Das Pilotprojekt «Häppi» hat Hausarztpraxen in Rheinland-Pfalz einer wissenschaftlichen Auswertung zufolge entlastet. Fünf von sieben Praxen gaben zudem an, am Ende der Pilotphase mehr Patientinnen und Patienten behandelt zu haben, wie eine Untersuchung der Universitätskliniken Mainz und Heidelberg nach Ende der Pilotphase zeigte. Den Praxen haben demnach vor allem neue Teamstrukturen und der verstärkte Einsatz digitaler Instrumente geholfen.
In sieben ausgewählten Praxen im ländlichen Raum wurde ab Juli 2025 für sechs Monate getestet, wie mit neuen Teamstrukturen und dem Einsatz von digitalen Instrumenten die Arbeit besser verteilt und damit mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten geschaffen werden kann. Neben dem Einsatz von Videosprechstunden, Online-Terminierung oder Messengerdiensten lag ein Schwerpunkt auf dem Einsatz KI-basierter Telefonassistenz. Das Versorgungskonzept des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes auf Bundesebene wurde zuvor bereits in Baden-Württemberg erprobt.
«Wir hier in Rheinland-Pfalz haben im Rahmen unseres Projekts vor allem die KI-Technologie angewendet, die tatsächlich, muss ich so sagen, ein voller Erfolg war», sagte Barbara Römer, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Rheinland-Pfalz. Das Ende der Pilotphase solle «für alle ein Startpunkt sein, damit wir jetzt, gerade im ländlichen Raum von Rheinland-Pfalz, stabile, innovative, moderne Hausärztliche Versorgung sicherstellen können».
«Häppi ist in Rheinland-Pfalz ein machbares Versorgungskonzept», sagte Hausarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Heidelberg, Simon Schwill, der an der Auswertung beteiligt war. Seiner Aussage nach sei es ein «Upgrade» der klassischen Hausarztpraxis. Auch die Patientenbefragung habe eine hohe Zufriedenheit belegt.
Wie Henry den Stress nimmt
Alexander Gindi führt eine hausärztlich-internistische Praxis im Westerwald, sie ist eine der sieben «Häppi»-Praxen. «Wir waren vorher schon sehr gut aufgestellt, aber jetzt im Rahmen des Projekts ist die Digitalisierung bei uns noch mal ein Stück weiter gegangen», berichtet er.
Die Künstliche Intelligenz (KI) – in Gindis Praxis heißt sie Henry – nimmt Anrufe von Patienten entgegen. «Da können sie jederzeit Termine, Rezepte und Überweisungen beantragen», sagte der Arzt. «Sie können auch ihre Probleme vortragen und er gibt dann Tipps, also sagt dann eher „das ist ein akuter Fall, du musst heute kommen“, oder „ist nicht so dringend, ich mache einen normalen Termin“.» Wenn gewünscht, kann auch der Rückruf des Arztes beantragt werden.
Der Unterschied wird im Büro der Praxis deutlich, erzählte er. «Wenn ich da reinkam und wollte irgendetwas anderes, waren die nur am Telefonieren – und in dem Moment, wo sie auflegen, klingelte es schon wieder.» Nun sei das anders: «Da ist absolute Ruhe, das macht die KI», so Gindi. Demnach bestimmen nun die Mitarbeiter, wann sie zurückrufen. «Das ist eine ganz andere Arbeitsweise und die Patienten finden das auch klasse.»
Aus Gindis Sicht ist das Fazit: «Durch das ganze Häppi-Konzept ist der Stress deutlich weniger geworden – für alle.» Und: «Ich kann die Patienten zufriedener durch den Praxisalltag führen. Und ich kann auch wesentlich mehr Patienten versorgen.»
Sechs Praxen bleiben «Häppi»
Dass das Projekt einen nachhaltigen Einfluss hatte, zeigt sich auch daran, dass sechs der sieben Praxen den KI-Telefonassistenten seit Projektende auf eigene Kosten weiternutzen, wie aus der Auswertung hervorgeht. Als eine Herausforderung beschrieben viele Praxen zunächst die Umstellung auf das KI-System und die Akzeptanz einiger Patienten.
Damit das «Häppi»-Konzept in weiteren Praxen in Rheinland-Pfalz übernommen werden kann, müsse nun noch ein Leitfaden durch den Hausärztinnen- und Hausärzteverband Rheinland-Pfalz erarbeitet werden, sagte Barbara Römer, Vorsitzende des Landesverbands.
Minister betont Bedeutung in Flächenland
Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) betonte in einer Mitteilung, dass die Mehrversorgung gerade in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz wichtig sein. Dabei sei entscheidend, dass das Konzept auch in kleineren Praxen umgesetzt werden könne. Ein voller Terminkalender ließ beim Minister nur einen kurzen Besuch bei der Vorstellung der Auswertung zu.
«Nun versprechen wir uns von der Gesetzgebung auf Bundesebene eine verstärkte Steuerungsrolle der Hausärzte und einen klaren Rahmen für die Delegation ärztlicher Aufgaben, damit wir gute Ansätze wie „Häppi“ gut in eine Regelstruktur außerhalb von Modellprojekten überführen können», sagte der Minister laut Mitteilung. Das Projekt wurde aus Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz und durch die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland mit rund 280.000 Euro gefördert.