Selbsterfahrung und Teilhabe: Die Besucher spiegeln sich in den Köpfen mit polierten Stahloberflächen der massgefertigten Schaufensterpuppen. Entworfen hat die Köpfe die Künstlerin Samar Hejazi.
Anna-Marie Kellen / Met
«Costume Art» zeigt die Vielfalt der Körper in Kunst und Mode. Und das ist sehr aufschlussreich. Denn wir haben uns noch längst nicht frei gemacht, den Körper in all seinen zeitlichen Stadien und vielen Facetten zu akzeptieren.
Die Aufregung um die «Fashion is Art»-Motto-Looks der Spendengala für das Metropolitan Museum of Art ist vorbei. In den Medien und den sozialen Netzwerken wurden Kleider, Schuhe, An- und Abwesenheiten sowie Make-up der Gäste detailliert kommentiert, eingeordnet, bejubelt oder gebasht.
Ab jetzt darf es auch um die Ausstellung gehen. In den neu eingeweihten Räumlichkeiten der Condé-M.-Nast-Galerien neben der grossen Halle findet auf zirka 1100 Quadratmetern auch ein Spektakel statt, das in der Anlage zwar ruhiger ist, aber mit all dem Tiefgang doch auch recht aufrütteln kann.
Unter dem Titel «Costume Art» werden 400 Exponate aus Kunst und Mode präsentiert. Die Werke stammen aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art (Met) und des Costume Institute. Kuratiert wurde die Ausstellung von Andrew Bolton, dem leitenden Kurator des Costume Institute.
Intellektuell erfrischend kämpft das Costume Institute seit Jahrzehnten dafür, dass Mode auch als Fachbereich der Kunst etabliert wird. Das gelingt natürlich am besten, wenn Kuratoren wie Bolton, aber auch Amanda Garfinkel oder Mellissa Huber (sie alle sind vom Costume Institute) hier Kunstwerke und Mode gegenüber- und zueinanderstellen, sie kulturell und gesellschaftlich-historisch kontextualisieren – und Bezüge zur Gegenwart herstellen, die sich wie Tresore mit zu hebenden Schätzen öffnen. So gelingt es unterhaltsam, überraschend und erhellend, auch über Mode neue Zugriffe auf die Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft zu ermöglichen.
Was der Körper erzählt
Mit der diesjährigen Ausstellung «Costume Art» fokussiert das Museum inhaltlich auf diverse Erscheinungen oder Zustände des menschlichen, meist gekleideten Körpers. Die Ausstellung reicht vom klassischen Körper über den abstrakten, den alternden, den schwangeren, den anatomischen und den vitalen bis zum sterblichen Körper. Die Aufzählung ist nicht abschliessend, zeigt aber, wie umfassend der Körper in der Ausstellung thematisiert wird.
Der klassische Körper: Marmorstatue des Diadumenos, 1. bis 2. Jahrhundert n. Christus.
Anna-Marie Kellen / Met
Der schwangere Körper: Schwangerschaftskleid von Georgina Godley (geb. 1955) für die Herbstkollektion «Lumps and Bumps» von 1986/87.
Paul Westlake / Met
Der sterbliche Körper: Kleid mit Applikationen aus geflochtenem Haar und Perlen von Dilara Fındıkoğlu für die Sommerkollektion 2023.
Paul Westlake/ Met
Die Szenografie erinnert an eine Mischung aus High-End-Luxusgeschäft und Antikenmuseum. Und doch ist da viel mehr: Die feinfühligen Hände und Köpfe des Architekturbüros Peterson Rich Office (Miriam Peterson und Nathan Rich verantworteten neben dem Umbau auch das Ausstellungsdesign) haben Räume geschaffen, die in ihrer Funktionalität den Kleidern nicht unähnlich sind: Sie schützen, gewähren Flexibilität, regen Kommunikation an und verbinden Menschen.
Vitrinen, Schauboxen, Podeste, Terrassen in den Galerieräumen strukturieren die Dramaturgie von «Costume Art» auf überzeugende Weise in verschiedene Themenfelder – mal müssen die Besucher aufblicken, mal finden sie sich auf Augenhöhe mit sich selbst und den Exponaten wieder.
Für Menschen mit «Me, Myself and I»-Attitüde – und das sei hier nicht despektierlich gemeint – gibt es die Möglichkeit, das eigene Gesicht auf die für die Kleidungsstücke massgeschneiderten Modellpuppen zu spiegeln. Nicht narzisshaft (oder gerade doch?), sondern als tiefergehende Erfahrung: Wie könnte man selbst halb nackt, korpulent, sehr dünn, alt oder schwanger ausschauen? Die Künstlerin Samar Hejazi hat diese Köpfe mit spiegelnder Stahlfläche für die massangefertigten Modellpuppen angefertigt. Sehr subtil und doch so gross in der Wirkung.
Nichts für Anti-Ager: Die Arbeit rechts stammt von Imme van der Haak. Die mit einer alten Frau in Unterwäsche bedruckte Seide zeigt federleicht, wie Altsein ausschaut. Sehr gut, mit Falten!
Anna-Marie Kellen / Met
Die Ausstellung beginnt mit dem Kapitel «Nackt» (so wird man geboren) und endet thematisch mit der Epidermis. Im Hintergrund die freigelegten Klinkersteine, die die Verbindung zweier zusammengeführter Gebäude offenlegen.
Anna-Marie Kellen / Met
Der zurückgewonnene Körper entspricht nicht den Schönheitsidealen, wird hier aber nicht verhüllt, sondern betont.
Anna-Marie Kellen / Met
Die Ausstellung kratzt gekonnt und wahnsinnig ästhetisch am verflixten Dilemma – das uns allen eigentlich sehr bewusst ist –, wie divers und verschieden der Körper ist und sein kann – historisch, kulturell, modisch, gesundheitlich und künstlerisch betrachtet. Doch irgendwie kriegen wir das nicht als handlungsweisende Selbstverständlichkeit in unsere Köpfe.
Allen Body-Positivity-Bewegungen zum Trotz konsumieren wir Präparate wie Ozempic, trainieren uns Idealform-Muskeln an und investieren in Faltenfreiheit. Das ist okay, aber auch ganz schön stressig. Die Ausstellung gibt keine Antworten auf die Frage, warum wir so besessen von idealen Körperbildern sind, aber sie zeigt, wie versessen Kunst und Mode seit 5000 Jahren darauf sind, mit und am Körper zu arbeiten.
Ausstellungstipp «Costume Art»
Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. Januar 2027. Alle Informationen finden sich hier. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen. (Bild: Anna-Marie Kellen / Met)
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