AfD bei 27 Prozent – und was jetzt?
Die vor Ort weitgehend untätige AfD macht Höhenflüge im BUND. Bild: Dorstener Zeitung

Ein Blick auf die Unzufriedenheit und ihre Auswirkungen auf die Politik und Wirtschaft
Autor: Ulrich Breulmann – Redakteur der Dorstener Zeitung

Gladbeck – 13.05.2026 – AfD bei 27 Prozent – Würde heute gewählt, käme die AfD auf 27 Prozent. Sagt der ARD-Deutschlandtrend. Erstmals wäre sie stärkste Partei. Wollen wir das? Es ist Zeit für eine Einordnung.

Zunächst spiegeln die Zahlen eine große Unzufriedenheit wider. Die Wirtschaft kommt nicht in Fahrt. Trumps Zoll-Irrfahrt, der Iran-Krieg, steigende Energiepreise verunsichern die Wirtschaft, lähmen Investitionen. Die Verbraucher spüren das an der Tankstelle und im Supermarkt. Die Arbeitslosigkeit steigt. Das Gefühl grassiert: Außer hilflosen, teuren und kaum wirksamen Maßnahmen wie dem Tankrabatt fällt der Politik wenig Sinnvolles ein.

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Klar ist: Weder Friedrich Merz noch die anderen Minister und Ministerinnen sind dafür verantwortlich, dass Trump die Welt mit Zöllen, Kriegen und spätpubertären Drohgebärden ins Chaos stürzt, aber: Wen sonst als die Bundesregierung sollen die Menschen bei uns denn in die Pflicht nehmen, sie sicher durch diese wilden Zeiten zu lotsen?

Denn es gibt ja zusätzlich Themen, für die nur Kanzler und Regierung selbst die Verantwortung tragen. Viele nehmen ihnen etwa übel, dass die Reformen, die die sozialen Sicherungssysteme wie Kranken- und Rentenversicherung zukunftssicher machen sollten, ständig verschoben, verändert, abgeschwächt und relativiert werden.

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Noch schlimmer ist der Eindruck, dass es bei all diesen Reformplänen nicht gerecht zugeht. Dass vor allem die „kleinen Leute“ die Zeche zahlen. Hohe Preise belasten die am meisten. Nur Kassenpatienten sollen mehr für die medizinische Versorgung von Bürgergeldempfängern zahlen, Privatversicherte werden verschont.

Bei den Renten soll ebenfalls gespart werden. Schon jetzt liegt hier das Niveau nur bei rund 48 Prozent des in allen Jahren erzielten Gehalts, bei Pensionären sind es bis zu 71,75 Prozent vom letzten Gehalt. Trotzdem redet man gar nicht erst über Einschnitte bei Pensionen. Das soll gerecht sein?

Und dann die Punkte, die nur Kopfschütteln auslösen. Etwa die Frage, warum Wirtschaftsministerin Reiche ausgerechnet jetzt, da die fatale Abhängigkeit von Öl und Gas durch den Iran-Krieg wieder deutlich wird, die Förderung von Sonnen- und Windenergie kappen will.

Oder die wachsende Befürchtung, dass das 500-Milliarden-Paket für Investitionen nicht genutzt wird, um die marode Infrastruktur zukunftsfit zu machen, sondern um Haushaltslöcher zu stopfen.

Vom Bauchgrummeln über die politische Lage profitiert die AfD. Ihr werden gerade die Wählerinnen und Wähler ohne eigenes Zutun geradezu zugetrieben.

Wer jetzt erwägt, demnächst die AfD zu wählen, sollte sich allerdings genau anschauen, was die AfD abseits von Nein- und Miesmachen anzubieten hat. Das AfD-Wahlprogramm „Zeit für Deutschland“ enthält keine schrittweisen Reformen, sondern den Entwurf einer anderen Republik.

Fünf Beispiele:

1. „Remigration“. Die AfD will Massenabschiebungen nicht nur von abgelehnten Asylbewerbern, sondern auch von Menschen in Ausbildung und Arbeit. Den UN-Flüchtlingspakt will die AfD aufgekündigt, die Genfer Konvention umgeschreiben, Kirchenasyl abschaffen.

2. Menschengemachter Klimawandel existiert laut AfD nicht. Windräder nennt Alice Weidel „Windmühlen der Schande“ und will sie abreißen. Kohle, Atom und russisches Gas sollen die Energiewende rückabwickeln.

3. Europa? Zu groß, zu teuer, zu links. Die AfD will einen „Bund europäischer Nationen“ und wenn der nicht kommt, eben den Dexit. Den Euro hält die Partei für gescheitert: raus aus der Währungsunion, her mit der D-Mark oder einem Nordeuro.

4. Erbschaft-, Vermögens- und Grundsteuer sollen ersatzlos gestrichen werden. Dem Staat fehlen dadurch nach Expertenberechnungen dreistellige Milliardenbeträge – bezahlt von denen, die am wenigsten haben.

5. Die Grundsicherung will die AfD kürzen, den Islam für unvereinbar mit Europa erklären. Im Pass stehen wieder nur zwei Geschlechter.

Wollen wir, dass unsere Demokratie in eine solche Richtung umgebaut wird?

Im Moment diskutiert man, ob Friedrich Merz die Vertrauensfrage stellen soll und Neuwahlen sinnvoll wären. Gegenfrage: Ist jemand ernsthaft der Überzeugung, dass es dann eine Konstellation gibt, die das Regieren einfacher macht?

Höchstwahrscheinlich wäre die AfD viel stärker im Bundestag vertreten und ein Regieren ohne sie kaum möglich. Ist es angesichts solcher Aussichten nicht besser, wenn Schwarz-Rot drei Jahre weiterregiert? Dann muss sie in dieser Zeit aber auch zeigen, dass sie fähig ist, Deutschland in die Zukunft zu führen. Dann muss sie aufhören mit Partei-Gezänk und Reformen konsequent umsetzen. Das aber nur, wenn sie dabei Gerechtigkeit walten lässt. Tut sie das nicht, besetzt die AfD bald die meisten Sitze im Bundestag. Wollen Sie das?

Ich wünsche Ihnen morgen einen erholsamen Feiertag und – sollten Sie das Glück haben, am Freitag nicht arbeiten zu müssen – ein schönes langes Wochenende.

Quellenangabe:

Der Text steht heute im Newsletter der Dorstener Zeitung. Wir dürfen ihn mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Breulmann hier veröffentlichen.

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