Alles besser machen wollte München bei den Olympischen Spielen 1972. Das gelang – bis am 5. September Terroristen die israelische Mannschaft überfielen. Zwölf unschuldige Menschen starben. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

Die Morgendämmerung hatte gerade erst begonnen – bis zum Sonnenaufgang in München dauerte es am 5. September 1972 noch etwas mehr als eine Stunde. Der Dienstag versprach, schön zu werden. Als kurz vor halb fünf Uhr einige Beamte des Olympia-Postamtes auf dem Weg zur Frühschicht waren, fielen ihnen junge Männer in Sportkleidung auf, die über den Zaun zum Olympischen Dorf kletterten. Die Postbeamten dachten, es handele sich um Sportler, die nach einer langen Nacht zurück zu ihren Quartieren strebten und nicht an einem der kontrollierten Eingänge auffallen wollten.

Ein Irrtum. Wenige Minuten später betraten die jungen Männer das Treppenhaus zum Haus Connollystraße 31, in dem drei Viertel der Olympia-Delegation Israels wohnten. Die Trainingsanzüge, in denen sie zuvor über den Zaun geklettert waren, hatten sie gegen mitgebrachte Straßenkleidung ausgetauscht; außerdem hatte jeder ein Sturmgewehr vom Typ Kalaschnikow in der Hand.

Bald nach 4.45 Uhr fielen Schüsse. Damit endeten schlagartig die „heiteren Spiele“ von München. Der Versuch, Deutschland 36 Jahre nach Hitlers Propagandaversion Olympischer Sommerspiele in Berlin als offenes, modernes Land zu präsentieren, scheiterte am dumpfen Hass palästinensischer Terroristen. Am Ende der folgenden 21 Stunden langen Geiselnahme waren elf israelische Olympia-Teilnehmer tot sowie ein deutscher Polizist; die ebenfalls getöteten fünf Angreifer zählten nicht.

„Mord in Olympia. Zu einem Fest, das sich das Gewand ,heiterer Spiele‘ umhängte, lässt sich kein grausamerer und wahnwitzigerer Kontrast denken“, kommentierte Fritz Wirth, eigentlich der WELT-Korrespondent in London. Weil er schon seit Melbourne 1956 alle Olympischen Sommerspiele für seine Redaktion begleitet hatte, war er auch in München dabei. Seinem Leitartikel war die Erschütterung anzumerken: „Neben der Trauer um die Getöteten steht die Trauer einer Nation, die entschlossen war, sich in München als eine veränderte Nation vorzustellen.“

Entschlossen war die Bundesrepublik gewesen, jedoch weder hinreichend vorbereitet noch in der Lage, die einmal eingetretene Lage auch nur ansatzweise zu kontrollieren. Und das gleich in vierfacher Hinsicht.

Erstens hatten die Organisatoren zwar mögliche Gefahren durch Terroristen bedacht, sich jedoch aus unerfindlichen Gründen vollständig auf mögliche Angriffe gegen prominente Gäste konzentriert. Das war fahrlässig, denn erst im Mai 1972 hatte eine Anschlagsserie der Baader-Meinhof-Bande gezeigt, dass Terroristen gegen beliebige Ziele zuschlugen, sofern es in ihren pseudopolitischen Wahn zu passen schien.

Zweitens verhängten die Sicherheitschefs der Spiele zwar eine Nachrichtensperre, setzten sie jedoch nicht durch. Im Gegenteil berichteten tausende Journalisten völlig ungehindert alles Mögliche (und vor allem viele Spekulationen) in die Welt hinaus.

Drittens lehnten die deutschen Behörden, vermutlich irgendein Beamter in einer höheren Funktion beim Bundesinnen- oder beim Verteidigungsministerium, das Angebot aus Israel ab, eigene Kräfte für eine mögliche gewaltsame Befreiung zu schicken. Anders ist die Auskunft, die der Chef der israelischen Spezialkräfte von seinem Vorgesetzten bekam, nicht zu deuten. Der hatte nämlich in Bonn angerufen und eine Absage bekommen, weil so ein Einsatz gegen das Grundgesetz verstoßen würde. Auf so etwas konnte in einer derartigen Lage nur ein völlig weltfremder deutscher Jurist kommen.

Schließlich war der Informationsfluss der verschiedenen beteiligten Stellen katastrophal schlecht. So wussten der Krisen- und der Polizeieinsatzstab zwar, dass es sich um acht Täter handelte. Doch diese Information wurde nicht an das Befreiungskommando weitergegeben. Deshalb lagen nur fünf zudem völlig unzureichend ausgebildete Scharfschützen in Bereitschaft, die Terroristen auszuschalten. Es hätten jedoch mindestens 16 sein müssen. Die Bundeswehr hätte problemlos genügend Personal gehabt – doch Bayern wollte nicht, dass Soldaten zum Einsatz kamen.

Hinzu kam unmittelbar nach dem Desaster eine völlig falsche Unterrichtung der Öffentlichkeit und dann umfassende Bemühungen, Schuld zu verschleiern und Konsequenzen zu vermeiden. Weder die beiden verantwortlichen Polizeichefs noch die zuständigen Innenminister von Bayern und Bund traten zurück – wobei beide Politiker dazu bereit gewesen wären, jedoch aus wahltaktischen Überlegungen zum Weitermachen gedrängt wurden.

Damit nicht genug: Schon am 20. September 1972 legte die Bundesregierung eine „Dokumentation über die Vorfälle in München“ vor – zu einer Zeit, als die Sonderkommission des Landeskriminalamtes Bayerns die Ermittlungen gerade erst aufgenommen hatte, nur wenige Zeugenaussagen vorlagen und nicht einmal der zusammenfassende Bericht der Spurensicherung. Trotzdem formulierte die „Dokumentation“ schon ein klares „Ergebnis“: Die „Prüfung“ habe ergeben, dass „das nach Lage der Dinge Mögliche getan, angemessen gehandelt und richtig entschieden worden ist“.

Das war grotesk. Trotzdem sprach der zuständige Ausschuss des Bundestages „allen Verantwortlichen sein Vertrauen aus“ und dankte ihnen „für ihren besonnenen Einsatz“. Erst mehr als drei Monate später lag der Ermittlungsbericht der Sonderkommission vor, exakt am 28. Dezember 1972. Doch angesichts des nicht formalen, aber pauschalen Freispruchs durch Regierung und Parlament spielten die gründlichen Überlegungen der Münchner Ermittler kaum mehr eine Rolle. So wurden auch die Ermittlungsverfahren gegen die beiden Polizeichefs eingestellt, die ihre Karrieren fortsetzten.

Die Angehörigen der Ermordeten bekamen zwar finanzielle Entschädigungen angeboten, doch waren die Bedingungen formuliert wie ein Schlussstrich. Die Angehörigen wollten vor allem ein Bekenntnis der deutschen Behörden zur Mitverantwortung, und genau das wollten die Beamten vermeiden, um nicht zu enormem Schadensersatz verklagt werden zu können. Eine Blockade, die erst ein halbes Jahrhundert nach dem Terroranschlag von München ansatzweise aufgelöst werden konnte.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt Terrorismus in jeder Form. 2022 veröffentlichte er zum 5. September 1972 das Buch „Anschlag auf Olympia. Was 1972 in München wirklich geschah“.