Germany, 12 Points? Das wär was. Deutschlands ESC-Hoffnung Sarah Engels hat mit ihrem Song „Fire“ im Halbfinale ein Ausrufezeichen gesetzt – und plötzlich wird wieder vom großen Punkte-Regen geträumt. Sogar in der Politik. Doch der ESC in Wien steht in diesem Jahr auch unter Spannung: Boykott, Proteste – und scharfe Kritik an Israels Teilnahme.

Die Bundesregierung drückt Engels die Daumen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagte unserer Redaktion, er sehe für die 33-Jährige gute Chancen. „Nach ihrem sensationellen Auftritt beim Halbfinale bin ich sicher, dass Sarah Europa mit ihrer Stimme und ihrem Auftritt sehr positiv überraschen kann.“ Engels habe „einen tollen Song“ und stehe „für Lebensfreude und Frauen-Power aus Deutschland“, ergänzte Weimer. Mit ihrer Offenheit und positiven Ausstrahlung sei sie „eine großartige Botschafterin unseres Landes beim ESC“. In Wien sei bereits spürbar, wie der 33-Jährigen „die Herzen hier zufliegen“, betonte der Kulturstaatsminister weiter.

Weimer ist zum Finale nach Wien gereist – auch, um ein Zeichen zu setzen. Deutschland unterstützt die Teilnahme Israels und lehnt einen Boykott ab. „Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten.“ Für Israel tritt der 28-jährige Künstler Noam Bettan an, auch er steht im Finale. Wegen Israels Militäroffensive in Gaza boykottieren diesmal fünf Länder den ESC: Spanien, die Niederlande, Irland, Island und Slowenien. Mit 35 Teilnehmern ist es der kleinste Wettbewerb seit 2003.

Roth erinnert an Dana International

Weimers Vorgängerin Claudia Roth (Grüne) hält den Boykott für den falschen Weg. Der ESC sei ein „einzigartiges Fest der Vielfalt“, bei dem besonders die queere Community und die kulturelle Breite Europas und darüber hinaus eine Bühne bekommt, sagte Roth unserer Redaktion. Genau deshalb sei ein Boykott Israels falsch. „Und die israelischen Künstlerinnen und Künstler, die beim ESC aufgetreten sind, haben immer für das progressive Israel gestanden.“

Roth nannte Dana International, die 1998 mit „Diva“ gewann, und Netta Barzilai, die 2018 den Sieg holte. Sie stünden „für ein diverses und pluralistisches Israel und eben nicht für Netanyahus Regierung und seine völkerrechtswidrige Politik“. Roth bedauerte, dass Länder wie Irland, das beim ESC Geschichte geschrieben habe, dem Wettbewerb fernbleiben. Politische Botschaften könne man beim ESC trotzdem senden: Conchita Wurst habe das gezeigt – und die Ukraine, die nach Beginn des russischen Angriffskrieges mit ihrem Beitrag gewann, so Roth.

Klein kritisiert Zwischenrufe

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisierte die Zwischenrufe beim ersten Auftritt Bettans scharf. „Ich würde den Mitwirkenden des ESC ebenso wie dem Publikum wünschen, dass die Musik, die Show und die Unterhaltung im Vordergrund stehen und damit eben das, was den ESC auch seit jeher ausmacht“, sagte er unserer Redaktion. Er betonte: „Ich wünsche mir breiten Widerspruch gegen eine ungerechte Vereinnahmung dieses fröhlichen Festivals durch einzelne Politaktivisten und gegen eine unzulässige Haftbarmachung des israelischen Teilnehmers für das staatliche Handeln Israels.“

Israel ist fest im ESC verankert und Mitglied der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den Wettbewerb veranstaltet. Vier Mal haben israelische Songs gewonnen, zuletzt 2018. Doch der Gaza-Krieg hat die Lage verändert: Schon beim Wettbewerb in Malmö 2024 und auch in Basel 2025 gab es israelkritische Demonstrationen – sowie Pfiffe und Buhrufe im Saal.