Kaja Grimme, 21, ist kaum älter als die Helden ihres ersten Jugendromans. Kolonialismus, Abi-Stoff und ihre Heimatstadt Stuttgart regten die Studentin zu einem historischen Krimi an.
Jetzt schwitzen sie wieder. Ein neuer Abiturienten-Jahrgang fiebert derzeit den Ergebnissen des Schriftlichen entgegen, packt vielleicht schon mal die Deutsch-Lektüren weit nach hinten ins Bücherregal. Kaja Grimme kann sich gut an diese Zeit erinnern. Als wir die junge Frau, Abi 2022, in der Dürnitz des Alten Schlosses zum Gespräch treffen, sagt sie: „Ich will nicht sagen, dass es ganz großen Spaß gemacht hat. Aber ich habe mich gern reingehängt ins Deutsch-Abi und fand es gar nicht so schlimm, lange sitzen und schreiben zu müssen.“
Etwas anderes hätte man kaum erwartet von einer Autorin, die gerade am Durchstarten ist. Im Frühjahr hat die Stuttgarterin ihr erstes Buch unterm Dach eines Verlags veröffentlicht. „Meinen ersten Roman habe ich mit 12 begonnen“, sagt sie. Weitere folgten, manche hat sie vollendet und teilweise im Selbstverlag publiziert. „Ich habe experimentiert, einige Manuskripte sind in einer Schublade und bleiben dort“, blickt sie zurück und fügt an: „Schreiben ist auch etwas, das man lernt und das mit jedem Text besser wird.“
Der Roman spielt im Jahr 1908
Richtig gut ist es ihr im Fall von „Fräulein Renée und das kartografische Komplott“ gelungen. Freche Dialoge, ein ungewöhnliches Detektiv-Duo, in das sich ein junges Lesepublikum gut einfühlen kann, und bis heute aktuelle Themen wie Kolonialismus, Ungleichheit, Frauenrechte machen die Lektüre von Kaja Grimmes Jugendbuch-Debüt zum spannenden Vergnügen. Dass der Mordfall, in den die reich verwaiste Renée mit ihrem frisch angestellten Chronisten Caspar schlittert, im Jahr 1908 spielt, vergisst man stellenweise und darf staunen, wie tief heutige Probleme wurzeln.
Die Autorin Kaja Grimme freut sich über ihre erste Veröffentlichung unter dem Dach eines Verlags. Foto: privat/Kaja Grimme
„Mir macht Geschichte und die historische Recherche unglaublich viel Spaß. Ich mag es, mich in andere Epochen hineinzuversetzen“, sagt die Autorin. Ihr Ausflug ins Stuttgart der Gründerjahre hat aber auch einen praktischen Grund, wie sie beschreibt: „In diesem Rahmen ist es nachvollziehbar, dass jugendliche Amateurdetektive einen Mord schneller als die Polizei aufklären können.“ Bei den computergestützten Möglichkeiten der kriminalistischen Arbeit heute sei das schwer vorstellbar, gibt die Autorin zu bedenken.
Geschrieben hat Kaja Grimme den Roman direkt nach dem Abitur neben einem Freiwilligenjahr. Goethe, Gretchen, Goldener Topf: Die Abi-Lektüren von damals haben Spuren hinterlassen. „Ich war keine große Freundin davon, aber sie haben mich nicht davon abgehalten, Literatur zu studieren“, sagt die 21-Jährige und lacht. Wie sie als Autorin Zitate und Anspielungen verpackt, wie sie augenzwinkernd Stilmittel, Reimschemata und Versmaß vorführt, lässt beim Lesen nicht nur Lehrerherzen höherschlagen.
