Als wäre es mit den klassischen Themen Auf- und Abstiegskampf auf der Zielgeraden der Saison nicht genug. Am und rund um den aktuellen 26. Spieltag der Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen haben sich die Ereignisse überschlagen, und als Berichterstatter steht man hin- und hergerissen da: Womit soll man anfangen? Mit dem SV Vaihingen, der dem Tabellenführer ASV Botnang bei einem furiosen 6:1 mal eben ein halbes Dutzend Derby-Tore eingeschenkt hat? Oder mit demselben SV Vaihingen, bei dem es entgegen aller bisherigen Verlautbarungen zu einem überraschenden Trainerwechsel kommt? Oder beim Nachbarn TSV Jahn Büsnau, der mit der Verpflichtung eines 100-Tore-Spielers aufhorchen lässt? Oder doch eher mit dem düsteren Kapitel dieses Sonntags? Die Begegnung zwischen dem TSV Musberg und der Spvgg Cannstatt wurde vom Schiedsrichter abgebrochen – und dürfte für einen Kicker noch gravierende Folgen haben.
TSV Musberg – Spvgg Cannstatt
Die Nachspielzeit lief am Turnerweg bereits, und beim TSV Musberg war man sich praktisch sicher: Die Punkte sind im Sack. Schließlich führten die Gastgeber mit 3:2 und plätscherte die Begegnung nurmehr vor sich hin. Dann passierte es, und schlagartig waren alle Adrenalinspiegel doch noch einmal oben: Hani Ajolbek, Verteidiger des Gegners Spvgg Cannstatt, regte sich über eine Schiedsrichterentscheidung auf. Und als er sich gar nicht mehr beruhigen wollte, ging es ruckzuck: erst Gelb, dann Gelb-Rot, dann Spielabbruch. Der Grund für Letzteres: Ajolbek fasste den Unparteiischen an – ob im Gesicht oder am Oberkörper, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Dies macht in einer Hinsicht aber auch keinen Unterschied. Folgerichtig war so oder so der vorzeitige Abpfiff. Und so wird es nun ein sportgerichtliches Nachspiel geben. Nicht nur das: für den Übeltäter persönlich wohl noch mehr, unabhängig davon, was der Referee in seinem Bericht vermerken wird. Jener lag bis diesen Montag noch nicht vor.
Die Ankündigung von Ajolbeks Coach Damian Nagler steht jedenfalls bereits: „Welche, das kann ich noch nicht sagen: Aber das hat auch vereinsinterne Konsequenzen. So etwas kann ich als Trainer nicht dulden.“ Den Vorfall an sich bezeichnet er als „absolutes No-Go“. Eine Begebenheit, die aus Naglers Sicht „durch nichts zu entschuldigen ist“. Eher ratlos fällt der Kommentar seines Gegenübers Christopher Eisenhardt aus. Potzblitz, ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein! Und das just wegen eines Kickers, der in der vergangenen Saison noch einer der Seinen war. „Eigentlich ist der Hani ein ganz lieber Mensch“, sagt Eisenhardt, „ich weiß nicht, was ihn da gestochen hat, dass er die Kontrolle derart verliert.“
Dass die erwähnten Punkte nun stattdessen am grünen Tisch an die Musberger gehen, dürfte unstrittig sein. In den Hintergrund rückte indes der Fußball, darunter ein Trefferdoppelpack des vorherigen Cannstatters Denis Bubalo gegen seine alten Teamkollegen – und darunter ein Tor des Jahres der Gäste. Deren Kapitän Marco Schulz netzte mit einem Kunstschuss von der Mittellinie aus ein. Er hatte gesehen, dass der Musberger Keeper zu weit vor seinem Kasten steht.
Ein Aber auch um Schulz: Lang werden sich die Neckarstädter an den Geniestreichen ihres Anführers nicht mehr erfreuen können. Der inzwischen 39-Jährige hört nach dieser Saison auf, ebenso wie zwei andere Oldies, die Abwehrrecken Markus Lurz und Fabian Ipowitz. Noch ein paar Sorgen mehr also für Nagler, der ahnt: „Ohne sie, das wird richtig schwer für uns.“
SV Vaihingen – ASV Botnang
Rein sportlich gebühren die Schlagzeilen des Sonntags hingegen einem anderen: Dem SV Vaihingen gelang das, woran sich die Konkurrenz seit Wochen vergeblich versucht. Die Schwarzbachkicker stoppten den Siegeslauf des Überraschungsspitzenreiters ASV Botnang. Und wie! Das Ergebnis: ein 6:1. Vor allem die Angreifer Itzak Sandoval (drei Torbeteiligungen) und Rüchan Pehlivan (vier Torbeteiligungen) drehten auf – Letzterer in seinem Abschiedsspiel. Der Routinier entschwindet nun in den Urlaub, bevor er zur neuen Saison wie berichtet zum Staffelrivalen TSV Jahn Büsnau wechseln wird.
