Bosch mischt beim assistierten und automatisierten Fahren vorn mit. In China darf der Konzern seine Level-3-Lösung seit März testen. Wie relevant ist das Feld für das Unternehmen?
Bosch kann auf der Auto China keine schnittige Limousine ausstellen. Keine riesigen SUVs, mit denen Autobauer um Aufmerksamkeit buhlen. Trotzdem wird es am Stand des Stuttgarter Konzerns bei der bedeutendsten Automesse der Welt nicht langweilig – im Gegenteil.
Denn das Technologieunternehmen kann auf dem größten Automarkt überhaupt mit anderen Themen punkten. Mit welchen, die auf einem Messegelände nicht so ansehnlich sind wie etwa neue Modelle bei Mercedes-Benz, Porsche und Co., die aber ebenso bedeutsam sind. Zum Beispiel: teil- und hochautomatisiertes Fahren, also Level 2 und Level 3 – für Bosch ein wichtiges Geschäftsfeld.
Bosch-Chef Hartung: Automatisierung in China „ganz wichtig“
Im Reich der Mitte sieht Konzernchef Stefan Hartung neben den Antriebstechnologien im elektrifizierten Bereich – also vollelektrisch, Plug-In-Hybrid und vor allem auch Range Extender – eben jenen Bereich als einen weiteren Schwerpunkt an. „In China ist das Thema Automatisierung ganz wichtig, weil die Konsumenten dort das teilautomatisierte Fahren lieben“, sagt Hartung gegenüber unserer Zeitung.
Auf diesem stark wachsenden Markt zählt der Konzern nach eigenen Angaben beim assistierten und automatisierten Fahren zu den führenden Anbietern. „Unser Ziel ist es, bevorzugter Partner für chinesische und westliche Hersteller zu sein“, wird Markus Heyn, Chef der Auto-Sparte Mobility, vom Konzern zitiert. Dass dieser zum einen Hardware – etwa mit Lenkung und Radar –, aber auch Software- und KI-Lösungen anbieten kann, spielt dem Unternehmen dabei in die Karten. Kürzlich ist Bosch in China auch ein weiterer Schritt nach vorn gelungen: Er darf inzwischen das automatisierte Fahren auf Level 3 testen.
Was es mit Level 2 auf sich hat
Doch zunächst einen Schritt zurück: Bei der Stufe darunter, dem Level 2, ist vom teilautomatisierten Fahren die Rede. Ein solches System assistiert, sprich: Es lenkt, bremst und beschleunigt von selbst. Die Verantwortung liegt nach wie vor beim Fahrer, der immer zum Eingreifen bereit sein muss.
Das gilt auch für Level-2++. Das ist eine erweiterte Lösung, die etwa durch eine Stadt von A nach B navigieren kann. „Es ist in den höherwertigen Modellen fast immer eingebaut oder als Option verfügbar“, so Hartung mit Blick auf China.
Sein Unternehmen spielt vorn mit. „Unser Level-2++-System wird auch im chinesischen Markt als eines der besten Systeme überhaupt angesehen. Wir gewinnen damit unabhängige Vergleichswettbewerbe“, sagt der 60-Jährige, laut dem die Level-2-Fahrfunktionen von Bosch bei vielen Partnern in verschiedenen Ausbaustufen implementiert sind.
Bei den angesprochenen Vergleichen meisterte ein Chery Exeed ES mit der Bosch-Lösung für die Oberklasse unter anderem die Wettbewerbe in den Städten Wenzhou und Taizhou – „ohne manuelle Eingriffe und mit der jeweils schnellsten Gesamtzeit“, so ein Konzernsprecher. Das Resultat bestätige die Sicherheit, die hohe Robustheit und die Praxistauglichkeit des Systems unter realitätsnahen Bedingungen.
Wie das Unternehmen mitteilt, hat es für seine Assistenzfunktionen Aufträge in allen relevanten Weltregionen erhalten. In China unterstützen sie Fahrer inmitten des wuseligen Verkehrs. Dort fährt man laut Hartung „relativ zügig, eher – würden wir als Deutsche sagen – einen italienischen Fahrstil, aber grundsätzlich immer den Verkehrsregeln folgend“.
