Nachdenklich, eindringlich, kontinuierlich: Susanne Siegert lässt nicht locker. Sie dreht Tiktok-Videos, um die Geschichte des Nationalsozialismus lebendig zu halten. Dutzende dieser kurzen Clips hat sie im sozialen Netzwerk bereits hochgeladen. Für ihre innovative Arbeit ehrte die Stiftung Erinnerung sie jetzt mit dem Marion-Samuel-Preis. Siegerts Wohnort hat viel mit ihrem Engagement zu tun.

Mühldorf, zwischen Altötting und Waldkraiburg. Als eines der größten Außenlager des KZ Dachau beherbergten die Wälder um die kleine Stadt zahlreiche Häftlings-Unterkünfte und ein Geheimprojekt. Vor allem auf der Baustelle „Weingut“ zur Errichtung eines Produktionsbunkers für die Messerschmidt-Werke kamen tausende Zwangsarbeiter zu Tode. Die Journalistin, Autorin und Videobloggerin Susanne Siegert wuchs in der Nähe auf. „Als ich das erste Mal davon erfuhr, hat mich das sehr mitgenommen.“

Auf Tiktok hat sie inzwischen über 200.000 Follower

2020 begann sie, Fotos zu machen und auf Instagram zu veröffentlichen. Heute dreht sie vor allem 60-Sekunden-Videoclips für Tiktok. In nur jeweils einer Minute, verspricht sie Fans und Zufallszuschauern, „lernst du das, was du in der Schule nicht über Nazi-Verbrechen lernst“. Es geht um bekannte Verbrechen und Verbrecher, aber auch um die weniger bekannten, in ihrer Dimension aber ebenso erschreckenden Tatorte. Über 200.000 Follower hat sie seit 2022 aufgebaut. Zudem produziert sie unter der Adresse zeit:zeugnisse auf verschiedenen Plattformen technisch und erzählerisch überzeugende Podcasts, in denen sie auf Archivmaterial, darunter originale Augenzeugen-Interviews, zurückgreift.

Die Kombination der gesellschaftlich bedeutsamen, aber schwergängigen Inhalte mit Journalismus, Quellenstudium und Spaß im Umgang mit digitalen Formaten haben die Stiftung Erinnerung des früheren FCA-Präsidenten und Augsburger Ehrenbürgers Walther Seinsch überzeugt. Die Jury erkannte Susanne Siegert für ihren innovativen Ansatz den Marion-Samuel-Preis zu. Er ist mit 25.000 dotiert. Ingrid und ihr Sohn Jörn Seinsch überreichten am Montag die Auszeichnung. „Neugierig, empathisch und zugleich schonungslos deckt Siegert auf und stellt die Frage, was Erinnerungskultur eigentlich heute ausmachen sollte“, so Jörg Seinsch.

Demnächst erscheint ihr zweites Buch zur NS-Geschichte

In einem Gespräch mit Christian Klucher, Geschichtsdidaktiker der Universität Augsburg, ging es um Einwanderung und Erinnerung. Siegert findet: „Auch Leute, die keine familiäre historischen Bindungen an die Nazi-Zeit haben, können diese Spuren sehen. Auch sie fühlen, wie es ist, wenn man plötzlich historische Verbrechen von solcher Tragweite vor der eigenen Haustür entdeckt.“ Die Fokussierung der Erinnerungskultur auf die Identifizierung der Opfer kritisiert sie: „Uns steht die Identifikation mit den Opfern nicht zu, wir müssen die Täter benennen, die Bürgermeister, Landräte, Krankenpfleger Polizisten.“ Siegert vermittelt das auf einer Plattform, die Jugendliche erreicht, in einer Sprache, die sie kennen. Ohne analoge Vermittlung kommt jedoch auch Siegert nicht aus. Mit dem Preisgeld möchte sie sich auf ihr zweites Buch zur NS-Geschichte konzentrieren, das im Herbst 2027 erscheinen soll.

Seit 26 Jahren vergibt die Stiftung den Marion-Samuel-Preis. Die Verleihung fand in der ehemaligen Zwangsarbeiter-Unterkunft „Halle 116“ statt und eröffnete gleichzeitig die neu eingerichtete „Schotte 4“. Sie ist ein Teilbereich der ehemaligen Zwangsarbeiterhalle, die nach dem zweiten Weltkrieg in die Nutzung der US-Armee überging.