Das Rettungsschiff "Sea-Watch 5" der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch liegt im Hamburger Hafen auf der Elbe. (Archivbild: 03.11.2022)

Stand: 11.05.2026 • 20:07 Uhr

Das Rettungsschiff „Sea-Watch 5“ ist nach Angaben der Hilfsorganisation von der libyschen Küstenwache mit scharfer Munition angegriffen worden. An Bord sind 90 aus Seenot Gerettete und 30 Crew-Mitglieder.

Die „Sea-Watch 5“ ist nach Angaben der Seenotretter „Sea-Watch“ vor der libyschen Küste unter Beschuss geraten. Ein Patrouillenboot der libyschen Küstenwache habe mit scharfer Munition auf das Rettungsschiff der privaten Rettungsorganisation gefeuert und versucht, es nach Libyen zu zwingen, erklärte Sea-Watch. An Bord seien 90 kurz zuvor aus Seenot gerettete Menschen und 30 Crew-Mitglieder.

Julia Winkler, Sprecherin von Sea-Watch, sagte, ein Patrouillenboot der libyschen Küstenwache habe sich genähert und dann das Feuer eröffnet „zuerst mit einem Schuss, gefolgt von einer Salve von etwa 10 bis 15 Schüssen.“ Die Bedrohungslage halte an, erklärte Winkler am frühen Nachmittag.

Deutsche Botschaft fordert umgehend Aufklärung

Die libysche Küstenwache habe über Funk damit gedroht, die „Sea-Watch 5“ zu entern und es an die libysche Küste zu bringen. Julia Winkler betont: „Wenn sie dies tun würden und uns nach Libyen verschleppen, würde das nach internationalem Recht eine Entführung sein.“ Die Besatzung habe einen Notruf abgesetzt und die zuständigen Behörden sowie die deutsche Bundespolizei informiert.

Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte, dass sich die „Sea-Watch 5“ an die deutsche Seenotrettungsleitstelle sowie Stellen der Bundesregierung gewandt habe. Die deutsche Botschaft in Tripolis habe gegenüber den libyschen Behörden umgehende Aufklärung angefragt. Die Bundespolizei teilte mit, sie habe Ermittlungen aufgenommen.

2026 Höchststand an Toten und Vermissten erwartet

Das Mittelmeer zählt zu den gefährlichsten Fluchtrouten der Welt. Geflüchtete und Migranten stechen in häufig nicht seetauglichen Booten aus nordafrikanischen Ländern wie Libyen und Tunesien in See in der Hoffnung, Europa zu erreichen. Eine staatlich organisierte Rettungsmission gibt es nicht. Lediglich die Schiffe privater Seenotretter halten Ausschau nach in Not geratenen Menschen.

Seit Beginn des Jahres wurden laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bereits mehr als 1.000 Tote oder Vermisste bei Versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, gemeldet. Mit Blick auf den Jahresanfang war es laut IOM in diesem Jahr die höchste Opferzahl seit 2014. Seit 2014 wurden – bei vermutlich hoher Dunkelziffer – insgesamt mehr als 34.800 Tote und Vermisste im Mittelmeer gemeldet.

Mit Informationen von Moritz Behrendt, ARD-Studio Kairo