Es sind die bislang wichtigsten Wochen seiner Karriere: Pokalfinale und danach die WM. Im Interview spricht Stuttgarts Stürmer Ermedin Demirovic über die Aussichten, Bosniens Legende Dzeko – und die Diskussion um Undvas Berufung in die Nationalelf.

Eine kleine Sensation hat er schon vollbracht. Mit Bosnien hat Ermedin Demirovic in den Play-offs Italien ausgeschaltet und nimmt nun an der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer in den USA, Kanada und Mexiko teil. Für seine Nation sei das wie ein Titelgewinn, erzählt der 28 Jahre alte Angreifer des VfB Stuttgart im Interview.

Frage: Herr Demirovic, als Sturmpartner in Stuttgart sind Ihnen die Qualitäten von Deniz Undav bestens bekannt. Dennoch gab es in Deutschland große Diskussionen um seine DFB‑Nominierung. Was meinen Sie, muss er mit zur WM?

Ermedin Demirovic: Hundertprozentig! Klar muss er mit. Er ist von der Quote her der beste deutsche Stürmer.

Frage: Sie sind sehr gut mit Undav befreundet. Erzählen Sie mal, was ihn ausmacht.

Demirovic: Als Fußballer und Mensch ist er überragend. Er ist immer da, hilfsbereit, gibt so viel Liebe von sich und ist immer ehrlich. Jeder bräuchte in seinem Freundeskreis einen Deniz Undav.

Frage: Auch Sie können mit Bosnien-Herzegowina zur WM fahren. Haben Sie das schon realisiert?

Demirovic: Die Familie fliegt mit in die USA. Mittlerweile haben wir eine Art Base-Camp für alle aufgebaut und für die Gruppenphase gebucht. Es ist unfassbar, dass ich dabei bin. Aber aktuell gibt es in Stuttgart so viel zu tun, da bleibt keine Zeit zum Träumen.

Frage: Für Deutschland ist es ganz normal, zur WM zu fahren. Für Bosnien ist es dagegen erst die zweite Teilnahme. Haben Sie das bei den Feierlichkeiten gemerkt?

Demirovic: Das ist so, als wenn Deutschland einen WM-Titel holen würde. Es kommen viele auf einen zu und bedanken sich, dass man ein frohes Grundgefühl ins Land gebracht hat. Es gibt in diesem Land viele Probleme. Und dann kommen wir, und für 90 Minuten können alle alles vergessen. Die Qualifikation ist für uns schon der Titel.

Frage: Sie sind Hamburger, hätten auch für den DFB spielen können. Warum trafen Sie die Entscheidung pro Bosnien?

Demirovic: Ich musste mich früh entscheiden. Mein Herz hat gesagt, dass ich für Bosnien spielen will.

Frage: Warum?

Demirovic: Das wollte ich für meinen Opa machen. Im Urlaub waren wir immer bei ihm, er war immer der Stolzeste und hat allen erzählt, dass ich beim HSV spiele. Er ist inzwischen verstorben, aber ich bin sehr glücklich, dass ich für ihn und die ganze Familie, die so viel Leid ertragen musste, zur WM fahre.

Frage: Bis 1995 herrschte in Bosnien Krieg, Sie sind drei Jahre später geboren. Welchen Einfluss hat die Geschichte Bosniens auf Sie?

Demirovic: Meine Mutter ist in Deutschland geboren, und mein Vater ist kurz vor dem Krieg nach Deutschland gezogen. Als kleiner Junge kommt man dann nach Bosnien, sieht die zerstörten Häuser und die Einschusslöcher. Die Leute mussten so viel Leid ertragen, leben heute stellenweise noch mit gefühlt nichts und sind glücklich, weil sie sich einen Kaffee pro Tag leisten können. Und dann kommen wir und bringen ihnen die WM. Das macht alles umso besonderer.

Frage: War Ihre Familiengeschichte zu Hause oft ein Gesprächsthema?

Demirovic: Klar war das immer ein Thema. Man sollte die eigene Geschichte kennen.

Frage: Wie gehen Sie damit um?

Demirovic: Beim Thema Krieg gibt es immer so viel Negatives. Hass gegenüber Menschen wird vielen eingetrichtert, oder dass man ein anderes Land hassen muss, weil damals Krieg war. Meine Frau ist Serbin. Ich habe mit anderen Ländern oder anderen Religionen null Probleme. Für mich ist ein schlechter Mensch ein schlechter Mensch, ganz egal, wo er herkommt.

Frage: Eine Einstellung, die sich auf den Sport übertragen lässt.

Demirovic: Genau. Fußball vereint sehr viel. In der Nationalmannschaft sitzen in der Kabine drei Glaubensrichtungen, und alle kommen miteinander aus. Mensch ist Mensch, so sollte jeder denken.

Frage: Einer der Spieler aus der bosnischen Kabine ist Edin Dzeko. Ein Top-Star, der im Spätherbst seiner Karriere zu Schalke wechselte und den Aufstieg schaffte. Haben Sie seine Party-Videos gesehen?

Demirovic: Ja, da sieht man, wie bodenständig er ist. Er hatte so viel Erfolg im Leben. Und gibt trotzdem jedem Menschen das Gefühl von Normalität und feiert mit den Leuten. Er ist für jeden da, deswegen hat er diesen Status.

Frage: Welchen Stellenwert hat er in der Nationalmannschaft?

Demirovic: Für uns ist er die größte Legende. Und für mich ist er DER Superheld überhaupt. Hoffentlich bekomme ich irgendwann noch einen Sohn. Wenn der irgendwann nach Superhelden fragt, werde ich ihm sagen: „Vergiss Superman, hier ist Edin Dzeko!“

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.