Der Kinosaal 2 war voll bei der Premiere des neuen Dokumentarfilms „Kommunist“ von Lutz Pehnert am 8. Mai 2026 auf dem Filmkunstfest in Schwerin. Wohlwollender Beifall ertönt am Ende für das filmische Porträt über Egon Krenz. Doch im Saal ist auch verärgertes Kopfschütteln bei Zuschauern zu sehen, die demonstrativ nicht klatschen. Wenig später beginnt das Filmgespräch. Der 89-jährige Krenz ist dafür extra nach Schwerin gekommen. Der letzte SED-Generalsekretär der DDR sitzt auf der Bühne und lobt ausdrücklich den Film: er fühle sich verstanden und sei zufrieden. Krenz genießt sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm jetzt und später auf den Gängen des Filmtheaters Capitol zuteil wird.

Burkhard Bley: Beschönigung der DDR

Als der Moderator beim Filmgespräch Reaktionen aus dem Publikum zulässt, meldet sich sofort Burkhard Bley. Er ist Landesbeauftragter für die Opfer der SED-Diktatur in Schwerin und bezeichnet den Film ohne lange Vorrede als „misslungen“. Bley verweist auf 250.000 politische Gefangene in der DDR, kritisiert die im Film vorgenommene „Beschönigung“ der DDR und sagt, dass er die DDR auf keinen Fall zurückhaben will.

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Unmut ist im Kinosaal zu spüren, Buh-Rufe ertönen. Teile des Publikums wollen sich nicht die Premierenstimmung und ihre schönen Erinnerungen an die DDR verderben lassen. Ja, es gibt sie 2026 wirklich noch, die „Fans von Egon Krenz“. Dieser versucht jetzt, den kritischen Landesbeauftragten zu diskreditieren. Im Film sei doch gerade gelebte DDR-Geschichte zu sehen gewesen, erklärt Krenz. „Sie schauen doch nur in die Akten.“ Es klingt fast so, als wenn der ehemalige SED-Chef die Führungsrolle seiner Partei bei der Deutungshoheit über die DDR verteidigen will. „Wie alt sind Sie eigentlich?“, fragt Krenz auch noch – fast so, als wenn erst sein Alter es erlauben würde, etwas Richtiges über die DDR sagen zu können.

„Krenz & Fans“ gegen Team „Diktaturaufarbeitung“

Das mit dem „in die Akten schauen“ macht Bley tatsächlich. Seit Jahren hilft er mit seiner Behörde Menschen, die unter der SED-Diktatur gelitten haben: ehemaligen politischen Häftlingen und Stasiopfern, Menschen mit Berufs- oder Studienverboten, traumatisierten Gulag-Häftlingen und ihre Angehörigen, misshandelten Jugendlichen aus Jugendwerkhöfen, Opfern von DDR-Sportdoping. Für Egon Krenz gibt es diese Menschen nur in Akten. Bei Burkhard Bley stehen sie persönlich als lebende DDR-Geschichte im Büro, wollen Entschädigung für das ihnen der DDR widerfahrene Unrecht.

Bereits beim Filmkunstfest in Schwerin wird klar, dass der gezeigte Film große Zustimmung und gleichzeitig heftigen Widerspruch auslöst und auch noch nach Kinostart im Juni 2026 auslösen wird. Hier in Schwerin im Kinosaal 2 spielt gerade das Team „Krenz & Fans“ gegen das Team „Diktaturaufarbeitung“. Es geht in der Geschichts-Regionalliga Nordost um die DDR-Deutungsmeisterschaft.