Die Autorin ist ehemalige Schülerin des Katharinen-Stifts
„Beim Schreiben war ich genauso alt wie meine Protagonisten, dieser besondere Moment im Leben ist intensiv in die Stimmung des Buchs eingeflossen“, sagt Kaja Grimme. Auch Renée und Caspar, der in der Ich-Person erzählt, stehen nach der Reifeprüfung an einem Wendepunkt, an dem sie neugierig auf die Welt und auf das schauen, was kommen könnte. „Ich habe auf der Kulturmeile Abitur gemacht, deshalb treiben sich auch meine Figuren dort herum“, sagt die ehemalige Schülerin des Königin-Katharinen Stifts, ihre Vertrautheit mit der Stadt sorgt für viel Stuttgart-Flair im Buch. Nicht nur nächtliche Einbrüche in ein Mädchengymnasium und in die Wilhelma führen Renée und Caspar in die City und sorgen für Spannung.
Reale Vorbilder hatte Kaja Grimme auch für das dem Kriminalfall zugrunde liegende Komplott. Es basiert, wie die Autorin schildert, auf realen Vorfällen, als in der Vergangenheit Ländereien erfunden wurden, um Zeitgenossen durch den Verkauf von fiktiven Grundstücken „über den Tisch zu ziehen“. Als Hort der Strippenzieher hat sie sich die „Geographische Gesellschaft Württemberg“ ausgedacht und erklärt: „Es gab ähnliche Organisationen, aber bei einer fiktiven konnte ich mir ihre Funktionsweise so zurechtbiegen, dass sie zum Fall passt.“
Die Autorin freut sich über positive Reaktionen bei Lesungen
Junge Menschen mit dem ihrer Meinung nach in der Schule „eher abwesenden“ Thema Kolonialismus in Berührung zu bringen, war Kaja Grimme wichtig. Jetzt freut sie sich über Reaktionen bei Lesungen, die „total positiv“ seien und darüber, dass sie bei diesen Gelegenheiten auch ihr Wissen aus der Recherche für das Buch teilen kann.
Ein zweiter Band? Die Autorin ist nicht abgeneigt
Caspar liebt Literatur, Freiheit und den Kampf dafür, Renée ist lesbisch, hat arabische Wurzeln und eine Armprothese. Zwei starke Helden also, die eigentlich nach einem zweiten Band verlangen. „Ich wäre da nicht per se abgeneigt“, sagt Kaja Grimme. Überhaupt weiß die junge Frau, was sie will. Erst einmal das Studium abschließen und eines ihrer nächsten Bücher, die schon geschrieben sind, veröffentlichen. Danach ein Leben als freie Autorin? „Das wäre ein Traum“, sagt Kaja Grimme. Sicher ist auf alle Fälle: Über ihrer Bachelor-Arbeit wird sie nicht schwitzend, sondern mit zufriedenem Lächeln sitzen.
Mit Dank an die Deutschlehrerinnen
Buch
Kaja Grimme: „Fräulein Renée und das kartografische Komplott“. Südpol-Verlag. 379 Seiten. 20 Euro. Ab 14 Jahren
Autorin
Kaja Grimme hat als Kind vier Jahre auf dem englischen Land und als Teenager in einer US-Metropole gelebt. Heute ist ihre Familie wieder in Stuttgart zu Hause. Aktuell studiert Grimme Literaturwissenschaft am Bodensee und ist auch als Poetry Slammerin unterwegs.
Schule
Alles richtig gemacht! Über das Buchdebüt dürften sich auch die Deutschlehrerinnen von Kaja Grimme freuen. Auf einem Extra-Block habe sie im Unterricht Anregungen fürs eigene Schreiben gesammelt und sich darin immer bestätigt gefühlt. „Sie haben mir Ideen gegeben, was man mit Texten alles machen kann“, lobt die Jung-Autorin und bedankt sich mit einer Widmung.
Perspektive
„Für meine Heimatstadt Stuttgart, für meine alte Schule…“ beginnt Kaja Grimmes Widmung und endet mit einem Lehrsatz aus dem Deutschunterricht, der für erste Spannung sorgt: „Vertraue niemals einem Ich-Erzähler.“