Die Stadt Leipzig wollte ihren langjährigen Chefarchitekten aus DDR-Zeiten mit einem Platz würdigen. Doch Horst Siegel hatte jahrelang mit dem SED-Geheimdienst kooperiert. Nach Bekanntwerden von WELT-Recherchen wurde der Vorschlag jetzt zurückgestellt. Aber der Schaden bleibt.
Der Stein des Anstoßes misst etwa 35 mal 35 Meter. So groß ist das bisher namenslose Stück Fußgängerzone an der Kreuzung von Stuttgarter und Heidelberger Allee vor einem Einkaufszentrum im Leipziger Stadtteil Grünau. Am 29. April 2026 wollte der Stadtrat diese Fläche in Horst-Siegel-Platz umbenennen. Einerseits konsequent, war doch der vorgesehene Namenspatron als Chefarchitekt für den auf der „grünen Wiese“ mit Plattenbauten errichteten Stadtteil verantwortlich. Andererseits ein Beleg für zunehmende Geschichtsvergessenheit in Sachsens größter Stadt. Denn Siegel hat mindestens elf Jahre unter dem Decknamen GMS „Architekt“ für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet. Wenige Tage vor der Abstimmung ist der Vorschlag nun aus der Vorlage gestrichen worden – zuvor waren in Leipzig Recherchen von WELT AM SONNTAG in dieser Angelegenheit bekannt geworden.
Im „Beschlussvorschlag“ der Leipziger Verwaltung aus dem vergangenen Jahr stand zum vorgesehenen Namenspatron noch wörtlich: „Darüber hinaus ergab die Prüfung zur Person keine Sachverhalte, die einer Benennung entgegenstehen würden.“ Das war mindestens gewagt.
Denn man kann problemlos im Internet den 2024 erschienenen Aufsatz „The Other Lives of Stasi Spies“ des US-Historikers Andrew Demshuk finden, in dem ein mehr als 800 Wörter langes Kapitel der Tätigkeit Siegels für die Stasi gewidmet ist. Demshuks Untersuchung, deren Überschrift mit dem Titel des Oscar-prämierten Spielfilms „Das Leben der Anderen“ spielt, kommt zum Ergebnis: Siegels „Zusammenarbeit mit der Stasi bestand darin, Meinungen über die Stärken und Schwächen von Architekten, Ingenieuren und Sekretärinnen in seinem Büro zu äußern“.
Siegel war 1934 als Sohn eines „Bergmanns und Landwirts“ geboren worden. Nach der Volksschule absolvierte er eine Maurerlehre und studierte anschließend an der „Arbeiter- und Bauern-Fakultät“ und Architektur in Weimar. Nach dem Diplom blieb er als Assistent an der Hochschule und wurde 1963 promoviert; im folgenden Jahr trat er der SED bei. Siegel gehörte zur ersten weitgehend im Sozialismus aufgewachsenen Funktionärsgeneration der DDR. 1964 bis 1967 war er als Architekt mitverantwortlich für den Plattenbau-Stadtteil Halle-Neustadt. So ausgewiesen, berief man ihn als Chefarchitekten nach Leipzig.
Diese Informationen stammen aus einem handschriftlichen Lebenslauf vom 10. September 1977, der sich in Siegels Stasi-Akte befindet; 94 von deren mindestens 138 Seiten liegen WELT AM SONNTAG vor. Ein „Auskunftsbericht“ der Stasi-Bezirksverwaltung vom 13. Februar 1978 bestätigt diese Angaben. Darin heißt es auch kritisch: „Inoffiziell konnte zu seinem Arbeitsstil erarbeitet werden, dass S. seinen Leitungsstil managerhaft ausführt und hohe Ergebnisse erwartet, ohne entsprechend anzuleiten.“ Zu seinen Stärken zählte demnach die Organisation von Arbeit; „weniger gut ausgeprägt sind seine Fähigkeiten auf dem Gebiet der Gestaltung“. Zudem sei er „politisch naiv und sorglos“.
