So viel Stimmengewirr gab es lange nicht mehr beim Eurovision Song Contest (ESC): Allein im ersten Halbfinale am Dienstagabend waren 15 verschiedene Sprachen in der Wiener Stadthalle zu hören, darunter auch Deutsch (aus Litauen) und sogar Latein (aus Moldau). Deutschland stand ebenfalls für drei Minuten auf der Bühne, allerdings außer Konkurrenz wie Italien. Italienisch wurde dennoch auch von gleich zwei der 15 Teilnehmer im Wettbewerb gesungen, von den beiden Männern aus Moldau und Litauen. Sie sangen mehrsprachig. Auch das ist keine Ausnahme beim diesjährigen ESC.

Und die beiden kamen auch weiter, was zumindest beim Litauer Lion Ceccah nicht zu erwarten war. Der Mann aus Silber oder in Silber will mit der Metallfarbe am Körper wohl auch ein wenig verdecken, dass er nicht ganz stimmsicher ist. Sein Auftritt ist künstlerisch wertvoll, gesanglich muss er sich noch etwas steigern, wenn er im Finale am Samstagabend bestehen will. Satoshi, der Mann aus Moldau, der Manga und Sushi liebt, daher sein Künstlername, eigentlich heißt er Vlad Sabajuc, hatte den Abend eröffnet. Und das mit so viel Elan und Schwung, dass er das Publikum gleich mitriss.

Nach nur einem Jahr meldet sich Moldau zurück

Moldau ist wieder da, nachdem es sich im Januar 2025 plötzlich vom ESC zurückgezogen hatte. Der Vorentscheid für Basel lief da schon in der kleinen Republik. Der Sender Teleradio-Moldova nannte als Grund „künstlerische, wirtschaftliche und administrative Herausforderungen“. Es war nur ein kurzer Aussetzer oder wie Satoshi in seinem Lied „Viva, Moldova!“ singt: „Moldova is on duty!“ Dazu trägt er stolz auf seinem T-Shirt die Zahl „373“ – die für die internationale Telefonvorwahl Moldaus steht.

Als am Ende das Moderatoren-Duo Victoria Swarowski und Michael Ostrowski die zehn Finalisten bekanntgab, blieben die ganz großen Überraschungen aus. Gleich zu Beginn konnten die beiden die Namen der großen Favoriten verkünden, ein Zufall, denn die Reihenfolge der Bekanntgabe entsprach nicht der Rangfolge. So konnten Akylas (mit Nachnamen Mytilineos) aus Griechenland und auch die Top-Favoriten aus Finnland, Linda Lampenius & Pete Parkkonen, früh aufatmen. An ihrem Weiterkommen hatte eh nie jemand ernsthaft gezweifelt.

Akylas erzählt in seinem Lied „Ferto“ („Gib’s mir“) von seinem eigenen Leben. Seine Generation wuchs während der Finanzkrise in Griechenland auf, seine Mutter war alleinerziehend. Er weiß daher, was Entbehrungen sind. Und so besingt er, der vor ein paar Monaten noch ein Straßenmusiker war, Gier und Überkonsum, allerdings mit Augenzwinkern.

Mit Vollgas ins Finale: Der Grieche Akylas (Mytilinaios) besingt in seinem Lied „Ferto“ auch Gier und Überkonsum.Mit Vollgas ins Finale: Der Grieche Akylas (Mytilinaios) besingt in seinem Lied „Ferto“ auch Gier und Überkonsum.AFP

In Begleitung eines Computermännchens rollert der Siebenundzwanzigjährige durch eine digitale Welt voller Versuchungen und trifft dabei auch auf einen Mann aus Gold in einem Raum voller Goldbarren. Zum Schluss wird Akylas, der bis dahin durch eine fast für den Zuschauer zu schnelle Dance-Pop-Nummer hetzt, dann auch noch nachdenklich. Er wendet sich an seine Mutter, hat er doch erkannt, dass er all die Dinge nur kauft, um die Leere in seinem Leben zu füllen.

Die Finnin darf ihre Violine live auf der Bühne ins Mikrofon spielen

Neben Moldau und Griechenland bekamen die Finnen Lampenius und Parkkonen den meisten Applaus in der Stadthalle für ihr „Liekinheitin“ („Flammenwerfer“). Er singt, sie spielt die Violine. Nicht irgendeine, sondern eine Gagliano-Geige, ein überaus wertvolles Instrument von 1781. Und das furios – und live, worum viel Aufhebens beim diesjährigen ESC gemacht wurde. Denn die Musik hat laut Statuten von einem Band zu kommen, ist zu 100 Prozent Playback, nur der Gesang ist live.

Linda Lampenius (auch bekannt als Linda Brava) ist aber eine Virtuosin ihres Fachs, spielt sonst in Symphonieorchestern mindestens die erste Geige. Die Ausnahme von der Regel, kurzfristig erteilt, hatte sich laut Europäischer Rundfunkunion (EBU) schon länger angebahnt. Im engen Gespräch mit dem diesjährigen Veranstalter, dem Österreichischen Rundfunk (ORF), habe man dem Antrag der öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Yle aus Finnland vor einigen Monaten stattgegeben, Teile der Violinsoli von Lampenius als Live-Audioaufnahme in ein Mikrofon zu spielen.

„Diese Entscheidung steht im Einklang mit den Regeln des Eurovision Song Contest 2026, die besagen, dass eine Live-Audioaufnahme von Instrumenten ausnahmsweise erlaubt sein kann, wenn sie künstlerisch gerechtfertigt sind.“ Eine endgültige Entscheidung über diese Anfrage sei dann aber erst nach der zweiten Künstlerprobe gefallen, „da die Produktion davon überzeugt sein muss, dass die Performance für Publikum und Künstler gleichermaßen funktioniert“.

