Die EU und ihre Mitgliedstaaten arbeiten an der Architektur einer textilen Kreislaufwirtschaft – doch die Strukturen, auf denen sie aufbauen soll, kollabieren zum Teil bereits. Davor warnten Vertreter der Alttextil- und Recyclingbranche letzte Woche auf der IFAT. Die künftige Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien drohe, in ein kippendes System hineinzuregulieren: Billige Neuware entwertet Secondhand, schlechte Qualitäten verteuern die Sortierung, Recycling ist noch kein belastbares Ersatzgeschäft. Mariska Boer, Präsidentin der Textilsparte im Dachverband Recycling Europe (vormals Euric), beschrieb die Situation bei einer Paneldiskussion als „Perfect Storm“, befeuert von Ultra-Fast-Fashion-Anbietern wie Shein und Temu. „Wir brauchen einen radikalen Wandel und wir brauchen ihn schnell.“
„Das Sammel- und Sortiersystem war immer in der Lage, sich selbst durch die Einnahmen aus der Wiederverwendung zu tragen“, sagte Boer, die als Mitinhaberin der Boer Group eines der führenden niederländischen Unternehmen im Bereich Textilverwertung leitet. Die bisherige Erlöslogik stehe massiv unter Druck. Die Inputqualität der erfassten Ware sinke, während die Kosten der manuellen Sortierung stiegen. Zugleich konkurrierten Secondhand-Anbieter mit denselben Plattformen, deren Billigware später in den Sammelströmen lande. „Ein Secondhand-Shop kann ein Shein-Produkt nicht gebraucht verkaufen, wenn der Laden nebenan das gleiche Produkt neu für ein Drittel des Preises anbietet“, so Boer.
Die politische Dringlichkeit der Problematik unterstrich Julia Schneider, Abgeordnete der Grünen im Deutschen Bundestag. Sie sprach von einem System, das nicht nur nachjustiert werden müsse, sondern „strukturell kaputt“ sei. Die EPR, die Produzenten und Handel künftig finanziell für die Behandlung von Textilien nach der Erstnutzungsphase in die Pflicht nehmen soll und bis Juni nächsten Jahres von den EU-Ländern in nationales Recht umzusetzen ist, dürfe nicht zu spät kommen. „Wenn wir bis 2027 oder darüber hinaus warten, riskieren wir, neue Regulierungen auf Grundlage einer Infrastruktur einzuführen, die es dann nicht mehr gibt.“
Ohne Secondhand-Export würden Europas Sammler und Sortierer „aufhören zu existieren“
Boer wies in der Diskussion auf eine entscheidende Abhängigkeit hin: „Ohne die Möglichkeit, einen globalen Markt für Secondhand-Kleidung zu bedienen, würde die Sammel- und Sortierbranche in Europa aufhören zu existieren.“ Der Grund liegt nach Boers Darstellung in der Zusammensetzung der Sammelware. Rund die Hälfte des Inputs sei für die Wiederverwendung geeignet. Davon könne jedoch nur ein kleiner Teil – nur rund zehn Prozent – lokal vermarktet werden…