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Kiew weitet im Ukraine-Krieg ihre Schläge gegen die russische Ölinfrastruktur aus. Dahinter steckt eine doppelte Strategie.
Moskau – Die Ukraine hat erneut Russlands Wirtschaft ins Visier genommen. Russische Telegram-Kanäle berichteten am Morgen des 13. Mai über massive Drohnenangriffe auf die Hafeninfrastruktur im Dorf Volna unmittelbar östlich der Halbinsel Krim. Aus der Region stiegen weithin sichtbare schwarze Rauchwolken auf, die in sozialen Netzwerken kursierende Videos dokumentierten. Der Krisenstab von Krasnodar Krai bestätigte einen Brand in „einem der Gebäude“ in Volna sowie eine verletzte Person infolge des Drohnenangriffs.
Der Ukraine gelingen immer wieder empfindliche Schläge gegen russische Ölanlagen. Russlands Wirtschaft gerät damit immer mehr unter Druck. (Archivbild) © Uncredited/Russian Emergency Ministry Press Service/AP/dpa
Das betroffene Terminal trägt den Namen Tammanneftogaz und erfüllt laut der Zeitung The Kyiv Independent eine strategisch wichtige Funktion: Es leitet Rohöl und Erdgas aus russischen Pipelines auf Tanker um, die anschließend durch das Schwarze Meer zu internationalen Märkten fahren. NASA-Satellitendaten des Brandüberwachungssystems FIRMS bestätigten das Feuer an dem Öllager nahe dem Hafen. Das russische Verteidigungsministerium räumte nächtliche Angriffe ein, vermied jedoch konkrete Angaben zu den betroffenen Standorten.
Russlands Wirtschaft im Visier: Angriffe auf Ölanlagen nehmen weiter zu
Der Angriff auf Volna steht nicht für sich allein. Er ist Teil einer gezielten ukrainischen Strategie, die in den vergangenen Wochen erheblich an Intensität gewonnen hat: Laut Bloomberg erreichten Kiews Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur im April ein Vier-Monats-Hoch: Mindestens 21 Attacken auf Raffinerien, Pipelines und Ölanlagen auf See wurden registriert.
Spezielles Augenmerk legte die Ukraine dabei auf die Stadt Tuapse in Krasnodar Krai. Zwischen Mitte April und Anfang Mai wurde die Heimat einer der größten Ölraffinerien und Exportterminals an der Schwarzmeerküste mehrfach systematisch von ukrainischen Langstreckendrohnen angegriffen. Tagelange Brände führten zu massiver Luftverschmutzung und Ölpfützen auf Stadtstraßen. Was einst als attraktives Touristenziel galt, ist heute ein Schauplatz ökologischer Verwüstung – und ein Symbol für die begrenzte Kontrolle des Kremls über den eigenen Luftraum.
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Hinter den Angriffen steckt eine klare strategische Logik: Die Ukraine will Russlands Einnahmen aus dem Ölexport empfindlich treffen – jene Devisen, die den Kreml in die Lage versetzen, den Ukraine-Krieg weiter zu finanzieren. Fachleuten zufolge verfolgt die Kampagne dabei zwei Ziele gleichzeitig: Sie beschädigt die physische Exportinfrastruktur und erzeugt zugleich politischen Druck innerhalb Russlands, indem der Krieg ins Land getragen wird.
Ermöglicht wird diese Strategie durch den massiven Ausbau der ukrainischen Drohnenproduktion. Ukrainische Hersteller – darunter das Unternehmen Fire Point – produzieren inzwischen bis zu 100 Drohnen pro Tag, zu über 90 Prozent aus einheimischen Komponenten. Neben Kurzstreckenmodellen setzt die Ukraine zunehmend auf Langstreckendrohnen für sogenannte „Deep Strikes“ – Angriffe weit hinter der Frontlinie, die selbst Ziele in großer Entfernung erreichen können. So bestätigte Präsident Wolodymyr Selenskyj am 12. Mai einen Drohnenangriff auf eine Gasanlage in der Region Orenburg – mehr als 1500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
Russlands Wirtschaft unter Druck: Jeder brennende Öltank bedeutet weniger Exporteinnahmen
Besonders brisant erscheint die zeitliche Dimension: Der Angriff auf Volna ereignete sich ausgerechnet am 243. Jahrestag der russischen Schwarzmeerflotte – jener Marine, die Russland als Symbol nationaler Stärke und historischer Größe inszeniert. Dass ukrainische Drohnen just an diesem Tag einen Ölterminal an der Schwarzmeerküste in Brand setzen, dürfte in Moskau als empfindliche Demütigung wahrgenommen werden.
Der Angriff auf Tammanneftogaz verdeutlicht, wie wirkungsvoll die Ukraine den Krieg auf eine wirtschaftliche Dimension ausgedehnt hat. Jeder brennende Öltank bedeutet weniger Exporteinnahmen für den Kreml, höhere Versicherungskosten für russische Tanker und wachsende Unsicherheit auf den internationalen Energiemärkten. Selbst Greenpeace hat darauf hingewiesen, dass die Angriffe russische Tanker – besonders die sogenannte „Schattenflotte“ – zunehmend bremsen. (Quellen: The Kyiv Independent, MDR, Spiegel, Tagesschau, Süddeutsche Zeitung, Hartpunkt) (cs)