
AUDIO: Grubenunglück bis Queen-Besuch: Joachim-Giesel-Fotos in Hannover zu sehen (4 Min)
Stand: 12.05.2026 15:33 Uhr
Joachim Giesel war bei bedeutenden Ereignissen mit der Kamera dabei: dem Grubenunglück von Lengede 1963 oder dem Besuch von Queen Elisabeth II. 1965 in Hannover. Eine Ausstellung zum Lebenswerk des Fotografen ist nun in der Galerie für Fotografie in Hannover zu sehen.
Ernst und ein bisschen kritisch guckt Rudolf Augstein 1990 in Hamburg in einen Spiegel, sein Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in der Hand. Für den Bildband „Photo-Portraits aus Hannover“ hat Joachim Giesel den Verleger mit sich selbst konfrontiert. Es ist das Spiel mit dem Namen der Zeitschrift, mit dem Sehen und Gesehenwerden. Was treibt ihn beim Fotografieren an? „Die Neugierde ist das größte Antriebsmittel“, sagt der Fotograf, „und das Bild hinter dem Bild interessiert mich auch und ich wollte gerne anderen Menschen auch zeigen, was ich denke und wie ich das empfinde.“
Durch den Fußball zur Fotografie

Staatsbesuch von Queen Elizabeth II. in Hannover, am 27. Mai 1965, fotografiert von Joachim Giesel.
Es ist die Gunst der Stunde, die den 1940 in Breslau geborenen Hannoveraner mit 16 Jahren zum Fotografen macht. Nach einem Spiel seiner Jugendmannschaft bleibt er 1956 im Niedersachsenstadion und kann das erste Freundschaftsspiel der BRD gegen die Sowjetunion auf deutschem Boden in den Fokus nehmen. Sein Vater regt an, die dabei entstandenen Fotos an das Jugendmagazin „Rasselbande“ zu verkaufen.
1969 fotografiert er – inzwischen Fotograf mit Meisterbrief und eigenem Studio – Stürmer Gerd Müller für Werbung der Firma Telefunken. „Hier zum Beispiel sehen wir Gerd Müller mit Fußball vor einem grünen Studiohintergrund“, zeigt Kuratorin Rickie Lynne Giesel, „dazu liegt in der Vitrine die Zeitschrift Hörzu, in der Telefunken ihren neuen Pal-Color Farbfernseher, also einen der ersten Farbfernseher vorstellt. Oder eben auch zwei Schallplatten, bei denen Gerd Müller dann im Interview mit Harry Valérien über die WM und über die vergangenen Spiele spricht.“

Dietmar Hasenpusch dokumentiert seit Jahrzehnten Schiffe weltweit – sein Archiv umfasst über zwei Millionen Bilder.
Spektakuläre Aufnahmen im Hubschrauber

Schwanensee, Hannover 1986, fotografiert von Joachim Giesel.
Rickie Lynne Giesel, der Enkelin des Fotografen, ist es wichtig, zu zeigen, wie die Fotos nach den Aufnahmen verwendet wurden. Im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Universität Leipzig sichtete sie mit Kommilitonen rund drei Millionen fotografische Aufnahmen ihres Großvaters. Darunter ein Foto für die Ausstellung 1970 „Drei Photographen und ein Mädchen“.
Joachim Giesel lässt ein Model mit Helm und wallender Abendgarderobe mit einem Bundesgrenzschutz-Hubschrauber in die Luft steigen, das Fluggerät ist mit im Bild – so arbeitet er auch bei Porträts. Joachim Giesel versucht damit: „Den Betrachter erstmal da reinführen, was ich zeigen will, und das kann man natürlich durch Umfeld. Deshalb habe ich immer Porträts gemacht von Menschen, die berühmt waren, in ihrem Umfeld.“
Über Porträts Zeitgeschichte von Hannover erfahren

Streik bei der Hanomag Hannover, 17. Mai 1967. Fotografie von Joachim Giesel.
Es sind Umfelder, die Zeitgeschichte erzählen, etwa in den Kanzlerporträts ab 1963. Ludwig Erhard ist da mit Cognac-Glas und Zigarre zu sehen, der Sozialdemokrat Willy Brandt mit erhobener Faust auf einem Gewerkschaftstag, Gerhard Schröder lehnt als Ministerpräsident im Landtag in Hannover lässig an einer Tischkante vor dem Niedersachsenross. Und auch als Kurator wird Joachim Giesel tätig.
1972 gründet er mit Kollegen eine der ersten nicht-kommerziellen Fotogalerien Europas, die „Spectrum Photogalerie“. „Ich war befreundet mit zwei weiteren Fotografen: Heinrich Riebesehl, der war hier Lehrer an der damals noch Fachhochschule, später Universität. Und Kurt Julius, einer der ganz großen Theaterfotografen“, erinnert sich Joachim Giesel. „Wir hockten oft zusammen und er hat mich mal mitgenommen bei einer Probe im Theater und ich sollte da auch fotografieren. Dann habe ich auch Aufträge vom Staatstheater bekommen. Das war dann der Einstieg.“

Er fotografierte auf Trümmern nach dem Krieg und am Machu Picchu: F.C. Gundlach gab der Modefotografie ein neues Gesicht.
Es ist ein facettenreiches Lebenswerk, das einen vor allem über Menschen in die Zeitgeschichte Hannovers und Deutschlands hineinzieht, ergänzt durch eine Internetseite und einen gut gemachten Katalog aus dem Hirmer Verlag, der die Geschichte hinter der Geschichte beleuchtet.
Die Ausstellung in der Galerie für Fotografie in Hannover beginnt am 14. Mai und ist bis zum 14. Juni zu sehen.