Holzwürfel mit dem Wort STAGFLATION und Pfeile, die sinkende BIP/Nachfrage und steigende Arbeitslosigkeit/Inflation anzeigen.

(Bild: Najmi Arif / Shutterstock.com)

EZB-Ratsmitglied Rehn sieht erste Stagflationszeichen. Inflation bei 3 Prozent, Wachstum nahe null – und die Zinswende nach oben rückt näher.

Es ist das Szenario, vor dem sich Ökonomen am meisten fürchten: Die Preise steigen, während die Wirtschaft stillsteht. Genau das passiert gerade in Europa.

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Der finnische Zentralbankchef Olli Rehn sprach es laut Bloomberg am Mittwoch als erster hochrangiger EZB-Vertreter offen aus: Die Daten deuten auf einen stagflatorischen Schock hin.

Das Wachstum im Euroraum fiel demnach im ersten Quartal mit 0,1 Prozent kaum messbar aus, gleichzeitig schoss die Inflation im April auf 3 Prozent – ein voller Prozentpunkt über dem eigentlichen EZB-Ziel.

Der Auslöser ist kein Geheimnis. Seit der Blockade der Straße von Hormus Ende Februar fehlen dem Weltmarkt täglich 13 Millionen Barrel Öl. IEA-Chef Fatih Birol nannte die Lage bereits im April die „schlimmste Energiekrise der Geschichte“.

Der Ölpreis kletterte zeitweise auf über 115 US-Dollar pro Barrel, die europäischen Gaspreise haben sich verdoppelt. Und dieser Preisschock frisst sich jetzt durch die gesamte Wirtschaft.

Frankreich als Frühwarnsystem

Wie schnell die Lage kippen kann, zeigt das Beispiel Frankreich. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone stagnierte im ersten Quartal – obwohl die Zentralbank 0,3 Prozent Wachstum prognostiziert hatte.

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Am Mittwoch folgte die nächste Hiobsbotschaft: Die Arbeitslosenquote stieg unerwartet auf 8,1 Prozent, den höchsten Stand seit fünf Jahren. Ökonomen hatten einen Rückgang auf 7,8 Prozent erwartet, wie Bloomberg Economics berichtet.

Eine Umfrage der Bank of France unter 8.500 Unternehmen zeichnet zudem ein düsteres Bild: Industrie und Baugewerbe verlieren an Schwung, der Dienstleistungssektor stagniert, 13 Prozent der Industrieunternehmen melden Lieferengpässe.

Die Erwartungen für Preissteigerungen erreichten den höchsten Stand seit Juni 2022 – dem Beginn des Russland-Ukraine-Schocks. „Die Widerstandsfähigkeit der französischen Wirtschaft wird allmählich auf die Probe gestellt“, sagte Xavier Debrun, Chefökonom der Bank of France, laut Bloomberg.

Nagel: „Möglicherweise noch eine ganze Menge Inflation vor uns“

Bundesbankpräsident Joachim Nagel verschärfte den Ton gegenüber dem Handelsblatt noch weiter: „Zinserhöhungen werden immer wahrscheinlicher, sofern sich das Inflationsbild nicht grundlegend ändert“.

Die EZB bewege sich nicht mehr im Basisszenario ihrer eigenen Prognosen, sondern auf das ungünstige Szenario zu. Besonders seine Warnung vor Zweitrundeneffekten lässt aufhorchen: „Aus der Vergangenheit wissen wir, dass es leicht 18 Monate dauern kann, bis sich ein Versorgungsschock auf alle Warengruppen auswirkt“.

Investoren rechnen laut Bericht inzwischen mit einer Zinserhöhung um einen Viertelpunkt bereits im Juni, bis Jahresende könnten zwei weitere Erhöhungen folgen.

Sollte dies eintreffen, dann steckt die EZB in einem klassischen Dilemma: Höhere Zinsen bremsen die ohnehin schwache Wirtschaft weiter, mit Nichtstun riskiert die EZB dagegen, dass Haushalte, Unternehmen und Finanzmärkte nicht mehr glauben, dass sie die Inflation am Zielwert von zwei Prozent halten kann.

Deutschland zwischen Energieschock und Strukturkrise

In Deutschland trifft der Schock auf eine bereits angeschlagene Wirtschaft. Noch vor dem Iran-Krieg ergab die DIHK-Konjunkturumfrage, dass 59 Prozent der Unternehmen Arbeitskosten und 48 Prozent Energie- und Rohstoffpreise als zentrale Risiken sahen.

Die deutsche Wachstumsprognose für 2026 wurde inzwischen von 1,3 auf 0,6 Prozent zusammengestrichen.

Während die Finanzmärkte unter Druck geraten und die Liquidität an europäischen Terminmärkten zeitweise auf zehn Prozent des üblichen Niveaus absackt, versuchen die EZB-Ratsmitglieder Zuversicht zu verbreiten.

Rehn betonte, die Inflationserwartungen seien noch verankert, die Lohnentwicklung sei „beruhigend“. Sein estnischer Kollege Madis Müller spielte die Stagflationsgefahr herunter – räumte aber ein, dass ohne eine rasche Lösung in der Straße von Hormus eine Straffung der Geldpolitik unausweichlich werde.

Bundesbankchef Nagel brachte das Dilemma auf den Punkt: „Niemand erhöht gerne die Zinsen, wenn das Wachstum unter starkem Druck steht. Aber unser Auftrag ist Preisstabilität.“