Tom Müller sitzt in einem Düsseldorfer Café, bestellt einen Kakao – mit Hafermilch – und sagt einen Satz, der klingt, als hätte er ihn tausendmal gedacht, aber selten ausgesprochen: „Hinter verschlossenen Türen merkt man, Männer sind soziale Wesen.“
Seit drei Jahren veranstaltet er in Düsseldorf geschlossene Deeptalk-Kreise: in gemischten Gruppen, aber eben auch in Runden, in die nur Männer kommen. Zwölf Plätze gibt es. Ein Großteil der Teilnehmer kommt regelmäßig zu den Treffen, die oft in den kreativen Vierteln wie Flingern oder Unterbilk stattfinden.
Neuanfang nach Trennung: Tom Müller setzt auf Gruppenintelligenz
Gestartet hat Tom Müller als Moderator für Unternehmen in Projekten oder Krisen. Einmal moderierte er 28 Ingenieure – 14 bauten Elektromotoren, 14 Verbrenner – und sie sollten gemeinsam eine Roadmap entwickeln. Er nennt das Gruppenintelligenz: keine Schwarmintelligenz, keine Masse, sondern eine heterogene Gruppe, die gemeinsam eine Idee entwickelt.
Diese Form der Unternehmensberatung betrieb er gemeinsam mit seiner damaligen Frau. Als diese nach 25 Jahren Beziehung sagte: „Ich kann mir auch noch ein Leben ohne dich vorstellen“, gab Müller nicht nur das gemeinsame Leben auf. Er orientierte sich auch beruflich neu, begab sich in Therapie und wollte die Gruppenintelligenz, die er kannte, nutzen, um anderen aus schweren Zeiten herauszuhelfen – wie der, die er gerade selbst durchlebte.
Zwischen Burnout und Vaterschaft: Wer besucht die Männergruppen?
Trennungen und Beziehungen sind in seinen Deeptalk-Kreisen häufig ein Thema. Doch der Abend beginnt immer gleich: Müller leitet eine kurze Achtsamkeitsübung an – wie die Füße auf dem Boden stehen, wie der Atem geht, wie man einen Gedanken ziehen lässt, ohne ihm hinterherzulaufen. Dann kommt die erste Frage in die Runde: Wer oder was bist du? Wie einzigartig bist du?
Was er anbietet, ist keine Therapie, sondern Coaching. „Eine Therapie behandelt oder heilt“, sagt Müller. „Coaching fragt: Wo willst du hin? Ich frage: Wo bist du gerade?“
Die Männer, die kommen, sind zwischen 28 und 83 Jahre alt. Rund 80 Prozent sind seit zwei oder drei Jahren regelmäßig dabei. Es gibt Männer mit ADHS, Männer, die eine Drogenkarriere hinter sich haben, oder Männer, die nur ihr Aktienportfolio im Blick hatten – bis sie merkten, dass das nicht reicht. In der Altersstruktur liegen eigene Geschichten: Die Jüngeren ringen mit Vaterschaft, Beziehung und Karriere gleichzeitig. Ab Mitte vierzig kommen Burnouts. Um die 55 fragt man sich: Wer bin ich noch, wenn die Arbeit wegfällt? Und dann sitzt ein 83-Jähriger im Kreis und sagt, er habe langsam die Absprungkante erreicht. Das macht etwas mit den anderen.

Tom Müller macht sich Notizen.
© keiner | Jalica Engelbarts
Resilienz durch Zuhören: Die Regeln des Kreises
Die Regel des Kreises ist simpel: Wer redet, bekommt den Raum. Die anderen hören zu – ohne zu kommentieren, ohne eigene Geschichten dazwischenzuschieben. „Wenn jemand von etwas erzählt und jemand unterbricht mit, das kenne ich auch, dann ist der andere aus seinem Rede- und Gedankenfluss raus.“ Nach einer Viertelstunde, sagt Müller, denken die meisten, sie kennen sich ewig.
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Das hat für ihn zwei Dimensionen. Wer über sich spricht und sich selbst zuhört, setzt sich noch intensiver damit auseinander und gewinnt dabei Abstand. Wer zuhört, wird angehalten, die eigenen Reaktionen zu beobachten: Urteile ich? Bin ich schon bei mir? Wenn jemand dieselbe Geschichte zum dritten Mal erzählt, unterbricht Müller: „Das hast du genau so schon erzählt. Was ist das Neue?“ Was dabei entsteht, nennt er Resilienz – die Fähigkeit, Probleme durch Reflexion selbst zu lösen, statt immer wieder gegen dieselbe Wand zu laufen.
Du musst den Ton angeben, dich nicht entschuldigen, dich rar machen. Das finde ich total doof.
Tom Müller, Deeptalk-Coach
Gegenentwurf zu Andrew Tate und toxischer Männlichkeit
Draußen, im Netz, läuft währenddessen eine andere Debatte über Männer. Männer wie Andrew Tate, der sich selbst „Alpha Male“ nennt. „Du musst den Ton angeben, dich nicht entschuldigen, dich rar machen.“ Müller hört das und schüttelt den Kopf. „Das finde ich total doof.“ Manchmal sitzen Männer in seinen Kreisen, die mit solchen Inhalten in Berührung gekommen sind. „Bei mir geht es nicht darum, wie kriege ich eine Frau ins Bett. Hier sitzen die Männer, die sich hinterfragen.“ Und dann sagt er den Satz, den er oft denkt: „Eigentlich kommen zu mir nur die Guten. Die, die etwas an sich ändern wollen.“
Warum aber braucht es Räume nur für Männer? Die Gespräche am Tresen, sagt Müller, laufen immer auf dasselbe hinaus: alle blöd außer mir. Das könne es nicht sein. In seinen Kreisen geht es nicht um Solidarität, sondern um kritische Auseinandersetzung. Wer immer wieder Beziehungen führt, die nach vier Monaten enden, ist die Konstante – und das muss ausgesprochen werden dürfen.
Wut und familiäre Traumata überwinden
Auch Wut ist in seinen Kreisen ein Thema. Müller beschreibt sie nicht als Persönlichkeitsmerkmal, sondern als Hülle. „Für mich war Wut immer wie ein gusseiserner Deckel, der über dem Gefühl sitzt.“ Darunter liegen oft Angst, Trauer, Schmerz. Bis der Deckel zu wackeln beginnt, hat sich darunter schon einiges angestaut.
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Warum Männer so verkapseln, hat für Müller einen einfachen Grund: Sie lernen es früh. Stärke zeigen, nicht klagen, weitermachen. Gefühle gehören nicht nach außen. Sexualität, Missbrauch, Scham – das sind Themen, bei denen es in seinen Kreisen leiser wird. Sie fallen höchstens als Randnotiz. „Das ist dieses In-sich-Reinfressen.“ Müller kennt das aus eigener Erfahrung. Er verlor seinen Vater mit neun Jahren – und schon am Grab sagten ihm die Erwachsenen: Du musst jetzt stark sein, du bist jetzt der Mann im Haus.
Er hat gesehen, wie familiäre Traumata sich still fortschreiben, von Generation zu Generation, in Familien, in denen man sagte: Ich gehe doch nicht zum Psychiater, ich bin doch nicht verrückt. In seinen Kreisen beobachtet er Männer, die genau das langsam aufdröseln – die lernen, von einem Gefühl zu ihrem eigenen Bedürfnis zu kommen. „Es lohnt sich, zu fragen: Was ist mein Anteil daran und was kann ich ändern?“