Immer wieder heimst Mette Frederiksen Rekorde ein. Vor fast genau sieben Jahren wurde die damals 41 Jahre alte Sozialdemokratin im Juni 2019 zur jüngsten Regierungschefin Dänemarks gewählt. Bei ihrer Wiederwahl drei Jahre später vergingen volle 44 Tage, ehe Frederiksen eine neue Regierung bilden konnte. Auch das war dänischer Rekord.
Bei den Parlamentswahlen Ende März dieses Jahres wurden die Genossinnen und Genossen um die Regierungschefin zwar stärkste Kraft, fuhren aber das schlechteste Ergebnis seit mehr als 120 Jahren ein. Ein Rekord, auf den die 48 Jahre alte Frederiksen sicher gern verzichtet hätte.
Seitdem sind am Dienstag bereits 50 Tage vergangen – und das skandinavische Königreich hat noch immer keine funktionierende Regierung. Eine Höchstmarke, die womöglich nicht mehr Frederiksen angerechnet werden kann. Denn der Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung wurde ihr vom König am Wochenende offiziell entzogen. Die Wahlgewinnerin, die eigentlich nie eine war, schaut nur noch von der Seitenlinie zu – und Dänemark steht inmitten einer der schwersten außenpolitischen Krisen seit nunmehr sieben Wochen ohne stabile Regierung da.
Zersplittertes Parteiensystem
Der amtierende Außenminister und Frederiksens Koalitionspartner von der zentristischen Moderaterne, Lars Løkke Rasmussen, hat am Freitag überraschend die Gespräche mit der Sozialdemokratin abgebrochen. Dabei hatte es das Duo in den vergangenen Monaten international zu einiger Bekanntheit gebracht: als erfolgreiche Widerständler gegen die imperialistischen Einverleibungsfantasien des US-Präsidenten Donald Trump und damit als Beschützer der zu Dänemark gehörenden Insel Grönland.
Schrieb zuletzt innenpolitisch zwar einige Rekorde, aber nur wenige Erfolgsmeldungen: Dänemarks amtierende Regierungschefin Mette Frederiksen.
© AFP/Mads Claus Rasmussen
An Lars Løkke Rasmussen führt zumindest eine stabile Regierung nicht vorbei. Sowohl der linke als auch der rechte Parteienblock benötigen seine Zustimmung für die absolute Mehrheit. Dessen Ziel ist eine Neuauflage der Mitte-Koalition von Sozialdemokraten, Moderaten und Liberalen, unterstützt von kleineren Juniorpartnern – und unter Führung Mette Frederiksens als Vorsitzende der stärksten Partei. Mit dem Abbruch der Gespräche versuche Løkke, „maximalen Druck auf die anderen Parteien auszuüben“, sagt Rune Stubager dem Tagesspiegel. An der Universität Aarhus forscht der Politikwissenschaftler unter anderem zum Parteiensystem in Dänemark.
Neu mit der Regierungsbildung beauftragt ist nun der Parteichef der liberalen Venstre-Partei und amtierende Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen. Er soll es nun in Kopenhagen richten – oder zumindest die Chancen für seine Wunschkoalition rechts der Mitte ausloten. Lund Poulsens rechtsliberale Partei Venstre kam Ende März nur auf die drittmeisten Stimmen und fuhr zugleich das schlechteste Ergebnis seit 1987 ein, ein vielversprechenderer Kandidat im rechten Parteienblock lässt sich in Kopenhagen momentan aber kaum finden.

Rune Stubager forscht als Politikwissenschaftler an der Universität Aarhus unter anderem zum Parteiensystem in Dänemark.
Das ist der Zersplitterung des dänischen Parteiensystems geschuldet, dass nun nach Frederiksen ausgerechnet der nächste große Wahlverlierer eine stabile Regierung bilden soll. Es gibt zwölf Parteien im Parlament, nur drei von ihnen haben mehr als zehn Prozent der Stimmen.
Dabei muss der Chef der Liberalen auch auf die vor Selbstbewusstsein strotzenden Rechten der Dänischen Volkspartei setzen. Die Nationalisten konnten ihr Ergebnis mehr als verdreifachen, fordern von einer zukünftigen Regierung ausdrücklich, „Maßnahmen einzuführen, die zu einer Nettoauswanderung von Muslimen aus Dänemark führen“ – und keine Beteiligung von Sozialdemokraten oder Moderaten.
Für eine Mehrheit im Folketing, dem Parlament, benötigt allerdings auch der rechte Block wenigstens die Moderaten um den amtierenden Außenminister – und Königsmacher – Lars Løkke Rasmussen.
Grönlands Regierungschef wünscht sich „bald“ neue Regierung
Am Ende könnte es nach wochenlangen Verhandlungen und Gesprächen fast zu einer Neuauflage der alten Regierung und Mette Frederiksens dritter Amtszeit kommen, das wäre ihr nächster Rekord.
