• Das Studio Urbanistan hat die audiovisuelle Performance „Nach der Bahn die Wende“ für das Freibad konzipiert.
  • Dabei erscheint das Freibad als Abbild von Gesellschaft und Sozialisation in Ost und West.
  • Die Performance will ein Gemeinschaftserlebnis schaffen und fragen, wie wir zusammen leben wollen.

Das große Becken im Leipziger Schreberbad leuchtet schon im schönsten Freibad-Blau, doch noch liegt das Wasser unberührt. Die Besucherinnen und Besucher, die heute hier unterwegs sind, tragen keine Schwimmbrillen, sondern Kopfhörer. Sie hören Ausschnitte aus Interviews, die in Freibädern in Erfurt, Stuttgart, Bremen und eben Leipzig entstanden sind.

Theater als soziales Experiment

Die Performance-Gruppe Studio Urbanistan hat sich nach Theater-Arbeiten in einer Musterhaussiedlung oder in der Abfallwirtschaft nun dem Freibad zugewendet, denn das sei einer der wenigen Orte, „wo sehr, sehr viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen,“ erklärt Regisseurin Clara Minckwitz.

Minckwitz arbeitet seit 2014 mit ihrer Kollegin Julia Lehmann zusammen. Was heißt es, gemeinsam im Becken zu sein oder schwimmen zu lernen – oder unterzutauchen, haben sich die beiden gefragt und das in ihrer Performance auf die gesellschaftliche Ebene gehoben: „Also was heißt es, Gesellschaft zu lernen? Was sagt es aus, wenn ich jemanden frage: Wie hast du schwimmen gelernt? Was sagt das vielleicht auch über die eigene Herkunft aus oder wie ich geprägt wurde?“

Was sagt es aus, wenn ich jemanden frage: Wie hast du schwimmen gelernt?

Co-Regisseurin Clara Minckwitz

Genau solche Verbindungen haben sie interessiert, so Minckwitz – und darin steckt für sie auch der Bezug zum Thema Freibad Ost und West.

Ist Baden gehen in Leipzig und Bremen dasselbe?

Auf den ersten Blick gleicht sich das Freibad-Bild in Leipzig oder Stuttgart, in Bremen oder Erfurt. Doch unter der Oberfläche, zwischen Handtuchburgen und Startblöcken, lauern die feinen Unterschiede. Christine Koschmieder, die man auch als Schriftstellerin kennt, ist eine der vier Performerinnen der Inszenierung. Zwölf Jahre lang hat sie direkt neben dem Leipziger Schreberbad gewohnt und ist morgens gleich mit den Badelatschen hier rüber geschlappt. Aufgewachsen ist sie im Westen, als Jugendliche erlebt sie das Freibad eher wie ein regelloses Schlachtfeld.

Das ist eine krasse Metapher auf Gesellschaft.

Performerin Christine Koschmieder

„Freibad ist die totale Hölle, weil es keine Spielregeln gibt“, erinnert sich Koschmieder: „Du musst dich entscheiden: Zu wem legst du dich? Ab wann guckst du die anderen an? Tust du so, als hättest du sie gesehen oder nicht? Wie nehme ich jemanden wahr, zu wem will ich mich zugehörig fühlen? Passe ich mich an und tue so, als fände ich irgendeine Arschbombe lustig? Das ist eine krasse Metapher auf Gesellschaft.“