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Umstrittene Filmpremiere: Egon Krenz gibt im Schweriner Capitol Autogramme. (Foto: Matthias Baerens)

Bereits am Montag nach der Premiere tobt dann die öffentliche Diskussion. Der Landesbeauftragte Bley hatte noch am Wochenende eine Pressemitteilung verschickt mit harter inhaltlicher Kritik an der Filmförderung MV und dem Filmkunstfest: „Der Film ,Kommunist‘ von Lutz Pehnert ist kein differenzierter Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sondern er vermittelt bewusst ein geschöntes Bild von der DDR, unterschlägt historische Fakten und bedient sich manipulativ der Bildsprache der DDR-Propaganda.“ Damit verhöhnten der Film und sein Protagonist Egon Krenz alle, die unter dem SED-Unrecht zu leiden hatten. Nach Ansicht von Bley müsse sich auch die Filmförderung MV fragen, „ob und wie eine Qualitätssicherung bei den geförderten Produktionen stattfindet.“

Volker Kufahl: Auch Filme mit Reibungsflächen bieten

Beide Institutionen reagieren prompt. Der künstlerische Leiter des Filmkunstfest MV, Volker Kufahl, weist die Kritik zurück: Es gehöre zu den „elementaren Aufgaben“ seines Festivals, „Produktionen, die hier im Land entstanden sind und hier gefördert wurden, eine Sichtbarkeit (…) zu geben und eine Möglichkeit zur öffentlichen Bewertung/Auseinandersetzung mit diesen Arbeiten zu schaffen.“ Ein lebendiges Fest müsse „auch Filme zeigen, die Reibungsflächen bieten.“ Kufahl nimmt den Filmautor in Schutz: „Sein Film ist keine TV-Geschichtsdokumentation, sondern eine essayistische, künstlerische Annäherung an die öffentliche Person von Egon Krenz und eine Auseinandersetzung mit ihr.“

Prof. Olaf Jacobs von der kritisierten MV Filmförderung GmbH verweist darauf, dass Förderentscheidungen „auf Grundlage der Empfehlungen eines unabhängigen Vergabegremiums“ fallen und dabei „kulturelle und kulturwirtschaftliche Kriterien“ berücksichtigt werden. Dann wird er etwas differenzierter: „Selbstverständlich nehmen wir Kritik wahr und ernst.“ Und auch er weist darauf hin, dass es sich um einen „künstlerischen Dokumentarfilm“ handelt. Die Gestaltung des Films unterliege „der künstlerischen Freiheit und der alleinigen Verantwortung des Autors/Regisseurs.“

Szene mit Egon Krenz aus „Kommunist“Bild vergrößern

Szene mit Egon Krenz aus „Kommunist“ (Foto: solofilm)

Das ist also alles von der Kunstfreiheit gedeckt, was formal korrekt ist. Lutz Pehnert ist anerkannter Filmschaffender und Autor zahlreicher Dokumentationen, außerdem Grimme-Preisträger. Er ist Profi, auch im Marketing. Er habe den Film deswegen „Kommunist“ genannt, damit sich auch junge Leute dafür interessieren, verrät er im Filmgespräch. Es gehe ihm aber wirklich um eine differenzierte Darstellung der DDR, betont er mehrfach an verschiedenen Stellen.

Opfer des SED-Systems verärgert

Doch dieser Anspruch und die filmische Wirklichkeit klaffen in seinem Film auseinander. Historische Aufarbeitung kann durchaus auch künstlerisch erfolgen. Doch das setzt voraus, dass historische Wahrheiten und Kontexte dabei sichtbar bleiben. Form folgt Funktion, heißt es doch immer. Wenn sich nach zwei Stunden „künstlerischer Dokumentation“ in der Gesamtschau der Täter Egon Krenz über den Film spürbar freut und die Opfer des SED-Systems verärgert sind, dann hat sich der Filmautor eher positioniert als differenziert eine Geschichte erzählt. Pehnert steckte offensichtlich in einem Dilemma. Wenn er seinen Film nicht so „krenzenlos“ wohlwollend gemacht hätte, dann hätte Egon Krenz nicht mitgemacht. Hat er womöglich dem Genossen Krenz dafür zuvor sein „Pionierehrenwort“ geben müssen? Spaß beiseite – man weiß es nicht.

Knapp 130.000 Euro fanden sich in den kulturellen Film-Fördertöpfen für die künstlerische Auseinandersetzung mit Egon Krenz, die eher zu einer Hommage für Krenz und seine DDR geraten ist. Genau 32.250 Euro hat Burkhard Bley in jedem Jahr für Projektförderungen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern zur Verfügung. Beide Förderungen sind wichtig. Inhaltliche Diskussionen darüber aber auch.

