefunden“. Und so genau weiß man nicht, wer das auf wen bezieht, nur dass es hier um einen unwiederbringlichen Verlust geht. Das trifft ins Herz, ganz ohne sentimentalen Kitsch. Davon hätte man sich an diesem Abend mehr gewünscht.
Weitere Aufführungen: 14., 17., 24. Mai; 1., 6., 11. und 21. Juni. Tickets und Infos: www.staatsoper-stuttgart.de
Sara Glojnaric
Sara Glojnaric wurde 1991 in Zagreb geboren und studierte Komposition sowohl in Zagreb als auch in Stuttgart. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit Popkultur, ihrer Ästhetik und ihren soziopolitischen Folgen. Glojnarić schrieb unter anderem Kompositionen für das Ensemble Musikfabrik, das Münchener Kammerorchester und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart. Bei den Donaueschinger Musiktagen 2024 erhielt sie für ihr Werk „Ding, dong, Darling!“ den Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters. (esd)