„Gesteuert“ von der Stasi
Offensichtlich also ließ das MfS den Chefarchitekten, immerhin verantwortlich für die zentrale Baubehörde der Stadt mit 92 Mitarbeitern, bespitzeln. Der Grund war allerdings, dass die Geheimpolizei mit ihm zusammenarbeitete: „Siegel ist als GMS in Schlüsselposition für die Kreisdienststelle Leipzig Stadt erfasst. Er wird durch Unterzeichnenden gesteuert“, schrieb ein Oberleutnant namens Eildermann. Eine handschriftliche Notiz in der Akte datiert den Beginn der Zusammenarbeit: „Geworben am 10. November 1977.“
Im Abkürzungskauderwelsch der Stasi stand „GMS“ für „Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit“. Bei dieser 1968 eingeführten Kategorie inoffizieller Informanten handelte es sich um in der Öffentlichkeit bekannte Personen, die eine „staatsbewusste Einstellung“ aufwiesen und „vertrauensvoll“, also heimlich, mit der Stasi zusammenarbeiteten. GMS waren aber eine niedrigere Kategorie als die „IM“, die berüchtigten „Inoffiziellen Mitarbeiter“. Dennoch wurden GMS konspirativ geworben und regelmäßig zu „Treffs“ bestellt, in denen sie ihrem Führungsoffizier berichteten. Auch GMS waren also Spitzel. Im Zuständigkeitsbereich der Kreisdienststelle Leipzig des MfS gab es beispielsweise 1985 genau 421 solche GMS, weiß Helmut Müller-Enbergs, Historiker und ein Vierteljahrhundert lang als Grundlagenforscher bei der damaligen Stasiunterlagen-Behörde tätig.
Ein Auskunftsbericht von 1986 nannte „politische Überzeugung und Notwendigkeit“ als Siegels Motiv „für die Zusammenarbeit mit dem MfS“. Das schlug sich in seiner Tätigkeit nieder, die seine Stasiakte zumindest ansatzweise nachvollziehbar macht.
So fand am 10. August 1978 um acht Uhr morgens im „Dienstzimmer GMS“ ein „Treff“ statt. Es ging um die „Erarbeitung von Hinweisen im Zusammenhang mit der Verbreitung von Hetzschriften im Stadtgebiet“; konkrete Details fehlen in den bisher verfügbaren Dokumenten. In den freigegebenen Papieren nicht enthalten sind eine „Berufungserklärung“ (nur IM unterschrieben eine „Verpflichtungserklärung“) und eigenhändig verfasste Berichte.
Dennoch musste Siegel wissen, mit wem er sprach. Bei einem „Treff“ am 12. Dezember 1979 in seinem Büro erhielt der Chefarchitekt den Auftrag, die „Leitkader“ seines Büros „einzuschätzen“; als Kriterien notierte der Führungsoffizier „Charakter, politisch-ideologisches Verhalten, Verbindungen, Stellung im Kollektiv“. Am 9. Januar 1980 lieferte Siegel mindestens acht Einschätzungen, die ein Stasi-Leutnant handschriftlich festhielt – die Einzelheiten lassen keinen Zweifel, dass der Chefarchitekt persönlich diese Angaben machte.
Aus Datenschutzgründen sind die Namen in den Aktenkopien geschwärzt, sodass man die Auskünfte des GMS „Architekt“ niemandem konkret zuordnen kann. Außerdem wurden in allen Bewertungen längere Passagen abgedeckt. Lesbar sind jedoch abträgliche Urteile wie „egozentrisch“ und „Hang zur Überheblichkeit“ zu einem leitenden Mitarbeiter. Eine Kollegin war Siegel zufolge „gesellschaftlich (…) verhaltener“ als zu Beginn ihrer Tätigkeit, ein weiterer Kollege „zu weich“; er werde „fachlich nicht immer für voll genommen“.
„Bürokrat“ im Stasi-Dienst
Ohne Zweifel konnten solche Wertungen den so geschilderten Personen schaden. Ob und wenn ja welche konkreten Konsequenzen Siegels Urteile für die Betroffenen hatten, lässt sich jedoch aufgrund der Unzugänglichkeit ihrer Namen wegen der Rechtslage nicht feststellen. Alle Erfahrung spricht dafür, dass die Stasi derart beschriebene Personen zumindest genauer beobachtete.
Andrew Demshuk ordnet WELT AM SONNTAG gegenüber diese Tätigkeit ein: „Siegel war kein GMS aus Überzeugung, er wurde in seiner amtlichen Funktion als Chefarchitekt der Stadt Leipzig angesprochen.“ Nach zehn Jahren in dieser Funktion habe er sich entschieden, erklärt der Professor an der American University in Washington D. C., „als GMS für die Stasi zu arbeiten, weil er glaubte, es würde seine Arbeit als Chefarchitekt stärken und sich auf das Amt positiv auswirken“.
