„Die Razzia des grünen Zettels hat mein Leben für immer verändert. Mein Vater wurde vorgeladen und ist nie mehr nach Hause zurückgekehrt“, berichtet die 91 Jahre alte Holocaustüberlebende Liliane Ryszfeld. Als Sechsjährige hatte sie ihn mit ihrer Mutter zur Polizei in einem Pariser Vorort begleitet. Viele Jahrzehnte hat sie vergeblich auf die Rückkehr des Vaters gewartet. Am Montag wird sie ihre Geschichte Berliner Schülern erzählen.
Gemeinsam mit der Claims Conference hat die französische Botschaft in Berlin eine immersive Ausstellung gestaltet, die ein einmaliges Zusammenspiel von transparenten Fotofolien an den riesigen Fenstern zum Innenhof und eindrucksvollen Fotos präsentiert. Auf kleinen Tischen finden sich Audiogeräte mit Berichten von Zeitzeugen sowie kleine Apparate mit Dias zur Ansicht. 98 Fotos der kaum bekannten ersten Razzia gegen Juden im von Deutschland besetzten Paris werden von Sonntag an erstmals in Paris und von Dienstag bis 9. Juli während der Öffnungszeiten der französischen Botschaft in Berlin gezeigt.
Die „Rafle du Billet Vert“, die Razzia des grünen Zettels, jährt sich am 14. Mai dieses Jahres zum 85. Mal. Ohne einen spektakulären Fund im Jahr 2020 wüsste man so gut wie nichts von der ersten Massenverhaftung der Wehrmacht in Kollaboration mit dem Vichy-Regime. Zwei Sammler entdeckten 2020 bei einem Trödelhändler 98 Kontaktabzüge, sorgfältig nummeriert und auf graue Kartons geklebt. Sie haben die Bedeutung dieses Fundes erkannt und die Abzüge der Pariser Gedenkstätte Mémorial de la Shoah übergeben.
Die Fotos stammen von Harry Croner, der für die Wehrmacht arbeitete. Sie wurden als Kontaktstreifen erst 2020 bei einem Trödelhändler gefunden, danach langsam ausgewertet und werden nun erstmals in ihrer Gesamtheit in Paris und Berlin gezeigt.Mémorial de la Shoah
Die Bilder stammen von dem Berliner Fotografen Harry Croner, der für die Propagandaabteilung der Wehrmacht arbeitete. Einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns, Theodor Dannecker, war im September 1940 zum Leiter des Judenreferats der Gestapo in Paris geworden und ließ im Mai des folgenden Jahres insgesamt 3800 ausländische Juden verhaften und in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande bringen. Vor allem Männer aus Polen und Tschechien, die im größten Judenviertel im 11. Arrondissement in Paris wohnten, folgten am 14. Mai 1941 der auf einen grünen Zettel gedruckten Aufforderung, zur Turnhalle Japy zu kommen.
Die nichtsahnend dorthin geeilten Juden erfuhren erst in der Turnhalle, dass sie „zwei Decken, ein Leintuch, Wechselwäsche, eine Garnitur Besteck, eine Schüssel, ein Trinkglas, Toilettenartikel, Nahrungsmittelmarken, Lebensmittel für 24 Stunden“ brauchten und sich von ihrer Familie trennen mussten. Frauen und Kinder eilten nach Hause, holten alles Nötige und standen mit den Bündeln für die Väter vor der Turnhalle, wo Croner sie fotografierte.
Einfühlsame Bilder der Opfer
Es waren keine Bilder aus der Perspektive der Täter, sondern menschliche Perspektiven auf die Opfer in ihrer Würde und Individualität. Croner war von Dannecker beauftragt worden, die Kollaboration der französischen Polizei bei den Razzien zu dokumentieren. Auf einem der Bilder, die nun in der französischen Botschaft in Berlin zu sehen sind, ist der Pariser Polizeipräfekt François Bard neben Dannecker zu sehen.
Erst am Sammelpunkt erfuhren die Männer, dass sie von ihren Familien getrennt werden sollten.Mémorial de la Shoah
13 Monate wurden die Männer in einem verschlammten, eigentlich für deutsche Kriegsgefangene gedachten unfertigen Lager festgehalten. Auch von diesen erbärmlichen Lebensbedingungen zeugen Croners Fotos. Es gab anfangs nicht einmal Stroh auf den Holzpritschen, auch keine Fenster. Von den französischen Zwischenlagern aus wurden die internierten Männer nach Auschwitz-Birkenau transportiert und ermordet.
Von den 3800 Verhafteten konnten 700 fliehen, weniger als 100 der 3100 nach Auschwitz Deportierten überlebten. Die Nazis benutzten nur wenige der Aufnahmen – die mit einem roten Kreuz markiert wurden – für ihre Propaganda. Alle übrigen sind das einzige Zeitzeugnis für die erste Razzia gegen Juden im besetzten Frankreich, der eine zweite bekanntere brutale Massenfestnahme von 8000 jüdischen Frauen, Männern und Kindern im Juli 1942 im Pariser Wintervelodrom folgen sollte.
In einer historischen Rede im Jahr 1995 hatte Jacques Chirac als erster Präsident die Mitverantwortung Frankreichs für die Grausamkeiten der Razzien beim Namen genannt: „Frankreich, die Heimat der Aufklärung und der Menschenrechte, das Aufnahme- und Asylland, hat an jenem Tag das nicht wieder gut zu Machende begangen.“
Claims Conference sieht Parallelen zum Heute
Der 1940 zur Wehrmacht eingezogene Croner wurde wegen seines jüdischen Vaters nach 18 Monaten als „wehrunfähig“ eingestuft und 1944 in einem Arbeitslager an der französischen Kanalküste interniert. Im März 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde im April 1946 freigelassen. Er kehrte damals nach Berlin zurück und wurde ein geschätzter Presse- und Theaterfotograf, der viele Porträtaufnahmen machte und 1992 in Berlin starb.
Die festgenommenen Juden wurden in Übergangslager gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert, wo die meisten ermordet wurden.Mémorial de la Shoah
Der Berliner Repräsentant der Claims Conference in Europa, Rüdiger Mahlo, hebt die historische und moralische Bedeutung der erstmals in Deutschland gezeigten Bilder hervor: „Heute erleben wir in mehreren europäischen Gesellschaften erneut Anfänge der Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden – diese Bilder sind für uns zugleich Mahnung und Verpflichtung.“ Der französische Botschafter Frankreichs, François Delattre, erhofft sich von der Ausstellung, „dass die aufgeklärte Kenntnis der dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte heute die Grundlage der Wertegemeinschaft bildet, die Frankreich und Deutschland verbindet“.
Wer in den lichten Innenhof der französischen Botschaft tritt, begibt sich auf einem straßenähnlichen gepflasterten Gang selbst in die damaligen Ereignisse hinein. Der Betrachter nimmt die zunächst ahnungslosen jüdischen Familien vor der Deportation wahr, die Zuschauer aus den Fenstern der Nachbargebäude der Turnhalle in Japy, die jüdischen Männer am Bahnhof Austerlitz, die sich dort wie vor einer harmlosen Reise sammeln, und die verängstigten Gesichter der jüdischen Familienväter im Augenblick der Trennung, die für viele Frauen und Kinder zu einem lebenslangen Albtraum wurde.