Seit dem Wochenende ist die Technische Universität (TU) Berlin im Krisenmodus: Sie hat ihr riesiges Hauptgebäude komplett gesperrt, Studierende und Mitarbeiter können nur punktuell ihre Siebensachen herausholen. Der Vorfall reiht sich ein in eine Serie von Havarien und Pannen mit Gebäuden an Berliner Unis.

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Die Schließung hat wegen der Prominenz des Gebäudes eine extrem hohe Aufmerksamkeit hervorgerufen. Doch es ist keineswegs ein Einzelfall. Immer wieder versagt hier die Infrastruktur.

Im vergangenen Jahr brach beispielsweise an der Freien Universität das Stromnetz zusammen und zahlreiche Gebäude durften nicht betreten werden. 2023 krachte in einem Hörsaal der TU-Chemie die Decke herunter. Ganze 26 Gebäudesperrungen hat es in den vergangenen fünf Jahren gegeben, ergab eine parlamentarische Anfrage im letzten Jahr.

Der Wasserschaden am Chemiegebäude an der TU Berlin soll durch Materialermüdung entstanden sein. Der Wasserschaden am Chemiegebäude an der TU Berlin 2023 soll durch Materialermüdung entstanden sein.

© TU Berlin

Die Hauptstadt ist dabei keineswegs besonders marode, wie viele vielleicht von Berlin glauben würden. Bundesweit kämpfen viele Hochschulen mit der Bausubstanz und müssen Studierende und Wissenschaftler immer wieder in Ausweichquartiere wechseln.

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der 120 Gebäude der TU Berlin sind in gutem baulichen Zustand.

Doch der Reihe nach. Wie schlimm steht es um die Bauten in Berlin? Auf über acht Milliarden Euro wird der Sanierungsbedarf an den Hochschulen der Stadt geschätzt. Es ist eine Mammutaufgabe, gehören doch 450 Immobilien mit einer nutzbaren Fläche von etwa 1,2 Millionen Quadratmetern zu den städtischen Unis.

2,4 Milliarden Investitionsbedarf entfallen allein auf die TU. Von ihren 102 Gebäuden befinden sich nur vier in einem guten baulichen Zustand. Mittel- und kurzfristig müssten 96 Prozent der Bauten saniert werden. Viele der teils ikonischen Bauten stammen aus der Nachkriegszeit und stehen unter Denkmalschutz. Elf waren Stand 2025 komplett gesperrt – nun kommt eines dazu.

Doch nicht immer können verschleppte Sanierungen für die Schließungen verantwortlich gemacht werden. Das Telefunkenhochhaus am Ernst-Reuter-Platz, das zur TU gehört, ist erst von 2007 bis 2009 komplett saniert worden. Dass es seit zwei Jahren nicht nutzbar ist, liegt an einer fehlerhaften Sprinkleranlage. Das teils gesperrte Mathegebäude wurde aktiv sabotiert, als ebenfalls 2023 Abflüsse verstopft und Wasserhähne aufgedreht wurden.

Auch die anderen Berliner Unis sind in keinem guten Zustand

An der Berliner Humboldt-Uni (HU) sehen die Zahlen ähnlich desolat aus wie an der TU. 1,2 Milliarden müsste sie in Sanierungen investieren, 94 Prozent der insgesamt 171 eigenen Bauten müssen mittelfristig saniert werden. 17 Häuser können nicht genutzt werden.

1,2

Milliarden Euro Sanierungsbedarf gibt die Humboldt-Universität an.

Ein besonders markantes Beispiel ist das große Seminargebäude in der Invalidenstraße. Das Haus stammt noch aus DDR-Zeiten. Von außen ist es inzwischen völlig heruntergekommen, optisch ein Schandfleck in bester Mitte-Lage. Seit Jahren könnte die HU mit der Sanierung beginnen, seit Jahren verzögert der Senat die dafür nötigen Investitionen. In der Zwischenzeit steigen die Baukosten um Millionen und die HU muss weitere Millionen für die Miete von Ersatzflächen ausgeben.

Deutlich fitter erscheint da die Freie Universität, auch wenn sie ihren Sanierungsbedarf mit 1,7 Milliarden Euro beziffert. Hier gibt es zwar auch marode Gebäude, sechs sind komplett gesperrt. Zwei Dritteln der Häuser attestiert die Uni Sanierungsbedarf. Etwa 280 Gebäude gehören zu der Uni, darunter auch einige kleine Villen in Dahlem. Doch die großen zentralen Gebäude – Rost- und Silberlaube – sind durchsaniert. Das Chemiegebäude wird demnächst fertig. 15 Sanierungen und Ersatzneubauten sind derzeit angemeldet.

Vier Häuser können an der Berliner Hochschule für Technik nicht genutzt werden. An den anderen kleineren staatlichen Berliner Hochschulen gibt es keine Sperrungen.