Wie realistisch das ist, lasse sich aktuell „ziemlich schwierig einschätzen“, sagt Politologe Rune Stubager. Insbesondere zwischen Sozialdemokraten und Liberalen herrsche nach vier Jahren gemeinsamer Regierungszeit tiefes Misstrauen. Außerdem seien die Liberalen der Meinung, dass die Sozialdemokraten sie im Wahlkampf unfair behandelt hätten: „Alles in allem kein guter Ausgangspunkt für eine neue Zusammenarbeit.“
Dänemarks dunkle Geschichte „Grönland wurde wie ein Entwicklungsland behandelt“
Im mehr als 3.500 Kilometer entfernten Nuuk blickt die Autonomieregierung auf das politische Tauziehen in Kopenhagen mit immer größerer Sorge. Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen sagte der Tageszeitung „Sermitsiaq“ zufolge am Dienstag, dass er sich „bald eine dänische Regierung“ wünsche. „Das wäre großartig für uns in Grönland. Denn wenn wir über Außenpolitik, Verteidigung und so weiter sprechen, geht es um das Königreich Dänemark, also um Grönland und Dänemark gemeinsam.“
Streit um Grönland
US-Präsident Donald Trump beharrt darauf, dass die USA Grönland aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ annektieren müssten. Auch den Einsatz militärischer Gewalt haben Mitglieder der Trump-Regierung nicht ausgeschlossen.
Als größte Insel der Welt liegt Grönland im Nordatlantik zwischen Europa und Nordamerika. Über 80 Prozent der mehr als zwei Millionen Quadratkilometer Fläche sind von Eis überzogen. Die Insel ist etwa sechsmal so groß wie Deutschland. Aufgrund der Klimakrise öffnen sich durch das Abschmelzen des Eises neue Schifffahrtsrouten.
Bevölkerung: Knapp 57.000 Menschen leben auf Grönland, ein Großteil davon sind indigene Kalaallit. Die Insel ist fast ausschließlich an den eisfreien Küsten bewohnbar.
Geschichte: Erstmals besiedelt worden ist Grönland vor mehr als 4400 Jahren von Inuit aus Nordamerika. Von 1721 bis 1953 wurde Grönland durch Dänemark kolonisiert, seit 1979 besitzt es innenpolitische Autonomie. Seit 2009 ist die Insel selbstverwalteter Teil des Königreichs Dänemark. Außen- und Verteidigungspolitik bleiben in dänischer Hand.
Bodenschätze: Unter dem riesigen Inlandseis werden massive Rohstoffe vermutet, darunter seltene Erden, Gold, Eisen und Kupfer, dazu Öl und Gas an den Küsten. Die Geological Survey of Denmark and Greenland schätzt, dass 25 der 34 kritischen Rohstoffe der EU auf Grönland zu finden sind.
Militär: Wegen der Besetzung Dänemarks durch Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg sind die USA seit 1941 auf der Insel präsent. Es sollte verhindert werden, dass die Wehrmacht Grönland als Sprungbrett Richtung Nordamerika nutzen kann. Seit 1951 gibt es zwischen Dänemark und den USA einen bilateralen Vertrag, der Washington den Aufbau militärischer Stützpunkte gewährt. Heute ist die Pituffik Space Base im Nordwesten der einzige US‑Stützpunkt. Er dient hauptsächlich der Raketenüberwachung. (mb)
Kommende Woche findet auf der weltweit größten Insel die Konferenz „Future Greenland“ statt – auch Jeff Landry, der umstrittene Sondergesandte des US-Präsidenten, soll daran teilnehmen. Anders als hohe Vertreter und Vertreterinnen der dänischen Regierung, die in Nuuk der offiziellen Teilnahmeliste zufolge fehlen werden.
Däne protestiert mit Wortspielen gegen Trump „Es begann als Witz und wurde zur Bewegung“
Die Beziehungen zwischen Dänemark, den USA und Grönland sind so schlecht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Trump droht der Arktisinsel immer unverhohlener mit militärischer Übernahme. Mitte Dezember stufte der militärische Nachrichtendienst Dänemarks den langjährigen Partner und Nato-Verbündeten deshalb erstmals als Bedrohung für die Sicherheit des Königreichs ein – neben Russland und China.
Zwischen den Parteien herrscht weitgehende Einigkeit über die außenpolitische Linie.
Rune Stubager, Politikwissenschaftler Universität Aarhus
Kurz vor dem Jahreswechsel 2025/2026 ernannte Trump den 79 Jahre alten Republikaner Landry, eigentlich Gouverneur von Louisiana, zum grönländischen Sondergesandten. Der bedankte sich damals auf dem sozialen Medium X und schrieb, es sei ihm eine „Ehre“, dazu beitragen zu dürfen, „Grönland zu einem Teil der USA zu machen“.
Mehr über Nordeuropa bei Tagesspiegel PlusRegierungskrise in Grönland Ist Trumps Lieblingsinsel jetzt anfälliger für Angriffe von außen? Dänemarks nächstes Problem im Nordatlantik? „Die Färöer sind ein Einfallstor für China und Russland“ „Können Absprachen zwischen Putin und Trump nicht ausschließen“ Der Streit um Grönland bedroht auch Spitzbergen
Der dänische Politikwissenschaftler Stubager sieht in den langwierigen Verhandlungen in Kopenhagen fast zwei Monate nach der Wahl dennoch keine akute Gefahr für die Sicherheit der Nordatlantikinsel. Aktuell gebe es keinen unmittelbaren Druck wie im Januar und Februar, deshalb „sind wir wahrscheinlich nicht besonders verwundbar“.
Sollte sich das ändern, noch ehe eine neue Regierung vereidigt worden ist, würde die Situation ihm zufolge „reibungslos bewältigt“ werden können: „Zwischen den Parteien herrscht weitgehende Einigkeit über die außenpolitische Linie.“