Bosch testet Level 3 in China
Diesen sollen auch Fahrzeuge mit Level-3-Systemen folgen. Deren Funktionen fragen Autobauer laut Bosch zunehmend nach, womit sie den Trend hin zu höheren Automatisierungsstufen auf dem chinesischen Markt bestätigen. „Das Thema Level 3 ist im Entwicklungsstadium“, erklärt Hartung und ergänzt: „Die Regulierung in China wird dazu voraussichtlich 2027 stehen.“ Das Land arbeitet nach Angaben von Bosch daran, die entsprechende Gesetzgebung für Privatfahrzeuge zu finalisieren. Sobald sie steht, sieht Bosch das Thema als „sehr relevant“ für sich an.
Testen darf der Konzern schon heute. Seit März besitzt er laut Mitteilung die Lizenz, in der ostchinesischen Stadt Wuxi Level-3-Fahrfunktionen in Fahrzeugen auf die Probe zu stellen. Auch hierbei kommt ein Modell des Fahrzeugbauers Chery zum Einsatz. Bosch strebt an, die „Sensorik, Rechenplattform und Software von Level 2 auf Level 3 zu skalieren“. Ein wesentlicher Unterschied dieser Stufen: Die Verantwortung liegt ab Level 3 nicht mehr beim Fahrer, sondern beim Fahrzeug – zumindest „in bestimmten Anwendungsfällen“, schreibt Bosch.
Bosch-System kann bis zu 120 Stundenkilometer fahren
Fakt ist, dass man sich vom Griff ans Lenkrad und vom Blick auf die Straße lösen und stattdessen beispielsweise entspannen kann. Das hauseigene System beschleunigt laut Bosch auf bis zu 120 Kilometer pro Stunde und funktioniert bei Wetterbedingungen, die bis zu 300 Meter Sicht zulassen.
Bosch entwickelt sowohl Level-2-, als auch Level-3-Systeme. Dazu gehören auch Praxistests. Foto: Bosch
Durchbrüche bei Künstlicher Intelligenz seien entscheidend. „Wir setzen KI in jedem Softwarebaustein ein und kombinieren sie mit einer redundanten Sicherheitsarchitektur“, so Markus Heyn. „Die Level-3-Systeme werden in den nächsten ein, zwei, drei Jahren zunehmend leistungsfähig in den Markt kommen. Sie werden schrittweise für bestimmte Verkehrssituationen eingeführt – beginnend mit Autobahn und städtischen Schnellstraßen“, blickt Hartung voraus. Boschs Fokus: den Fahrer entlasten, ihm Mehrwert bieten.
Mercedes erhielt bereits Level-3-Zulassung
Mercedes-Benz hatte 2021 als erster Hersteller überhaupt die Zulassung für ein Level-3-System erhalten, es kam bei der S-Klasse und im vollelektrischen EQS zum Einsatz. Seit Anfang des Jahres ist bekannt, dass der Stuttgarter Autobauer damit pausiert. Mit immens hohen Kosten, geringer Nachfrage und einem regulatorischen Flickenteppich begründete das Management den Schritt.
In China bietet Mercedes Level 2++ an
An Level 3 und Level 4 (Fahrer muss System nicht überwachen) arbeitet Mercedes weiterhin, in der neuen S-Klasse aber liegt der Fokus wieder auf dem teilautomatisierten Fahren. Mit dem ist der Hersteller auch in China aktiv. Er ist dort nach eigenen Angaben der einzige deutsche Autobauer mit Level 2++.
Europa hinkt China bei der Automatisierung hinterher. In absehbarer Zeit soll aber auch hier Level 2++ zugelassen werden. „Die entsprechenden Vorschriften wurden kürzlich finalisiert und sollen Anfang 2027 in Kraft treten“, teilte Mercedes dazu im April mit.