Es war übrigens nicht die erste Ausnahme seit den Neunzigerjahren, wie vielerorts zu lesen war. Schon im vergangenen Jahr hatte der Italiener Lucio Corsi bei seinem Auftritt von „Volevo essere un duro“ ein etwa 17 Sekunden langes Mundharmonika-Solo live in sein Mikrofon gespielt.

Zu recht ausgeschieden: Die Italienerin Senhit (Zadik Zadik) und der Brite Boy George gingen für San Marino mit „Superstar“ an den Start.Zu recht ausgeschieden: Die Italienerin Senhit (Zadik Zadik) und der Brite Boy George gingen für San Marino mit „Superstar“ an den Start.AFP

Noch zwei Kandidaten kamen weiter, auf die viele gesetzt hatten: Der Israeli Noam Bettan mit seinem Lied „Michelle“ sowie Felicia aus Schweden („My System“). Leider kam es beim Auftritt Bettans zu einigen Störungen, gleich zu Beginn war über die Mikrofone zu hören, wie ein Zuschauer „Stop the Genocide“ („Stoppt den Völkermord“) rief, was die EBU noch am Abend bestätigte: „Diese Person wurde später vom Sicherheitspersonal entfernt, weil sie weiterhin das Publikum störte. Drei weitere Personen wurden ebenfalls vom Sicherheitspersonal wegen störenden Verhaltens aus der Arena entfernt.“

Ausgeschieden sind gleich zwei Länder, die Rückkehrer ins Rennen geschickt hatten: Estland und San Marino. Noch vor einem Jahr hatte Tommy Cash mit „Espresso Macchiato“ einen europaweiten Ohrwurm beim ESC in Basel präsentiert, der ihm den dritten Platz bescherte. Nun schied ein Trio aus, das eine altbackene Hannah-Montana-Nummer für Estland nach Wien mitgebracht hatte. Vanilla Ninja, die 2005 mit „Cool Vibes“ beim ESC für die Schweiz einen guten achten Platz geholt hatten, sangen nun das gar nicht epische Liedchen „Too Epic To Be True“.

Ein Auftritt wie nicht aus dieser Zeit

Noch trauriger wirkten Senhit und ihr „Superstar“ auf der Bühne. Sie kam schon das dritte Mal zum ESC, der alte Mann mit großer Diskokugel-Melone auf dem Kopf war das erste und sicher auch das letzte Mal dabei: Boy George, mehr ein Schatten seiner selbst. Alles an dem Auftritt wirkte wie nicht aus dieser Zeit. Das vorzeitige Ausscheiden von Senhit und dem einst so berühmten Frontmann der britischen Band Culture Club war mehr als gerechtfertigt.

Weiter hingegen sind noch Belgien, Serbien, Kroatien und Polen, ausgeschieden Portugal, Georgien und Montenegro. Außer Konkurrenz traten Sarah Engel für Deutschland und Sal Da Vinci für Italien an. Sie wird es schwer haben mit „Fire“, das wie von einer KI geschrieben zu sein scheint. Er dagegen könnte es mit seinem „Per Sempre Sì“ („Für immer ja“) weit nach vorne schaffen.

Moderator Ostrowski bringt entspannte Leichtigkeit mit

Der Abend in Wien mit seiner ersten ESC-Show war insgesamt kurzweilig. Dazu trug vor allem Moderator Ostrowski bei, der ähnlich wie Hazel Brugger im vergangenen Jahr den ESC nicht zu ernst nimmt und darum etwas entspannte Leichtigkeit mitbringt – oder wie österreichische Zeitungen anmerkten – „seinen berühmten Steirer-Schmäh“.

Mit dem Dreiundfünfzigjährigen, der vor langer Zeit auch einmal Französisch studiert hat und das nun beim Song Contest zum Einsatz bringt, hatte kaum jemand gerechnet, die 20 Jahre jüngere Swarowski hingegen war früh schon als mögliche Moderatorin genannt worden. Ostrowski ist vor allem als Schauspieler bekannt, etwa aus dem „Eberhoferkrimi“.

Sehr besonders war der Anfang des Abends, der einen Bogen weit zurück in die Sechzigerjahre spannte: Vor 59 Jahren hatte schon einmal ein ESC in Wien stattgefunden, damals noch im kleineren und feierlicheren Rahmen im Großen Festsaal der Hofburg. Pausenfüller waren die Wiener Sängerknaben. Für Deutschland ging Inge Brück an den Start, mit dem Lied „Anouschka“.

Im Jahr zuvor hatte Udo Jürgens mit seinem „Merci Chérie“ für Österreich gewonnen. Mit dabei in Wien war 1967 auch eine junge Griechin, die auf Französisch singen musste, da sie für Luxemburg den Wettbewerb bestritt und Landesprache damals Pflicht war. Ihr Lied hieß „L’amour est bleu“ („Die Liebe ist blau“). Fünf Jahre später gewann Vicky Leandros für Luxemburg mit „Après toi“ („Nach dir“).

Am Dienstagabend aber sang sie natürlich ihr Wiener Lied, als Hommage an die Stadt, den ESC, und natürlich auch an Udo Jürgens, der leider nicht, wie geplant, 2015 mit Conchita Wurst in Wien beim Song Contest auftreten konnte, da er im Dezember 2014 gestorben war. Mit Vicky Leandros aber schloss sich nun ein Kreis, von Wien über Wien nach Wien gewissermaßen.