Wie sah das Leben in und um Stuttgart vor zwanzig Jahren aus? Im Landtag regierte Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU), im Stuttgarter Rathaus Wolfgang Schuster (CDU) und an der Seitenlinie des VfB Stuttgart Giovanni Trapattoni! Es waren andere Zeiten. Zeiten, in denen die Butterbrezel noch um die 50 Cent und die Currywurst mit Pommes rund 5 Euro gekostet hat. In dieser Woche lassen gleich zwei gastronomische Betriebe diese Preise wieder aufleben – in Stuttgart ist es das Schnellrestaurant „tobi’s“ und im Kreis Ludwigsburg gibt es in der „Bäckerei Lutz“ Nostalgiepreise. Das kommt an.
Stuttgart: Currywurst zum Preis wie bei der Eröffnung
Stuttgart, Bolzstraße am Dienstag gegen 13 Uhr: Im Schnellrestaurant „tobi’s“ ist die Schlange lang. Zum 20-jährigen Bestehen des Restaurants gibt es ein Sonderangebot – Preise wie 2006 bei der Eröffnung. Heißt, Currywurst mit Pommes für 5,40 Euro und Maultaschen mit Kartoffelsalat für 5,90 Euro. An einem Tisch sitzt ein Haufen junger Männer, Studenten der Wirtschaft an der DHBW Stuttgart. Wenn man von ihnen nicht sparen lernen kann, von wem dann!? „Lecker und günstig! Da schlägt man zu“, sagen sie.
Ein Tisch weiter ein älteres Ehepaar aus Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg). Sie hatten in der Zeitung von der Aktion gelesen und sind extra angereist. „Vor zwanzig Jahren war man jünger und hat öfter Currywurst gegessen“, erinnert er sich. Ob es inzwischen gesünder zugeht? „Heute gibt es eher Schnitzel!“

Zum 20-jährigen Jubiläum feiert das „tobi’s“ mit Nostalgiepreisen.
Preise von damals wecken Erinnerungen
Bei vielen kommen bei den Preisen von damals Erinnerungen hoch. Die WM im eigenen Land – natürlich, heißt es an einem Mittagstisch von Beschäftigten der Uni Stuttgart. Der Schlossplatz voll beim Public Viewing! Ein Jahr später die Meisterschaft des VfB Stuttgart. Da erinnere man sich schon gerne dran.
Einer Frau aus Leonberg (Kreis Böblingen) fällt auf, damals gab es mehr Currywurststände, heute seien es mehr Dönerläden. Drei Schülerinnen vom Mädchengymnasium St. Agnes im Hospitalviertel müssen sich Stuttgart 2006 vorstellen: „Sozialer, weniger Handys und lebhafter, vielleicht?“, sagen sie. Sie waren damals noch nicht geboren.

Tausende Fußballfans schauen im Juli 2006 das WM-Spiel Deutschland gegen Portugal auf dem Stuttgarter Schlossplatz an.
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Und draußen in der etwas zugigen Luft sitzt ein Mann ganz allein mit seiner preiswerten Currywurst. Vor zwanzig Jahren sei das Leben noch schöner und er noch jünger gewesen. „Da waren wir noch hier auf Party. Alles vorbei, aber die Currywurst, die ist noch da, die ess‘ ich jetzt.“

Currywurst, Pommes, Mayo – ein echter Klassiker
Kreis Ludwigsburg: Bäckerhandwerk wieder erschwinglich machen
Rüber in den Kreis Ludwigsburg. In Asperg steht eine von vielen Filialen der Bäckerei Lutz. Auch hier gibt es gerade Nostalgiepreise: 65 Cent für die Brezel, 2,50 Euro für das Sauerteigbrot. Und das ganz ohne Jubiläum. Anna Schreiner, die mit ihrem Bruder Florian Lutz die Bäckerei führt, sagt, sie wollten das Bäckerhandwerk wieder für alle erschwinglich machen. Im Moment werde alles teuer, vor allem Energie, das würden die Menschen zu spüren bekommen. Allerdings hat auch die Bäckerei selbst mit gestiegenen Preisen zu kämpfen – neben der Energie vor allem im Personal.

Anna Schreiner führt die Bäckerei Lutz gemeinsam mit ihrem Bruder Florian Lutz
Kunden zufrieden: Brezel deutlich unter einem Euro
Auch wenn die Kosten für die Produkte im Moment nicht gedeckt seien, wollte man den Stammkunden etwas zurückgeben. Bis Jahresende gibt es nun zwei Monate lang immer zwei reduzierte Klassiker. Den Kunden schmeckts: „Ganz toll, dass es so günstig ist“, erzählt eine. Ein Gast, der normalerweise in Erligheim (Kreis Ludwigsburg) zum Bäcker geht, freut es, dass die Brezel unter einem Euro liegt: „Schon der Hammer!“ Und eine andere findet das Superangebot toll, weil sich ja nicht alle die volle Palette leisten könnten.

Die Bäckerei wirbt derzeit mit Preisen wie zu Omas Zeiten.
Gastronom zwischen Nostalgie und Investitionen
Zurück nach Stuttgart: Im „tobi’s“ hält die Küche dem Ansturm Stand. Nur eine Fritteuse fällt zwischenzeitlich aus. Die Inhaber sind froh, dass die Aktion gut ankommt. Man habe sich überlegt, womit man die Stammgäste am besten erreicht, die seit 20 Jahre kommen: Mit Nostalgiepreisen der Hauptprodukte, erzählt Inhaber Tobias Meyer. Damit es sich rechnet, seien ihnen auch die langjährigen Lieferanten mit den Preisen für die Sonderaktionswoche entgegengekommen.
Er selbst wird auch nostalgisch, wenn er an 2006 denkt. „Die Welt war in Ordnung, wir alle hatten einen wunderschönen Sommer, angstfrei, gewaltfrei, mit viel Sonne. Das ist mein Stuttgart“. Heute tue er sich vor allem mit Politik und Behörden schwer. Und wie geht es weiter? Mit einem Kollegen hat er gewettet, dass schon im nächsten Jahr ein Roboter in der Spülküche stehen wird. Vieles ändert sich. Tröstlich, dass Currywürste oder Brezeln nicht weichen werden.