Während die Europäische Union (EU) betont, sich von russischen Energielieferungen zu entkoppeln, steigen in einigen Mitgliedstaaten weiterhin die Importe. Zugleich zeichnet sich nach Ansicht von Kritikern eine neue Abhängigkeit ab – nicht mehr von Moskau, sondern von Washington.
In einer Rede in Bratislava kritisierte der slowakische Ministerpräsident Robert Fico das Vorhaben der EU, Energieimporte aus Russland bis 2027 vollständig einzustellen. „Wir sind solche Idioten“, sagte er und verwies auf aus seiner Sicht bestehende Widersprüche in der europäischen Energiepolitik. Die Slowakei habe deshalb Beschwerde gegen die Entscheidung der EU-Kommission eingelegt.
Tauscht die EU Moskau gegen Washington?
Die EU stellt diesen Schritt als notwendig für die europäische Energieunabhängigkeit dar. Laut Fico entsteht dadurch jedoch lediglich eine neue und teurere Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Bei einem Treffen vergangene Woche hätten US-Vertreter „großes Interesse“ daran gezeigt, die gesamte Transitinfrastruktur in der Slowakei zu erwerben.
„Die Russen werden Gas und Öl zu Standardpreisen an die Amerikaner liefern, und die Amerikaner werden es uns mit einem hohen amerikanischen Aufschlag weiterverkaufen“, sagte Fico. Damit sei er „überhaupt nicht einverstanden“. Stattdessen plädiere er für eine stärkere Diversifizierung der Energiequellen.
Ermöglicht wird diese Entwicklung derzeit unter anderem durch eine Ausnahmeregelung bei der Verarbeitung von Rohöl. Russisches Rohöl wird in Drittstaaten wie Indien oder der Türkei verarbeitet. Durch die chemische Umwandlung verliert es juristisch seinen Status als russisches Produkt und kann trotz Sanktionen legal – jedoch zu höheren Preisen – auf westliche Märkte gelangen.
Die USA sind bereits auf dem Weg, noch in diesem Jahr Europas größter Gaslieferant zu werden. Das geht aus einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) hervor. Demnach könnten europäische Staaten bis 2028 rund 80 Prozent ihrer Flüssiggasimporte (LNG) aus den USA beziehen. Im vergangenen Jahr stammten bereits 58 Prozent der LNG-Importe der EU aus den Vereinigten Staaten.
Fico kritisierte zudem, dass russisches Öl und Gas trotz Sanktionen und geplantem Ausstieg in einigen westeuropäischen Staaten weiterhin toleriert würden, während osteuropäische Länder dafür unter Druck gerieten. „Wir dürfen nicht, aber Frankreich kann Öl und Gas aus Russland kaufen“, sagte der slowakische Regierungschef.
Von Januar bis März 2026 importierte die EU deutlich mehr russisches Flüssigerdgas als im Vorjahreszeitraum. Der Anstieg lag bei 16 Prozent.
Abschließend äußerte sich Fico auch zum Krieg in der Ukraine: „Ich weiß derzeit nicht, ob wir in der Lage sein werden, den Krieg in der Ukraine zu beenden“, sagte er. Aufgrund der unterschiedlichen Positionen beider Seiten sei eine Lösung in naher Zukunft „sehr kompliziert“.
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