Wie es dazu kommen konnte, dass das mit Spannung erwartete Derby letztlich zur derart einseitigen Angelegenheit geriet? Über das Schlüsselereignis herrschte am Ende Einigkeit: Nach einer roten Karte für die Gäste spielten die Vaihinger die komplette zweite Hälfte in Überzahl. Diesen Vorteil nutzten sie gnadenlos – wohingegen dem Botnanger Trainer Alexander Schweizer auch am Tag danach noch der Blutdruck stieg. Ja, sein Kapitän Mirlind Kamberi war im Gegenpressing grätschend gegen Ball und Gegner gerauscht. Wen oder was traf er dabei? Aus Schweizers Warte eben nur die Kugel. Der Schiedsrichter sah es dummerweise anders. Er zog ohne Zögern den Karton zum Platzverweis. „Wenn wir elf gegen elf weiterspielen, gewinnen wir an diesem Tag wahrscheinlich auch nicht, aber wir fangen uns definitiv keine sechs Dinger ein“, sagt Schweizer. Zur Wahrheit gehöre freilich ebenso: „Wir haben es in der zweiten Hälfte unfassbar schlecht gemacht.“ Und die andere Seite „unfassbar gut“.
Rüchan Pehlivan (rechts) glänzte in seinem Abschiedsspiel mit vier Torbeteiligungen. Foto: Günter Bergmann
Bemerkbar machte sich auch, dass den Botnangern im Abwehrchef Marouan Abarriche (Knieprobleme) und dem Angriffslulatsch Edison Quenaj (Amerika-Urlaub) zwei ihrer wichtigsten Spieler fehlten. Und so ist die tolle Serie von zuletzt neun Siegen nun futsch, mitnichten aber die Aufstiegslust. „Etwas geerdet“ worden sei sein Team, konstatiert Schweizer, mit Blick auf die Tabelle bleibe jedoch „das Grinsen im Gesicht“. Vier Spieltage vor Schluss sind die Botnanger immer noch Erster, wenn auch nun nur noch aufgrund der besseren Tordifferenz gegenüber dem SV Deckenpfronn. Und der aktuelle Gegner Vaihingen, der läuft nach wie vor mit beträchtlichem Abstand hinterher. Jetzt noch sieben Punkte statt zehn, was denn beim Filderclub trotz des Halbe-Dutzend-Schützenfests etwas hadern lässt: Wo nur könnte das Team des Trainers Tim Schumann stehen, wäre da nicht dieses Zwischentief rund um Ostern gewesen? „Da“, gibt sich Schumann keinen Illusionen hin, „haben wir uns das große Ganze ein Stück weit kaputt gemacht.“
Und auch damals schon ist offenbar ein Entschluss gereift, der erst jetzt an die Öffentlichkeit dringt: Der Coach hört entgegen der bisherigen Pläne im Sommer auf. Schlussstrich nach dann nur einer Saison als Chef auf der Vaihinger Bank. „Es gab ein paar interne Themen, die den Energielevel bei mir ein Stück weit runtergezogen haben“, sagt der 35-Jährige, ohne konkreter werden zu wollen. „Kein Ausstieg im Groll, alles gut.“ Im Verein hat man den Sinneswandel akzeptiert. Der Nachfolger steht bereits fest. Erneut kommt es zu einer Lösung aus den eigenen Reihen. Julian Borgia (33), bisher Spieler der zweiten Mannschaft in der Kreisliga A, erhält die Chance. (Spieler-) Trainer-Erfahrung bringt er von seiner vorherigen Station beim SC Neubulach mit. „Wir wollten einen jungen Trainer, der Elan hat und Lust, mit vielen jungen Spielern zu arbeiten“, begründet der sportliche Leiter Benjamin Schiffner die Wahl.
