Das dumpfe Knirschen kennt Fabian Armbruster, Geschäftsführer des Radgeschäfts Alf Cycling, nur zu gut. Wieder einmal streift ein Sattelschlepper an der Kreuzung Villastraße/Neckarstraße die Ecke des Gebäudes, über dem er sein Büro hat. Wie so oft setzt der Lastwagenfahrer seine Fahrt unbeirrt fort. Die Spuren sind vor Ort nicht zu übersehen: Teile der Ampel sind abgebrochen, das dortige Verkehrsschild ist verbogen und die Fassade ist an dem Gebäudevorsprung beschädigt. Je nach Wucht des Zusammenstoßes löst sich Mauerwerk in rund zweieinhalb Metern Höhe und landet auf dem Gehweg.
Viele Fußgänger auf dem Gehweg
„Noch ist zum Glück nichts passiert“, sagt Armbruster. „Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand verletzt wird.“ Sorge bereitet dem 37-Jährigen und seinem Team, dass die Lastwagen beim Rechtsabbiegen aus der Villastraße in die Neckarstraße nicht nur die Hauswand touchieren, sondern auch über den stark frequentierten Gehweg fahren. „Dort halten sich nicht nur unsere Kunden, die ein Rad probefahren, sondern auch viele Fußgänger auf. Kinder auf dem Schulweg.“ Armbruster habe sich auch im Namen seiner Mitarbeiter an die Öffentlichkeit gewandt. Sie erlebten die Unfälle vom Verkaufsraum teils aus nächster Nähe mit. So wolle man sich später nicht vorwerfen müssen, untätig geblieben zu sein.
Fabian Armbruster an der Unfallstelle in Stuttgart-Ost. Foto: Sebastian Steegmüller
Im vergangenen Jahr hat die Polizei an der Kreuzung insgesamt sechs solcher Verkehrsunfälle aufgenommen . Zwei Fahrer erhielten eine Geldbuße, vier flüchteten. Unter anderem verkeilte sich Mitte Juni 2025 ein Lastwagen so an der Hausecke, dass er von der Feuerwehr und einem Abschleppdienst befreit werden musste. Der Einsatz dauerte mehrere Stunden. In diesem Jahr sind zwei Unfälle in der Statistik zu finden. Am 20. Januar fuhr ein Lastwagenfahrer nach der Kollision davon. Eine Zeugin gab zu Protokoll, dass es sich um einen Sattelschlepper mit ausländischem Kennzeichen handelte. Die Ermittlungen verliefen ohne Erfolg. Der jüngste Vorfall ereignete sich am Mittwoch, 6. Mai: Ein Lastwagenfahrer bog gegen 14.15 Uhr von der Villastraße nach rechts in die Neckarstraße ab und blieb mit seinem Auflieger an der üblichen Stelle hängen. Rund eine Stunde waren stadteinwärts beide Fahrstreifen gesperrt.
Keine Unfallhäufungsstelle
Die Polizei stuft die Kreuzung Villastraße/Neckarstraße nicht als Unfallhäufungsstelle ein. Ein Grund aus Sicht von Armbruster ist die große Dunkelziffer. „Wir kehren noch immer regelmäßig heruntergefallenen Putz weg. Weil die Ecke mittlerweile schon rundgefahren ist, hält sich der Schaden an der Fassade aber in Grenzen“, sagt der Alf-Geschäftsführer. „Im Büro hören wir regelmäßig das Poltern, wenn ein Lastwagen wieder über den Bordstein fährt.
Die Problematik ist der Stadt Stuttgart offenbar bekannt. Im vergangenen Februar wurde die Anbringung von Verkehrszeichen angeordnet. Hierbei soll der Lkw-Verkehr von der Villastraße kommend nach links über die Kuhnstraße in einer Schleife zur Neckarstraße umgeleitet werden. „Bislang sind da keine Schilder“, moniert Armbruster, der sich für eine bauliche Veränderung ausspricht. „Vielleicht eine Bake oder einen Poller hinstellen? Irgendwie muss der Gehweg geschützt werden.“
Beschilderung reicht nicht
Eine Umleitung sei schön und gut, aber ein ortsunkundiger Lastwagenfahrer habe beim Abbiegen von der Cannstatter Straße genug zu tun, um sich zu orientieren. „Mit einem reinen Symbol ist es nicht getan. Langfristig würden wir uns eine städtebauliche Umgestaltung wünschen. Es ist für uns in keiner Weise nachvollziehbar, warum diese kleine Stichstraße zwischen Neckar- und Cannstatter Straße vierspurig sein muss“, sagt Armbruster. „Da wir uns als Fahrradwerkstatt ohnehin auf die Fahnen geschrieben haben, Stuttgart fahrradfreundlicher und dadurch lebenswerter zu machen, unterstützen wir die Stadt gerne bei diesem Vorhaben.“
Der Alf-Chef kann sich nicht erklären, warum sich seit knapp einem Jahr die Unfälle häufen. „Vielleicht hat sich irgendwas an der Routenplanung der Lkw-Navis geändert?“ Er vermutet, dass sie von der Bundesstraße abbiegen, um zu wenden. „Da die Situation nicht mehr tragbar ist, sprechen wir uns für ein Durchfahrtsverbot für den Schwerlastverkehr aus“, sagt der 37-Jährige, der sich im vergangenen Sommer bei der Stadt per Gelber Karte beschwert hat. Monate später habe er eine telefonische Rückmeldung erhalten, dass man sich die Situation anschauen werde. Ansonsten habe er nichts gehört.