Wie bei einem Mexican Standoff stehen sie sich auf der Hamburger Moorweide gegenüber. Hier ein Dutzend Menschen hinter einem Banner mit der Aufschrift: „In Hamburg ist kein Platz für Antisemitismus und Israelhass“. Sie blicken in Richtung der Zelte, die etwa 50 Meter von ihnen entfernt aufgeschlagen sind. Dort einige jüngere Menschen, auch sie halten ein Banner: „76 Jahre Nakba, 76 Jahre Widerstand“. Das Banner ist zwei Jahre alt. Einer mit Palästinaflagge in der Hand sagt: „Für die da drüben reicht’s.“
Die Nakba, arabisch für „Katastrophe“, meint die Flucht und Vertreibung der meisten Palästinenser:innen aus dem heutigen Staatsgebiet Israels. Die Organisatoren des Camps „Bridges of Resistance“ sind der Meinung, dass diese Vertreibung bis heute andauere – 78 Jahre nach Beginn des ersten arabisch-israelischen Krieges. Sie sehen Hamburg mit seinem Hafen als wichtigen logistischen Knotenpunkt deutscher Unterstützung für Israels Kriege. Auf diese „Mittäterschaft“, so sagt es ein Sprecher, wollen sie in einer Aktionswoche auf der Moorweide aufmerksam machen.
Vor Beginn der Aktionswoche kritisierte die Jüdische Gemeinde die Wahl des Ortes als „zynische Verhöhnung der Opfer der Schoa“. Im Nordwesten der Moorweide befindet sich der Platz der Jüdischen Deportierten. Von dort wurden Tausende Jüdinnen und Juden deportiert. Die Jüdische Gemeinde schrieb in einem offenen Brief, das Camp werde von Gruppierungen organisiert, „die nachweislich antisemitische Positionen vertreten“. Gemeint ist die Gruppe „Thawra Hamburg“, die der Verfassungsschutz beobachtet.
Die Versammlungsbehörde untersagte das Camp zunächst, die Organisatoren sollten ihre Zelte im Schanzenpark aufschlagen. Die Organisatoren legten Beschwerde ein, das Verwaltungsgericht gab ihnen recht. Die Argumentation der Stadt, dass es auf der Moorweide zu Konflikten mit „Meinungsgegnern“ kommen könnte, sei nicht tragfähig.
Die Mahnwache richtet sich mit ihrem Protest auch an Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Von ihm stammt die Aussage, dass in Hamburg kein Platz für Antisemitismus sei. Die Mahnenden wünschen sich von ihm mehr Haltung. Sie wären auch in den Schanzenpark gegangen, sagt eine der Beteiligten. Aber das Camp an diesem Ort, der Moorweide, das sei schon eine besondere Provokation.
Erste großangelegte Deportation von Juden aus Hamburg
Mehr als 1.000 Jüdinnen und Juden deportierten die Nationalsozialisten im Oktober 1941 aus Hamburg in das Ghetto Litzmannstadt. Schriftlich wurden die Verfolgten von der Gestapo aufgefordert, zum sogenannten Logenhaus in der Moorweidenstraße 36 zu kommen. Dort mussten die Menschen eine Nacht ausharren, bevor sie zum Hannoverschen Bahnhof am Hamburger Oberhafen gebracht wurden. Es sei die erste großangelegte Deportation von Juden aus Hamburg gewesen, sagt Oliver von Wrochem, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Weitere folgten, etwa nach Minsk und Riga.
Die Wiese vor dem Logenhaus, auf der sich die Menschen versammeln mussten, ist nicht identisch mit dem Veranstaltungsort des „Bridges of Resistance“-Camps. Zwischen den beiden Orten liegt heute das Hauptgebäude der Universität Hamburg. Bis ins 19. Jahrhundert hingen die beiden Teile zusammen. Der Nordwestzipfel vor dem Logenhaus heißt mittlerweile „Platz der Jüdischen Deportierten“. Auf dem deutlich größeren Abschnitt südlich der Uni haben die Palästinaaktivist:innen ihre Zelte errichtet.