Zugleich stehen nach den erwähnten Pehlivan und Sandoval (zurück zum Studium in die USA) zwei weitere Spielerabgänge von Leistungsträgern fest. Oder nur eineinhalb? Während es Nick Rudloff definitiv zum Landesligisten SKV Rutesheim zieht, könnte im Fall von Maximilian Eisentraut, so die Vaihinger Hoffnungen, das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Der Torjäger-Oldie tendiert zum Karriereende.
TSV Jahn Büsnau – TV Darmsheim
Großer Spieltagsgewinner mit den Vaihingern ist derweil der Tabellendritte TSV Jahn Büsnau. Für jenen tut sich nach seinem eigenen 3:0-Sieg gegen den TV Darmsheim wieder der gefühlte Sternenhimmel auf: Sogar zu Platz eins ist es nun, wie unlängst schon einmal, lediglich noch eine Drei-Zähler-Kluft. Für Ralf Lenhardt Anlass genug, vollends zum Angriff zu blasen. Mit der großen Chance vor Augen keine Versteckspiele mehr. „Wir werden jetzt alles daran setzen, auch die beiden nächsten Spiele zu gewinnen“, kündigt der Sportchef des Aufsteigers an. Wegweisend werden die anstehenden Aufgaben allemal. Die Gegner heißen ASV Botnang (17. Mai auswärts) und SV Vaihingen (23. Mai zuhause). Eine Art vorgezogener Showdown in zwei Etappen. Zeit somit für die ultimativen Spitzentauglichkeitsprüfungen.
Einstweilen trotzten die Büsnauer souverän ihrer anhaltenden Personalmalaise. Der Trainer Dominik Lenhardt sowie die Leistungsträger Cedric Hornung, Marc Hetzel und Yannik Breuninger kehren alle erst in dieser Woche aus dem Urlaub zurück. Obendrein fehlte der Keeper Simon Hochschein gelb-rot-gesperrt. Dennoch steuerten die Jahn-Kicker frühzeitig auf Heimsiegkurs. Zwei Eckball-Torvorlagen des Kapitäns Sebastian Lenhardt waren der Türöffner gegen den ursprünglichen Titelfavoriten aus Darmsheim, dem aber seit dem Ausfall seines Toptorjägers Simon Lindner (Knorpelschaden im Knie) der Stecker gezogen scheint. Von seinen vergangenen sechs Spielen hat der Landesliga-Absteiger nur noch eines gewonnen.
Stichwort Toptorjäger indes: Die Büsnauer können sich ihrerseits über einen freuen. Sie haben das Rennen um einen der gerade begehrtesten aufstrebenden Kicker des Bezirks gemacht: Timo Bock, aktueller Ballermann Nummer eins der Kreisliga B, hat am Adolf-Engster-Weg zugesagt. Seine Empfehlung: 99 Tore in 53 Spielen. Hinzugerechnet Pokaltreffer, hat er bei seinem aktuellen Verein TSV Leinfelden gar die 100er-Marke geknackt. Verschmerzen können es die Büsnauer somit, dass ein anderer Wunschtransfer gescheitert ist. Von Otis Raiser vom SV Prag Stuttgart erhielt Lenhardt ein „Nein“.
Künftig für den TSV Jahn Büsnau auf Torejagd: Timo Bock. Foto: Günter Bergmann SV Deckenpfronn – TV Echterdingen II
Beste Rückrundenmannschaft ist unterdessen weiter der SV Deckenpfronn. Dessen Bilanz seit der Winterpause: zehn Siege, ein Unentschieden, null Niederlagen. Daran vermochte auch der TV Echterdingen II nichts zu ändern. Für die Gelb-Schwarzen geht es nach ihrem 0:3 beim Zweiten des Klassements umgekehrt immer tiefer in Richtung Keller. Spätestens seit diesem Sonntag lautet die Realität: Abstiegskampf. Der Abstand zum SV Rohrau, der als Zwölfter den wahrscheinlichen Relegationsplatz belegt, ist auf zwei Punkte geschmolzen.
