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Polly und Mackie knutschen im Gerichtssaal rum. © Julian Baumann
Viktor Bodó gibt der „Dreigroschenoper“ in Stuttgart ihren Schwung zurück, und neue, unerhoffte Schärfe.
Was dem ungarischen Regisseur Viktor Bodó mit seiner „Dreigroschenoper“ am Schauspiel Stuttgart gelingt, ist eine erstaunliche, unerwartete Verbindung: Eine kurzweilige, auch lukullische und bis ins Klamaukige fröhliche Unterhaltungsschau, die die Schlager von Kurt Weill – ein Schlager nach dem anderen, kein Song dabei, der nicht auch zum Schlager geworden wäre – aufs Schärfste zur Geltung bringt. Die es möglich macht, dass die schlauen Sprüche von Bert Brecht (und Elisabeth Hauptmann, wie heute nicht mehr vergessen wird zu erwähnen) einigermaßen wirken können, obwohl jeder sie zuende sprechen könnte („Was ist ein Einbruch in eine Bank …“). Die so eine richtige „Dreigroschenoper“ ist, aber man langweilt sich keinen Moment. Die zugleich jedoch eine unheimliche Ebene einbaut, auf der sich das Panorama eines gewalttätigen, korrupten, überaus ungemütlichen Systems auftut.
Dieser unheimlichen Ebene dürfte es zu verdanken sein, dass das satte drei Stunden lang nicht fade wird. Immer wieder eine neue Idee, eine Wendung, dabei ist auch das Revuehafte der „Dreigroschenoper“ häufig erwartbar, hier aber nicht. Sogar eine Art von „Auflösung“ gibt es, was die völlig irrsinnige Eingangsszene betrifft.
Sie machen Mackie den Prozess. Sie versuchen es
Die völlig irrsinnige Eingangsszene gehört zur Ausgangssituation, die Bodó und Bühnenbildnerin Zita Schnábel sich ausgedacht haben. Die Bühne wird von einem steilansteigenden Auditorium gerahmt, ein Gerichts- ebenso wie ein Hörsaal und auch als beides verwendet. Zur Ouvertüre wird eine Leiche seziert, man glaubt, man sieht (und hört) nicht recht. Das entnommene Hirn ein Blumenkohl, der nachher, ähm, noch eine Rolle spielen wird. Kaum ist die Schädeldecke wieder aufgesetzt, erhebt sich die Leiche, ist der Schauspieler Reinhard Mahlberg und singt die Moritat von Mackie Messer. Das ist überraschend, zumal die nun hirnlose Ex-Leiche sich widergängerhaft einkleiden lässt und als Richter hoch ins Auditorium steigt.
Ja, sie tun in Stuttgart so, als wäre der ganze Abend ein Gerichtsprozess, gegen Mackie. Die anderen sind als Zeugen und Zeuginnen vorgeladen, aber Bodó handhabt das klug, nämlich salopp. Er lässt sich das Erzählen von seinem Konzept nicht kaputtmachen, und doch bleibt der laufende Prozess präsent: vordergründig als chaotische Veranstaltung mit einem zunehmend desorientierten Richter. Im Hintergrund als effektvolle Präsentationsfläche für Selbstdarstellungen, Lebenslügen, all den Betrug auf offener Bühne.
Abgesehen davon, dass es Mackie nachher ans Leder geht. In einen kleinen Käfig kann man ihn hier sperren, und selbst als Hinrichtungsstätte ist dieser Raum geeignet, der keine Privatsphäre zulässt.
Das Ensemble bewegt sich hier wie eine Gämsenherde, abgesehen davon, dass auch der Zuschauersaal mitbenutzt wird. Bodó macht Theater-Theater, aber er macht es auch richtig gut, sorgfältig, auf den Punkt. Zum Lied der Seeräuber-Jenny tanzt Mackies von ihm abgekanzelte Bande wie hypnotisiert (starke Szene), während Mackie, pardon, sich einen runterholt. Wer versteht hier etwas von Kunst?
Oft gesehene Späße nehmen auf diese Weise wieder Fahrt auf und Pollys rasanter Galopp quer durch den Saal bringt Josephine Köhler tosenden Extrabeifall ein. Köhler ist eine abgebrühte Gangsterbraut, Marcel Heupermans Mackie ein Macker und Nichtsnutz, fast ein Vorabendserienbeau.
Insgesamt gibt es, auch in den Kostümen von Hanna Erös, kaum etwas, das an die 1930er Jahre erinnert. Bodó hat nach eigenem Bekunden durchaus Orbáns Ungarn im Blick, wenn die Korruption blüht, ein paar wenige das Sagen haben und die Polizeigewalt alleine ihnen dient.
Das ist jetzt der ganz böse Dreh: Mackie ist hier, obwohl er lustig ist, keiner mehr, dessen Rettung man sich klammheimlich erhofft. Im Gegenteil. Nachdem sich im Zuschauersaal das klingelnde Telefon, der rettende Bote, gefunden hat und Mackie wieder frei ist, erwürgt er fix den Richter. Der Verbrecher ist davongekommen und er macht weiter.
Es wird hinreißend gespielt, es wird sehr gut gesungen. Es gibt einen Orchestergraben, in dem Klaus von Heydenaber mit seiner kleinen Combo ohne Wenn und Aber knallige, präzise Musik entsendet.
Schauspielhaus Stuttgart: 16., 30. Mai, 7., 8., 25. Juni, 6., 10., 14. Juli. www.schauspiel-stuttgart.de