Die Charité sieht einen dringenden Bedarf an Bau- und Infrastrukturmaßnahmen in Höhe von über drei Milliarden Euro – zwei für Sanierungen, eine für Ersatz- und Neubauten. „Rund 85 Prozent der Flächen sind älter als 30 Jahre, 74 Gebäude gelten als dringend erneuerungsbedürftig“, sagt ein Sprecher dem Tagesspiegel. Die Versorgung der Patienten sei zwar sichergestellt, ein Großteil des Bestands entspreche aber nicht mehr den „Anforderungen an eine moderne Universitätsmedizin“.

Weitere Exzellenzunis sind betroffen

Doch das ist kein alleiniges Berliner Problem. An weiteren Unis in Deutschland, darunter Exzellenzstandorte, kam es zu jahrelangen Sperrungen von zentralen Gebäuden.

Hauptgebäude der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im ehemaligen kurfürstlichen Schloss Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland *** Main building of the Rheinische Friedrich Wilhelms University of Bonn in the former electoral palace of Bonn, North Rhine-Westphalia, Germany Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn befindet sich im ehemaligen kurfürstlichen Schloss Bonn. Entsprechend aufwendig und teuer ist dessen Sanierung.

© imago/Olaf Döring/imago/Olaf Döring

Die Uni Bonn etwa hat ab 2023 ihr barockes Hauptgebäude leergezogen, um es für etwa eine Milliarde Euro zu erneuern. Mehrere Tausend Studierende sind betroffen. Das Hauptgebäude der RWTH Aachen wird komplett saniert, nachdem es vor Jahren wegen bröckelnder Fassade eingenetzt werden musste.

900

Millionen Euro dürfte die Sanierung der LMU München kosten, schätzt die Exzellenzuni.

Die LMU München beziffert ihren Sanierungsbedarf auf Anfrage des Tagesspiegels auf 900 Millionen Euro. Bei 80 Prozent der ungefähr 125 Uni-Gebäude seien „erhebliche Instandhaltungsmaßnahmen erforderlich“.

Gesperrt seien derzeit „nur einzelne Flächen aus Brandschutz- oder statischen Gründen“. Auch hier stammen viele Gebäude aus den 50er und 70er Jahren. Die häufigsten Probleme gebe es demnach beim Brandschutz, bei Gebäudetechnik, Schadstoffen und Sanitäranlagen.

110

Milliarden Euro Sanierungsbedarf haben die deutschen Hochschulen laut einer HKR-Schätzung

Ein Sprecher der Exzellenzuni Heidelberg sagt dem Tagesspiegel auf Anfrage, es bestehe „ein erkennbarer Sanierungsstau, der auch zu Einschränkungen in der Wahrnehmung der Aufgaben in Forschung, Lehre und Transfer führt“.

Andere formulieren das Problem drastischer. „Ich möchte als Präsident verdammt noch mal wissen, wann diese Ruinen, die sich hier Universität nennen, renoviert werden“, sagte Dieter Lenzen, damals Präsident der Universität Hamburg, im Jahr 2019 – ausgerechnet in demselben Jahr, als seine Hochschule mit dem Exzellenzsiegel ausgezeichnet wurde. Sechs Milliarden benötigte die Uni dafür.

Die neun Unis in Baden-Württemberg haben einen Sanierungsstau von sechs bis acht Milliarden angehäuft. Auch an prestigeträchtigen Standorten wie dem KIT in Karlsruhe geht der Sanierungsbedarf in die Milliarden.

Eingang zum Gebäude des Einsteinzentrum für Mathematik an der Technischen Universität Berlin an Straße des 17. Juni, Berlin, Deutschland Entrance to the Einstein Center for Mathematics building at the Technical University of Berlin on Straße des 17 June, Berlin, Germany Copyright: imageBROKER/Karl-HeinzxSpremberg iblkhs15693745.jpg Bitte beachten Sie die gesetzlichen Bestimmungen des deutschen Urheberrechtes hinsichtlich der Namensnennung des Fotografen im direkten Umfeld der Veröffentlichung Für die Sabotage kann die TU nichts: Der Ostflügel der TU-Mathematik ist seit gut zwei Jahren gesperrt wegen eines Wasserschadens.

© imago/imagebroker/IMAGO/imageBROKER/Karl-Heinz Spremberg

Für ganz Deutschland dürfte der Bedarf bei 110 Milliarden Euro liegen, schätzt die deutsche Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Eine Hochrechnung der Uni Hamburg kam sogar auf 140 Milliarden.

Hochschulen fordern mehr Geld vom Bund

HRK-Präsident Walter Rosenthal fordert eine „stärkere, dauerhafte Bundesbeteiligung“, um den Betrieb an den Hochschulen zu sichern. In den kommenden neun Jahren stelle der Bund insgesamt etwa 12 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur bereit.