„Der Fußball ist gerade extrem hart zu uns“, sagt der Trainer Sascha Blessing, der ein wiederkehrendes Muster erkennt. Vorne eine vergebene Großchance von Mischa Inthasane zur eigenen Führung, hinten dann ein erneutes Gegentor, und die Mannschaft knickt ein. Für die Gastgeber traf Tim Schwarz per krachendem Volleyschuss. So werden in Echterdingen nun die Rechenschieber wieder ausgepackt, flankiert von der Gewissheit, dass ein Abstieg der eigenen ersten Mannschaft aus der Landesliga eh das eigene Liga-Aus bedeutete.
SV Bonlanden – SV Nufringen
Und auch beim SV Bonlanden blickt man trotz 38 Punkten immer noch ein bisschen mulmig auf die Tabelle. Zumal: das aktuelle 2:2 gegen den SV Nufringen war die nächste Enttäuschung in einer überhaupt enttäuschenden Saison der Schwarz-Weißen. Einzig positiv für sie, dass Lukas Tschentscher und Dennis Adam mit späten Toren die drohende Heimniederlage verhinderten. Eben Adam (nach Bänderriss) und Agonis Berisha (nach Bandscheibenvorfall) stellten bei ihren Kurzzeit-Comebacks als Einwechselspieler alte Klasse unter Beweis. „Eigentlich dürfte ich sie in ihrem Gesundheitszustand immer noch nicht einsetzen, aber sie haben dann prompt den Unterschied gemacht“, lobt der Trainer Carmine Napolitano.
Croatia Stuttgart – VfL Herrenberg
Der designierte Absteiger Croatia Stuttgart schließlich spielte ebenfalls 2:2 – in seinem Fall nach zweimaliger Führung gegen den VfL Herrenberg. Sehenswert: Nenad Stevanovic verwandelte erneut einen Freistoß direkt. Bitter: Robin Marosevic sah für eine Notbremse Rot. Das war an diesem turbulenten Spieltag dann aber noch eines der kleineren Ereignisse.
Die Statistik zum 26. Spieltag
SV Bonlanden – SV Nufringen 2:2. Tore: 0:1 Tauber (37.), 0:2 Tropsch (58.), 1:2 Tschentscher (78.), 2:2 Adam (84.). Besonderes: –
VfL Oberjettingen – Spvgg Holzgerlingen 1:6. Tore: 0:1 Hamm (30.), 0:2 Horn (44.), 1:2 Maser (45.+1), 1:3 Klein (52.), 1:4 Quaranta (60.), 1:5 Hamm (62.), 1:6 Hatt (72.). Besonderes: –
TSV Jahn Büsnau – TV Darmsheim 3:0. Tore: 1:0 Specht (8.), 2:0 Aboulazm (27.), 3:0 Lindhorst (90.+5). Besonderes: Dieterle (Darmsheim) wehrt Foulelfmeter von Sebastian Lenhardt ab (85.)
TSV Musberg – Spvgg Cannstatt abgebr. Tore: 0:1 Krijestorac (16.), 1:1 Bubalo (22.), 1:2 Schulz (24.), 2:2 Bubalo (30.), 3:2 Kappeler (38.). Besonderes: Gelb-Rot für Ajolbek (Cannstatt, 90.+2); Spielabbruch, nachdem der Cannstatter Spieler Ajolbek den Schiedsrichter angefasst hatte (90.+2)
SV Deckenpfronn – TV Echterdingen II 3:0. Tore: 1:0 Schwarz (13.), 2:0 Mergel (59.), 3:0 Wunsch (80.). Besonderes: –
TSV Dagersheim – SV Rohrau 2:3. Tore: 0:1 Moser (31.), 1:1 Wichert (47.), 1:2 Tropsch (69.), 1:3 Tobias Kamm (75.), 2:3 Volz (90.+3). Besonderes: –
SV Vaihingen – ASV Botnang 6:1. Tore: 1:0 Rudloff (31.), 2:0 Pehlivan (37.), 3:0 Eisentraut (46.), 4:0 Sandoval (47.), 4:1 Steinbach (50.), 5:1 Pehlivan (71.), 6:1 Müller (90.+3). Besonderes: rote Karte für Kamberi (Botnang, 45.+4/grobes Foulspiel)
Croatia Stuttgart – VfL Herrenberg 2:2. Tore: 1:0 Vukovic (33.), 1:1 Abalioglu (35.), 2:1 Stevanovic (45.), 2:2 Franguere (78.). Besonderes: rote Karte für Marosevic (Croatia, 66./Notbremse)