
Lange warb Präsident Selenskyj bei den Verbündeten um Waffen mit großer Reichweite – wie etwa „Taurus“. Doch inzwischen produziert die Ukraine selbst. Mit Erfolg: Russland meldet verstärkt Angriffe tief im Hinterland.
Die Region Leningrad liegt im Nordwesten Russlands, grenzt an Finnland und Estland – und ist seit einigen Wochen Frontregion. Das zumindest sagt der Gouverneur der Region, obwohl die von Russland überfallene Ukraine Hunderte Kilometer entfernt liegt.
Doch seit Monaten greift die Ukraine Leningrad und weitere Regionen tief in Russland an. Zerstört und beschädigt militärische Objekte und nimmt Ölraffinerien ins Visier. Der Ukraine gelinge es so, Russland deutlich zu schwächen, meint der Militärexperte Wladyslaw Seleznyow: „Das Vorgehen der ukrainischen Armee im Rahmen der ‚Deep-strike‘-Kampagne hat ein ganz klares Ziel: die maximale Schwächung des Offensivpotenzials der russischen Besatzer.“
Aus der Not heraus eine Stärke entwickelt
Lange war die Ukraine bei sogenannten Deep strikes – also Angriffen tief im russischen Hinterland – von ihren westlichen Partnern abhängig. Sie durfte mit gelieferten Waffen nicht überall angreifen.
Den von Bundeskanzler Friedrich Merz im deutschen Wahlkampf versprochenen „Taurus“-Marschflugkörper bekam sie nie und musste auf eigene Produktion setzen. Und das mit Erfolg, wie ein selbstbewusster Mychajlo Federow, Verteidigungsminister der Ukraine, in Kiew betonte. Die Ukraine habe inzwischen Waffen, die eine ähnliche oder sogar größere Reichweite als die „Taurus“-Marschflugkörper hätten. „Aber es kann nie zu viele Waffensysteme geben und wir sind immer offen dafür, mehr Waffen zu erhalten“, sagte Federow. Die Ukraine habe sich in diesem Bereich „eine gewisse Unabhängigkeit“ erarbeitet.
Wir alle haben die Angriffe auf Russland über eine Entfernung von 1.500 Kilometern gesehen. Die Ukraine macht in diesem Bereich ihre Hausaufgaben.
Ukraine schickt mehr Drohnen als Russland
Mit 7.000 Drohnen habe die Ukraine Russland allein im März angegriffen, geben unabhängige Analysten an. Und damit erstmals mehr Drohnen in das Land des Angreifers geschickt, als der Kreml zurück. Laut Bloomberg sei das russische Rohölverarbeitungsvolumen auf dem niedrigsten Stand seit 2009.
Ukrainische „Deep strikes“ entwickeln zunehmend mehr Wirkung. Die Fähigkeiten in dem Bereich nehmen immer weiter zu, erklärt der Militärexperte Ihor Romanenko. „Die ukrainische Armee und die ukrainische Rüstungsindustrie gewinnen sowohl bei Mittel- als auch bei Langstreckenfähigkeiten an Stärke.“
Romanenko fordert: Die Ukraine solle ihre Anstrengungen auf Orte konzentrieren, an denen russische Raketen hergestellt werden, „vor allem ballistische Raketen“. Denn die Ukraine habe einen Mangel an eigenen Luftverteidigungsmitteln. Die Ukraine selbst greift gezielt Luftverteidigungssysteme in Russland an – um dann Ölinfrastruktur und militärische Ziele attackieren zu können.
Inwieweit die Angriffe den Kriegsverlauf verändern werden, ist noch unklar. Doch schon jetzt würden sich die Folgen der Angriffe spürbar auf Russlands Haushalt auswirken. Die Prognose für das Wirtschaftswachstum wurde gesenkt – für 2026 kappte die Regierung die Vorhersage für den Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 1,3 auf 0,4 Prozent. Und auch an der Front nehmen aufgrund der ukrainischen Angriffe auf die russische Logistik die Probleme für den Aggressor zu.