Baugeld aus dem Sondervermögen

Bund und Länder stellen zwischen 2026 bis 2029 jährlich bis zu einer Milliarde Euro für Bau, Sanierung und Modernisierung von Wissenschaftsinfrastrukturen und Kitas bereit. Das Geld kommt aus dem Sondervermögen Infrastruktur und wird unter den Bundesländern nach dem Königsberger Schlüssel aufgeteilt.

Für Berlin sind das 50,2 Millionen jährlich bis 2029, die das Land je zur Hälfte für Hochschulen und Kitas auszugeben plant.

Zudem können die Länder aus ihrem Anteil an den 100 Milliarden des Sondervermögens Infrastruktur Geld für ihre Hochschulen verwenden. Berlin erhält bis 2036 insgesamt 5,2 Milliarden Euro und will davon rund acht Prozent, etwa 415 Millionen Euro, in die Wissenschaft investieren. Allerdings sind davon bereits 170 Millionen für BHT-Bau in Tegel und 200 Millionen für das Naturkundemuseum verplant.

Das sei ein Anfang, reiche aber bei weitem nicht aus, sagt der HRK-Chef. 2025 schlug die HRK ein Förderprogramm für Modernisierung und Neubau mit einem Gesamtvolumen von 90 Milliarden Euro vor. 38 Milliarden solle der Bund für ein Sofortprogramm für Infrastrukturen und energetische Sanierungen geben, danach müssten über einen Bund-Länder-Pakt 2,6 Milliarden Euro jährlich an die Hochschulen fließen.

Viele Länder würden das Thema nicht als wichtig genug ansehen, sagt Rosenthal, und so sei auch die Finanzierung ungenügend. Auch unter der zähen Umsetzung von Bauvorhaben litten die Hochschulen. „Von der Planung bis zum Baubeginn können schon mal zehn Jahre vergehen – bis dahin sind die Raumbedarfe einer Hochschule aber vielleicht wieder andere.“ Ämter dürften dann nicht blockieren, sondern müssten flexibel auf neue Anforderungen an Labore und Hörsäle eingehen.

Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Walter Rosenthal. C: David Ausserhofer Der Mediziner und Pharmakologe Walter Rosenthal ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und leitete von 2014 bis 2023 die Uni Jena.

© David Ausserhofer

Auch weil die Landesämter oft überlastet seien, plädiert der HRK-Chef dafür, den Unis mehr Autonomie beim Bauen zu geben. Die Uni Jena, die er zuletzt leitete, habe durch eine Gesetzesänderung die Bauherrschaft übertragen bekommen – das erleichtere und beschleunige vieles.

In manchen Ländern geht es voran

Als Positivbeispiele nennt Rosenthal Hessen und NRW: Hier gebe es eine „klare Priorisierung“ seitens der Länder und die Hoffnung, dass notwendige Sanierungen schneller umgesetzt würden.

Universität Bielefeld, Universitätsstraße, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland University of Bielefeld, Universitätsstraße, Bielefeld, North Rhine-Westphalia, Germany Die Uni Bielefeld, hier vor der Asbest-Sanierung. Sie wurde 1969 gegründet und hat heute etwa 25.000 Studierende.

© imago images/Schöning

Tatsächlich geht es mit der Modernisierung mancherorts voran: Die Unis in Konstanz und Bielefeld, die beide Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre entstanden, mussten ihre Hauptgebäude wegen Asbestbelastung umfassend renovieren; große Teile sind fertiggestellt. Die Uni Marburg wird derzeit umfassend erneuert.

Dass Berlin in der Baudebatte besonders im Fokus steht, liegt auch daran, dass Hochschulleitungen hier offener über Missstände sprechen. In Ländern wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen erwarten Landesregierungen von ihren Hochschulen Diskretion bei Sparbeschlüssen und anderen Hiobsbotschaften.

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Berlin will von seinem Anteil am Sondervermögen etwa 415 Millionen Euro in Wissenschaft und Lehre investieren. Allerdings werden 170 Millionen für den Neubau der BHT am ehemaligen Flughafen Tegel aufgewendet, 200 Millionen fließen in die Erneuerung des Naturkundemuseums.

Für die Sanierung der Unis bleiben nur 45 Millionen übrig: Davon werden Stromnetze an der TU und FU erneuert. Das entspricht unter dem Strich 0,6 Prozent des Investitionsbedarfs.

Wann die TU ihr Hauptgebäude wieder öffnet, bleibt indes unklar: Auf einer Infoveranstaltung am Montagnachmittag schwieg das Präsidium zu dem Thema. Das aktuelle Sommersemester scheint schwierig zu bleiben.