Am 29. und 30. Mai 1985 besuchten sieben Abgeordnete des Bundestagsausschusses für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau Leipzig. Siegel alias GMS „Architekt“ wurde „instruiert“, über das offizielle Gespräch zu berichten; das war für einen Funktionsträger in der SED-Diktatur unumgänglich und ist nicht vorwerfbar. Allerdings sollte er auch mitteilen, ob es „Kontaktaufnahmen von Mitgliedern der Abordnung mit DDR-Bürgern oder umgekehrt“ gegeben habe. An dieser Stelle fehlt in den herausgegebenen Unterlagen eine Seite.
Zum Wintersemester 1985 wechselte Horst Siegel auf eine Professur an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Laut einem „Abschlussbericht“ vom 18. November 1985 war der GMS „bereit, auch in seiner neuen Funktion inoffiziell mit unserem Organ“, also der Stasi, „zusammenzuarbeiten“. Sein bisheriger Führungsoffizier ermahnte ihn, er solle die „Konspiration wahren“. Laut dem Geheimdiensthistoriker Helmut Müller-Enbergs schließt allein dieser Vorgang „verständige Zweifel“ aus, ob Siegel von seiner Zuarbeit für die Staatssicherheit wusste.
Mit einem „Präsentkorb“ verabschiedete der in Leipzig zuständige MfS-Mann den GMS „Architekt“. In Weimar übernahm Siegel dann bald die „Leitung der Sektion Architektur“. Aus den folgenden Jahren finden sich nur einige wenige Papiere zu ihm in den freigegebenen Akten; er gehörte jedoch zu den 121 GMS der Kreisdienststelle. Durchaus möglich, dass in anderen MfS-Beständen weiteres Material existiert – die Mitarbeiter des Stasiunterlagen-Archivs geben stets nur das Material an Nutzer weiter, das ihnen zum jeweiligen Antrag zu passen scheint.
Während der Friedlichen Revolution in der DDR trat Horst Siegel im Januar 1990 zunächst als Direktor der „Sektion“ zurück, Mitte 1991 räumte er dann seine Professur in Weimar – mit 57 Jahren. Stattdessen arbeitete der ehemalige Chefarchitekt der zweitgrößten DDR-Stadt, Professor und Fachbereichsleiter einer angesehenen Universität, zunächst für ein Büro in Apolda (Thüringen), das Altbauten sanierte und ein Autohaus sowie zwei Privathäuser errichtete. 1995 folgte die Niederlassungsleitung für ein Münchner Architekturbüro in Erfurt, 1999 ging Horst Siegel regulär in den Ruhestand. In 2013 entstandenen „Arbeitsbiografischen Notizen“, die in seinem Nachlass im Stadtarchiv Leipzig liegen, ist von Stasikontakten nichts zu lesen.
Noch zu Siegels Lebzeiten begann Andrew Demshuk, über Architektur und Städtebau in Leipzig während der DDR zu forschen. Doch erst nach Siegels Tod im September 2020 erschien sein vorzüglicher Aufsatz über die Stasi-Verstrickungen Leipziger Architekten. In der deutschsprachigen Fassung der Internet-Enzyklopädie Wikipedia wurde dieser Aspekt laut Versionsverzeichnis am 9. November 2025 ergänzt.
Mitte März 2026 verschwand Demshuks Aufsatz für kurze Zeit aus dem Internet – irgendjemand muss versucht haben, die darin enthaltenen Informationen zu unterdrücken. Dabei ordnet der Amerikaner den GMS „Architekt“ ausgesprochen fair ein: „Die Ziele der Stasi waren für ihn von geringerer Bedeutung, eine bloße Formalität im Vergleich zu seinen von Herzen kommenden Aufgaben als Chefarchitekt“. Siegel war ein „Bürokrat, der den Dienst für die Stasi zu einem Teil seiner Arbeit machte“.
Mindestens von 1977 bis 1988, möglicherweise länger, hat Horst Siegel mit dem SED-Geheimdienst zusammengearbeitet. Er war nach gegenwärtiger Aktenlage sicher kein ganz übler Verräter, der andere Menschen durch geheim weitergegebene, zutreffende oder falsche Informationen massiv schädigte. Schon die bisher bekannten Unterlagen zeigen jedoch, dass er negative Urteile über Kollegen abgab und sich an die Konspiration hielt; zudem verschwieg er diese Facette nach 1990.
Fraglos spitzelte Horst Siegel für die DDR-Staatssicherheit. Ausgerechnet Leipzig, das sich gern als „Heldenstadt“ der Friedlichen Revolution 1989 inszeniert, wollte so jemanden ehren. Vorerst scheint der Vorschlag erledigt – aber ob sich das wieder ändert?
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.