Durch den Verkauf der bundesweit 80 Niederlassungen mit insgesamt rund 8000 Beschäftigten will Mercedes zum einen die Kapitalbindung in Immobilien verringern. Zum anderen verspricht sich der Konzern von neuen Betreibern ein stärkeres Kundenerlebnis sowie bessere Vertriebs- und Serviceleistungen. Auch die Niederlassung in Stuttgart will Mercedes-Benz verkaufen. Das Projekt soll aber erst im kommenden Jahr angegangen werden.
Mercedes-Niederlassung zu kaufen sei „eine Ehre“
Man wolle „die hohe Qualität in Vertrieb und Service für unsere Kundinnen und Kunden weiter stärken, die Standorte konsequent weiterentwickeln und den Beschäftigten gute Zukunftsperspektiven bieten“, erklärte Mercedes-Vertriebsvorstand Mathias Geisen. GAHL sei dafür der „perfekte Partner“.
GAHL-Eigentümer Kuldeep Billan erklärte, es sei eine „Ehre, dass das Topmanagement von Mercedes-Benz uns das Vertrauen entgegenbringt, die Marke in der deutschen Hauptstadt zu repräsentieren“. Man werde „die Erfolgsgeschichte gemeinsam mit dem hoch motivierten und talentierten Team vor Ort weiterschreiben“ und kontinuierlich in Wachstum und Belegschaft investieren.
Mercedes hat ein starkes Eigeninteresse daran, für die Niederlassungen nicht nur hohe Erlöse zu erzielen, sondern auch vertriebs- und servicestarke Käufer zu finden. Die Standorte verkaufen weiterhin Fahrzeuge der Marke; schwache Leistungen bei Verkauf, Wartung und Reparatur würden unmittelbar auf Mercedes zurückfallen. GAHL ist ein international tätiges Familienunternehmen mit kanadischen Wurzeln, das bereits seit Jahren Mercedes-Betriebe in Großbritannien und den USA führt – nach Angaben von Mercedes erfolgreich.
Mercedes-Haus in Berlin besonders prestigeträchtig
Die Niederlassung am Berliner Salzufer gilt als besonders prestigeträchtig. Zwischen Spree und Charlottenburger Verbindungskanal gelegen, ist es laut Geisen der weltweit größte Flagship Store – also ein Vorzeige-Standort, mit dem Mercedes seine Marke besonders hochwertig inszenieren will. Fußballfans kennen die Niederlassung zudem unter anderem als Ort zahlreicher Pressekonferenzen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Mercedes war bis 2018 fast drei Jahrzehnte lang Generalsponsor des DFB.
Der Deutsche Fußball-Bund DFB nutze die Mercedes Niederlassung auch für die Kaderbekanntgabe der Weltmeisterschaft 2006. Foto: Imago/bonn-sequenz
Zur Niederlassung Berlin-Brandenburg gehören sieben Standorte – fünf in Berlin und zwei in Brandenburg. Insgesamt arbeiten dort rund 1100 Menschen. Nach Angaben von Geisen liegt das Verkaufsprojekt weiterhin im Zeitplan. Das Interesse am Markt sei groß.
Dabei fällt das Projekt in eine Zeit schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Hohe Zinsen und geopolitische Unsicherheiten bremsen zwar vielerorts Investitionen. Allerdings kommen große Autohaus-Standorte in Metropolen nur selten auf den Markt. Offenbar sind deshalb auch finanzstarke Investoren bereit, hohe Summen zu zahlen.
Mercedes-Beschäftigte erhalten Geld für Arbeitgeberwechsel
Zum Kaufpreis äußern sich beide Seiten nicht. Kenner halten jedoch einen dreistelligen Millionenbetrag für plausibel. Für mittelständische Händler wäre eine solche Summe kaum zu stemmen – auch deshalb erhielt am Ende ein international aufgestellter Konzern den Zuschlag.
Mercedes hatte den Verkauf der selbst betriebenen Niederlassungen bereits vor längerer Zeit beschlossen und sich im Sommer 2024 mit Arbeitnehmervertretern auf Rahmenbedingungen verständigt, die als außergewöhnlich großzügig gelten. Die Beschäftigten werden weiterbeschäftigt und erhalten einen zeitlich befristeten Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen.
Darüber hinaus zahlt Mercedes den Beschäftigten für den Arbeitgeberwechsel eine Art Wechselprämie. Im Durchschnitt erhält jeder Mitarbeiter eine Einmalzahlung von 85.000 Euro. Zudem übernimmt Mercedes für zehn Jahre Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge sowie bestehende Regelungen etwa zur Altersteilzeit und zum Jubiläumsgeld. Zusätzlich erhalten die Beschäftigten bis zum Übergang auf den neuen Eigentümer einen garantierten Jahresbonus von 2500 Euro. Der Käufer wiederum muss sich zur Tarifbindung verpflichten.
Zwar unterliegt die Verkaufsentscheidung selbst nicht der Mitbestimmung. Beschäftigte können einem sogenannten Betriebsübergang jedoch widersprechen. Hätten viele Mitarbeiter davon Gebrauch gemacht – etwa auf Empfehlung des Betriebsrats –, wären zwar die Immobilien verkauft worden, die Belegschaften aber wären bei Mercedes geblieben. Das hätte das gesamte Projekt erheblich erschweren oder sogar gefährden können.