HintergrundWas der Film zeigt und das Geheimnis des Regisseurs …

Filmautor Lutz Pehnert erzählt die Lebensgeschichte des umstrittenen FDJ-Funktionärs und SED-Politikers Egon Krenz primär aus dem Blickwinkel seines Protagonisten. Weitere ihm politisch oder menschlich wohlgesonnene Weggefährten ergänzen sein gefestigtes Weltbild von einer schönen DDR, die immer nur das Beste wollte. Einige Interviewte lernen den DDR-Politiker erst im hohen Alter bei privaten Treffen kennen, wie Grundstücksnachbarn oder ein politisch interessierter Tourist aus den Niederlanden, der rote Tulpenzwiebeln als Geschenke mitbringt. Auch ein früherer Pfarrer aus Pankow, dem jahrelang die Stasi zugesetzt hat, kommt zu Wort und kritisiert dabei deutlich die DDR. Über Krenz erzählt er die menschlich anrührende Geschichte, wie er den von seiner Partei verstoßenen und einsamen Genossen zu Weihnachten 1989 aus christlicher Motivation besucht und dieser dankbar dafür ist. Seine Rolle im Film wirkt etwas wie eine Besetzung als Quoten-Oppositioneller.

Kein substanzieller Kritiker der politischen Person Krenz kommt zu Wort. Es ist keine historische Einordnung der Rolle von Krenz als Kommunalwahlfälscher und als Unterstützer der Ermordung tausender Studenten in China auf dem Platz des himmlischen Friedens zu erkennen. Auch seine heutige Nähe zu Putins Ansichten über die Ukraine spielt keine Rolle. Krenz bleibt sich treu. Schuld sind für ihn immer die anderen: der Westen, der quasi einen kalten Bürgerkrieg gegen die DDR geführt haben soll, weshalb die DDR so handeln musste wie sie es tat. Krenz als Opfer einer vermeintlichen BRD-Siegerjustiz, die ihn 1997 zur Haft wegen seiner Mitverantwortung für die Mauertoten verurteilt hatte.

Der Film dokumentiert auch umfänglich mit Originaltönen das SED-Parteiausschlussverfahren gegen Krenz im Dezember 1989. Nachdem Krenz kurz zuvor im Erich Honecker abgelöst hatte, wirft ihn jetzt die eigene Partei raus, er solle das Parteibuch abgeben. Für ihn sei das der schlimmste Moment seines Lebens gewesen, sagt Krenz. Opulente Bilder von SED- und FDJ-Propagandaveranstaltungen wechseln sich ab mit Bildern vom Mauerfall und Montagsdemos sowie netten Anekdoten aus der Kindheit von Krenz. Etwas LPG-Romantik füllt die Kinoleinwand.

Unvermittelt für den Zuschauer werden Ausschnitte aus zwei DDR-Indianerfilmen mit Gojko Mitić gezeigt. Warum eigentlich? Das sei sein Geheimnis, sagt der Filmautor im Filmgespräch. Nun gut, Geheimnisse gehören im Zweifel auch zur Kunstfreiheit. Ob das bei einer historisch und politisch relevanten Dokumentation ein passendes Stilmittel ist, wenn es Zuschauer nicht verstehen können, ist eine andere Frage.

Möglicherweise ist aber der eine Ausschnitt aus den DEFA-Indianerfilmen eine Analogie für den ganzen aktuellen Film, eine richtige Schlüsselszene zu seinem Verständnis. Der mutige Indianerhäuptling, gespielt von Gojko Mitić, lässt sich unbeeindruckt mit Pfeilen seiner später Verbündeten beschießen, die ihn aber alle absichtlich nicht treffen. Spielt hier Gojko Mitić den Egon Krenz? Der tapfere „Kommunisten-Häuptling“ Krenz wusste offensichtlich sehr genau, dass ihn in diesem Film niemand mit unangenehmen Fragen oder einem entlarvenden Pfeil treffen wird.