Im tiefsten Leid nimmt Hoffnung oft eine radikale Form an: Sie ist kein bloßer Traum von einer besseren Zukunft, sondern die bewusste Entscheidung, trotz allem weiterzuleben. Für Lyubov, eine Mutter aus der Ukraine, wurde diese Entscheidung zur Lebensaufgabe. Ihr Sohn, Oleksandr Tymchenko, fiel am 28. Februar 2024 im Alter von nur 29 Jahren bei der Verteidigung seines Landes.

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Seitdem kämpft die Mutter nicht nur mit der Abwesenheit ihres Kindes, sondern auch für die Erinnerung an ihn und für das Leben derer, die noch an der Front stehen.

Oleksandr, von seiner Mutter liebevoll Sashunia genannt, war ein Mann der Erde. Bevor die russische Invasion das Land erschütterte, arbeitete er nach seinem Studium an der Agraruniversität von Vinnytsia gemeinsam mit seinem Vater in der Landwirtschaft. Seine Mutter erinnert sich an seine tiefe Verbundenheit zur Natur, an seine Sorge um die kleinen Feldhasen während der Ernte und an seine große Güte. Doch als der großflächige Krieg begann, meldete er sich freiwillig zum Dienst in den Streitkräften.

Zum Nachhören – das Lebenszeugnis aus der Ukraine

Der junge Ukrainer Oleksandr Tymchenko

Der junge Ukrainer Oleksandr Tymchenko

Als ihr Sohn getötet wurde

Der Weg des jungen Soldaten führte von der Territorialverteidigung über die Grenze zu Belarus und dann bis nach Krasnohorivka in der Region Donezk. Trotz einer Knieoperation und der darauf folgenden Rehabilitation drängte er darauf, vorzeitig zu seinen Kameraden zurückzukehren, da es an Männern fehlte. Das letzte Telefonat mit seinen Eltern fand am Abend seines Todestages statt. Während im Hintergrund die Einschläge von Explosionen zu hören waren, verabschiedete er sich von seiner Mutter mit einer ungewohnten Kühle, die heute wie eine Vorahnung wirkt. In derselben Nacht, genau um 02:15 Uhr, verspürte Lyubov einen körperlichen Schmerz, als würde ein Schwert sie entzweischneiden. Erst später erfuhr sie, dass ihr Sohn genau in diesem Moment durch einen Drohnenangriff getötet worden war.

Oleksandr mit seinem Vater

Oleksandr mit seinem Vater

Die Zeit nach dem Begräbnis beschreibt Lyubov als eine Phase tiefer Dunkelheit. Der Schmerz, das eigene Kind zu Grabe zu tragen, sei durch nichts zu übertreffen. Sie bewahrt seine Habseligkeiten wie in einem Museum auf und pflegt seine Kleidung in der Hoffnung, die sich gegen jede Vernunft stellt: Dass er eines Tages doch wieder durch die Tür treten könnte. Jedes Mal, wenn ein Auto vor dem Haus hält, schlägt ihr Herz schneller. Es ist ein Zustand zwischen dem Wissen des Verstandes und der Sehnsucht des Herzens.

Das Grabmal

Das Grabmal

Die Wende

Eine Wende brachte die Teilnahme an einem Hilfsprojekt in Kyiv. Unter der Leitung von Kapuzinermönchen bietet das Haus Padre Pio psychologische und spirituelle Begleitung für Mütter an, die ihre Söhne im Krieg verloren haben. In der Gemeinschaft mit sechzehn anderen Frauen, deren Wunden auf die gleiche Weise bluten, fand Lyubov die Kraft, das schwarze Kopftuch abzulegen und die Blumen in ihrem Garten wieder wahrzunehmen. Das Projekt ermöglichte ihr auch eine Reise nach Rom und eine Begegnung mit dem Papst, was sie als Balsam für die Seele beschreibt.

Heute ist Lyubov in ihrem Heimatdorf Zabolotne zur Mutter für viele geworden. Gemeinsam mit einer Gruppe älterer Frauen organisiert sie Hilfsgüter für die Front. Sie stellen Lebensmittel her und fertigen Wärmekerzen für die Soldaten in den Schützengräben an. Ein junger Soldat namens Vadym rief sie nach dem Erhalt einer solchen Lieferung an und dankte Mamma Lyuba – ein Ehrentitel, den viele Soldaten den Müttern der Gefallenen geben – für die erste Wärme seit Wochen.

Bitte um eine Umarmung

In jedem Soldaten, dem sie begegnet, sieht sie ihren eigenen Sohn. Wenn sie Militärangehörige auf der Straße trifft, bittet sie oft um eine Umarmung. Der Geruch von Rauch und Krieg an ihren Uniformen ist für sie eine schmerzhafte, aber notwendige Verbindung zu ihrem Oleksandr. Ihre Botschaft an andere Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben, ist klar: Man dürfe sich nicht verschließen oder in Bitterkeit versinken. Das Leben müsse bis zum Ende würdig gelebt werden, auch wenn der Weg noch so steinig sei.

(vatican news – mg)

Der Papst verabschiedet sich von Lyubov Tymchenko am Ende der Generalaudienz im September 2025

Der Papst verabschiedet sich von Lyubov Tymchenko am Ende der Generalaudienz im September 2025   (@Vatican Media)