Aktivist:innen in gelben Plastikponchos huschen über den provisorischen Zeltplatz auf den Regentropfen prasseln. Am Rande des Camps haben sie ein Stück Stoff aufgespannt, das auf die Geschichte des Ortes hinweist. Die Deportationen seien „eine Mahnung für die Überlebenden“, steht darauf.
Die Organisatoren sind der Ansicht, dass der Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit für Palästinenser:innen nicht im Widerspruch zum Gedenken an jüdische Opfer und zum Kampf gegen Antisemitismus stehe, sagt Nikodem Kaddoura, der Sprecher der Gruppe. „Unser Camp ist keine Provokation.“ Es sei vielmehr ein Protest gegen jeden Genozid. Den Ort habe man bewusst gewählt, um auf historische „Kontinuitäten“ aufmerksam zu machen.
Jüdische Gemeinde will dauerhaften Gedenkort
„Positionen, die davon ausgehen, in der deutschen Regierungspolitik gegenüber Israel zeige sich eine Kontinuität zu deutscher NS-Täterschaft, stellen absurde Analogien her“, sagt hingegen Oliver von Wrochem. „Sie sind nicht nur antizionistisch, sondern häufig auch antisemitisch motiviert.“
Eigentlich gibt es keinen Ort in Hamburg, der nicht mit den NS-Verbrechen verbunden ist
Oliver von Wrochem, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Die Jüdische Gemeinde forderte in ihrem offenen Brief, die gesamte Moorweide dauerhaft als geschützten Gedenkort anzuerkennen und politische Kundgebungen dort generell auszuschließen. Dafür müsste die Moorweide die Bedingungen des Versammlungsgesetzes erfüllen.
Nach diesem Gesetz kann man eine Versammlung verbieten, wenn sie an einer Gedenkstätte „von historisch herausragender, überregionaler Bedeutung“ an die NS-Opfer erinnert. Für das Konzentrationslager Neuengamme hat Hamburg eine solche Regelung getroffen. Ob die gesamte Moorweide ebenfalls ein solcher Ort ist, müssten Fachleute entscheiden.
„Es braucht vor allem eine größere Sensibilisierung dafür, dass solche Orte eine Geschichte haben“, sagt Gedenkstättenleiter von Wrochem. Er sei daher skeptisch, ob es der richtige Weg sei, ganze Areale großflächig unter Schutz zu stellen. „Eigentlich gibt es keinen Ort in Hamburg, der nicht mit den NS-Verbrechen verbunden ist.“ Einen positiven Wandel kann er sich eher durch geschichtspolitische Bewusstseinsbildung vorstellen als durch Verbote.
Geschichte des Ortes nicht allen bewusst
Als vor zwei Jahren schon einmal ein Camp der palästinasolidarischen Bewegung auf der Moorweide stattfand, gab es laute Kritik. Der Ort des Camps wurde allerdings kaum diskutiert. Die regionale Verankerung der NS-Verbrechen sei viel zu wenig bekannt, sagt von Wrochem. „Das hat etwas mit der zeitlichen Distanz zu tun, aber auch mit der deutschen Nachkriegsgeschichte; insbesondere mit der Verweigerung, sich intensiv mit dem Thema deutscher Täterschaft vor Ort zu beschäftigen.“
Ein Mann radelt über den schmalen Parkweg, der Mahnwache und Camp trennt. Er bleibt stehen, schaut sich interessiert um und fragt dann, ob es denn Stress gebe mit dem Camp. Als er von der Diskussion über die Moorweide erfährt, ist er sichtlich überrascht. Er sei politisch interessiert, habe selbst jahrelang in Israel gewohnt, doch von der Geschichte des Orts habe er nichts gewusst.