Die deutsche Stahlindustrie prägt unser Bild der heimischen Industrie wie kaum ein anderer Sektor. Viele von uns haben irgendwann ein Foto gesehen, auf dem ein Stahlarbeiter in Schutzkleidung vor einem Ofen steht, aus dem bei Temperaturen von rund 1500 Grad Celsius flüssiges Roheisen fließt. Dieses Bild täuscht nicht: Die Stahlindustrie ist ein zentraler Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Rund zwei Drittel der Industriearbeitsplätze in Deutschland entfallen auf stahlintensive Sektoren. Ohne Stahl gäbe es keine Brücken, Schienen, Automobile, Windräder oder Panzer.
Doch die deutsche Stahlindustrie befindet sich – wie die gesamte deutsche Industrie – in einer tiefgreifenden Krise. Ein Blick auf die Stadt Duisburg verdeutlicht die Dramatik der Lage. Im Norden der Stadt plant Thyssenkrupp Steel einen massiven Stellenabbau von rund 11.000 Arbeitsplätzen bis 2030. Im Süden der Stadt gilt es bereits als Best-Case-Szenario, dass von derzeit etwa 3000 Stellen bei Hüttenwerke Krupp-Mannesmann rund 1000 erhalten bleiben. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen dieses Kahlschlags für die Menschen in Duisburg wären gravierend.
Diese Krise ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis politischer Fehlentscheidungen. Länder wie China, Indien und Südkorea haben Deutschland als Stahlproduzenten in den letzten Jahrzehnten überholt, weil ihre Regierungen einen klaren Plan verfolgten: die gezielte Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Stahlindustrie durch günstige Energie sowie geringe Arbeits- und Klimaschutzauflagen.
Auch die deutsche Politik braucht einen klaren Plan. Er sollte darauf abzielen, günstige Energiepreise mit hohen Arbeits- und Klimastandards zu verbinden und zugleich auf EU-Ebene effektive Schutzzölle gegen unfairen Wettbewerb aus Ländern wie China und Indien durchzusetzen. Sobald die Politik verlässliche Rahmenbedingungen für fairen Wettbewerb geschaffen hat, wird die Stahlindustrie in Duisburg auch wieder eine vielversprechende Zukunft haben.
Unser Autor ist Professor für Makroökonomik an der Universität Mannheim und Mitglied der Mindestlohnkommission. Er wechselt sich hier mit der Ökonomin Ulrike Neyer, dem Wettbewerbsökonomen Justus Haucap und dem Energieökonomen Manuel Frondel ab.