Die Abwahl von Viktor Orban war eine echt demokratische Entscheidung. Ich freute mich. Ich hörte am Morgen nach der Wahl ein Daily, eine Art Morgenandacht, von Roger Köppel, der sich mit einem Kommentar durchwurstelte, um seine Enttäuschung einigermassen im Zaum zu halten. Köppel musste den Text umschreiben und kam einige Male arg ins Stottern. Orban selbst verhielt sich weit souveräner als sein Schweizer Verehrer. Die Abwahl schlug im Osten mächtig ein.

Für Russland war sie eine psychologische Atombombe. Sie trieb Putin an, noch mehr Aufwand zu betreiben, um die Lücke der Freiheit zu überkleistern. Über die Abwahl in Ungarn durften die Medien nicht berichten, und die virtuell orientierenden Handys mussten gekappt werden. Putin beschloss, das Land noch hermetischer gegen solche Botschaften abzuriegeln. Es bestand ja die Gefahr, dass die als Verräter gebrandmarkten Gegner zahlreich aus ihren Verstecken hätten hervorkriechen können.

Man behauptet, aus der Geschichte könne man nichts lernen, was nicht stimmt. Es müsste vielmehr heissen, man wolle aus ihr nichts lernen, denn es gibt immer wieder Krieg und Machtmenschen treten überall hervor. Die Geschichte aber lehrt, dass Autokraten immer auch ihre Macht verspielen.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er etwas gelten will. Erreicht er Macht, steigert sie seine Geltung. Er beginnt eine Masse von Anhängern um sich zu sammeln und kleinere Gegner aggressiv zu bedrohen. In der Wirtschaft spricht man von feindlicher Übernahme eines Unternehmens oder vom Versuch davon

Die Geschichte ist die grosse Lehrmeisterin. Sie erzählt von Alexander dem Grossen, den römischen Cäsaren, über die Russische Revolution von 1917 und den Maidan in der Ukraine, wie Autokratien untergehen. Beim Einmarsch der Russen im Februar 2022 wiederholte sich, was in der Geschichte stets geschieht. Wer sich stark fühlt, greift den vermeintlich Schwächeren an. Leopold Kohr (1909-1994), der österreichische Philosoph und Staatwissenschaftler hat in seinem Werk «Das Ende der Grossen»* die Mechanismen dargelegt, die zu Übergriffen führen. Was Kohr schildert, hat uns der KGB-Mann Putin in den letzten Jahrzehnten vorgeführt.

Wer Macht hat, versucht sie zu vergrössern, in dem er eine kritische Masse loyaler Anhänger hinter sich schart. Die kritische Masse, die zu Machtmissbrauch führt, ist die «Masse an Macht, die einen Gegenangriff» abzuwehren weiss. Schlicht gesagt, sie stellt die Masse dar, die dem Gegner klar überlegen ist. Ein Schwacher greift keinen Starken an. Der Kreml arbeitete lange und schrittweise daran, diese Masse zu erreichen. Sie schien für Putin im Februar 2022 erreicht zu sein und er nannte sie Spezialoperation.

Dass diese Spezialoperation schon zu Beginn scheiterte, lag am Wahn der Macht, die Putin blind machte. Es geschah, wovon das Alten Testament vom kleinen, schlauen David, der den Riesen Goliath besiegt, berichtet. Zudem vergass Putin, dass die Verteidiger im Kampf um das eigene Land und für ihre Identität Dutzendmal stärker motiviert sind als Kämpfer im Dienst eines Aggressors.

Um Kriege zu vermeiden, schlägt Kohr vor, auf das menschliche Mass zurückzukommen. Die Macht müsse durch einen Föderalismus begrenzt werden. Auch wenn Kohr zu Recht glaubt, diese Staatsform wäre ein Mittel, Aggressionskriege zu vermeiden, bleibt seine Vorstellung ideal. Mächtige lächeln über Ideale. Immerhin ist klar, dass die Schweiz nie einen Krieg anzetteln wird, aber auch nicht die Kraft hätte, sich zu verteidigen.

*Leopold Kohr: Das Ende der Grossen. Otto Müller Verlang. 2. Auflage 2002