
AUDIO: Wie russisches LNG nach Deutschland kommt (4 Min)
Stand: 13.05.2026 11:48 Uhr
Als Russland Gaslieferungen über Nord Stream 1 stoppte, wurden in kurzer Zeit LNG-Terminals in Norddeutschland gebaut, um Flüssiggas per Schiff aus anderen Ländern empfangen zu können. Die Betreiber mussten sich dazu verpflichten, kein russisches LNG ins deutsche Gasnetz einzuspeisen – noch findet es aber seinen Weg.
Vor Russlands Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 war Deutschland der größte Importeur von russischem Gas. Als der russische Machthaber Wladimir Putin die Gaslieferungen über Pipelines erst drosselte und später ganz stoppte, suchte die damalige Ampel-Regierung unter Kanzler Olaf Scholz (SPD) nach Alternativen. Betreiber der in Norddeutschland neu gebauten LNG-Terminals mussten sich dazu verpflichten, kein russisches LNG ins deutsche Gasnetz einzuspeisen. Ab 2027 gilt sogar ein EU-weites Importverbot.
Im November 2024 nahm ein Tanker mit russischem Flüssiggas Kurs auf das LNG-Terminal Brunsbüttel in Schleswig-Holstein in der Nordsee. Zur Löschung in Brunsbüttel kam es aber nicht: Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hatte die Bundesregierung damals den Betreiber Deutsche Energy Terminal (DET) angewiesen, russische Lieferungen an allen deutschen LNG-Häfen nicht zu akzeptieren.
Importversuch von russischem Flüssigerdgas
Ist dieser Importversuch ein Einzelfall? Auf NDR Nachfrage teilte die DET mit, dass vor November 2024 keine weitere Lieferung von russischem LNG an DET-Terminals festgestellt werden konnte.
Das Bundeswirtschaftsministerium und Fachleute wie der Energie-Experte Jacopo Maria Pepe von der Stiftung Wissenschaft und Politik bestätigen das. „Was aber nicht ausgeschlossen werden kann, ist, dass weiterhin russisches LNG ins deutsche Netz eingespeist wird“, sagt Pepe.
Russisches LNG spült Geld in Putins Kriegskasse
Das russische LNG fließt nicht über die norddeutschen Terminals, sondern aus den Nachbarländern Belgien, Frankreich oder den Niederlanden auch nach Deutschland – und spült so ganz legal Geld in Putins Kriegskasse. NDR Recherchen zeigen, dass dabei auch der infolge der Ukraine-Invasion von Deutschland verstaatlichte Gas-Importeur SEFE – ehemals Gazprom Germania – eine bedeutende Rolle spielt. SEFE-Chef Egbert Laege verhandelte demnach 2023 persönlich über die Wiederaufnahme von Lieferungen. Dem Bericht zufolge traf sich Laege mit einem russischen Gasmanager in Dubai. Der Kreml gab die Lieferungen anschließend frei. Die SEFE begründete ihr Vorgehen damit, Lieferverpflichtungen an Indien erfüllen zu müssen – damit konnte Laege offenbar auch das Wirtschaftsministerium unter Robert Habeck (Grüne) überzeugen.

Die staatliche Gas-Firma SEFE hat 2023 offenbar in Russland um die Wiederaufnahme von Gas-Lieferungen gebeten. Das zeigen Recherchen des NDR.
„Bis jetzt war LNG nicht sanktioniert und es laufen weiter langfristige Verträge zwischen den Unternehmen dieser Länder und russischen Lieferanten“, so Energie-Experte Pepe. „Und weil das Importverbot nicht in Kraft war und zum Teil noch nicht in Kraft ist, werden ganz legal LNG-Mengen ins europäische Netz eingespeist.“
EU-weites Importverbot für russisches Flüssiggas
Die Importmengen haben sogar ein Allzeithoch erreicht. Laut der Statistikbehörde Eurostat kauften europäische Länder im vergangenen Jahr für 7,4 Milliarden Euro russisches Flüssiggas. Erst im nächsten Jahr tritt ein EU-weites Importverbot in Kraft.
Laut Bundeswirtschaftsministerium kommen aber schon jetzt 94 Prozent der LNG-Lieferungen, die an den norddeutschen Terminals gelöscht werden, aus den USA. Weitere Lieferländer sind Angola, Trinidad und Tobago, Äquatorialguinea, Mauretanien, und Kamerun.
Für Malte Küper, der am Institut der Deutschen Wirtschaft zu Rohstoffen und Energie forscht, bietet LNG auch die Chance, künftig besser auf Krisen und Kriege reagieren zu können. „Ich kann einfach andere Schiffe mit LNG, sofern es das auf dem Weltmarkt gibt, zu unseren Häfen geleiten. Ich kann aber bei einer Pipeline, die nur aus Russland kommt, nicht einfach den Anbieter wechseln. Insofern ist es rein infrastrukturell auf jeden Fall ein großer Schritt nach vorne.“
Norddeutsche Terminals voll ausgelastet
Die norddeutschen Terminals sind laut Betreibergesellschaft DET zurzeit voll ausgelastet. Allerdings schwankt die Auslastung der Anlagen von Monat zu Monat stark. Immer wieder wird Kritik laut, die Politik habe voreilig zu viele Terminals in Betrieb genommen.
„Jetzt sind wir beim Gas-Verbrauch gut 20 Prozent unter dem langjährigen Mittel. Das liegt auch daran, dass die Industrie in Deutschland immer noch nicht wieder auf dem Niveau produziert, wie es eigentlich mal der Fall war und wie wir es uns auch wünschen würden“, hält Küper dagegen. „Selbst, wenn die Terminals mal nicht voll ausgelastet sind, heißt das nicht automatisch, dass es dauerhaft zu viel ist. Das kann mal schwanken, aber das war definitiv die richtige Entscheidung.“
Noch sind die LNG-Terminals im Norden ohnehin nur eine Ergänzung beim Gas-Import: Mehr als 90 Prozent der in Deutschland benötigten Mengen kommen nach wie vor als klassisches Pipeline-Gas ins Land. Allein die Hälfte davon aus Norwegen. Aus Russland kommt schon seit fast vier Jahren nichts mehr. Den LNG-Ausbau treibt die Bundesregierung weiter voran: Im dritten Quartal dieses Jahres soll laut Bundeswirtschaftsministerium ein weiteres Terminal im niedersächsischen Stade den Betrieb aufnehmen.
11:21 Uhr
Hinweis der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Artikels hieß es, der Versuch, russisches LNG 2024 direkt in einem deutschen Hafen anzulanden, sei illegal gewesen. Das war nicht korrekt.
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