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In Neuss läuft bei Rheinmetall die Serienproduktion der Kamikaze-Drohnen FV-014 an. Der Rüstungsriese wandelt seine Fabrik bei Düsseldorf um.

Neuss/Düsseldorf – Aus einer ehemaligen Autoteile-Fabrik in Neuss bei Düsseldorf sollen künftig Drohnen rollen, die explodieren: Rheinmetall hat auf seiner Online-Hauptversammlung den Start der Serienproduktion seiner Kamikaze-Drohne vom Typ FV-014 am nordrhein-westfälischen Standort verkündet. „Mit diesem System gehen wir am Standort Neuss jetzt in die Serienproduktion“, sagte Firmenchef Armin Papperger. Bislang stellte Deutschlands größter Rüstungskonzern das Modell bereits in Braunschweig her – Neuss kommt nun als zweiter Standort hinzu. Die Bundeswehr hat die Flugkörper bereits für 300 Millionen Euro geordert, ein Rahmenvertrag lässt weitere Bestellungen zu.

Hannover MesseSeine Firma verkauft nicht nur Panzer, Schiffe und Munition, sondern auch Drohnen: Rheinmetall-Chef Armin Papperger. (Archivbild) © Shireen Broszies/dpa

Das Besondere an der FV-014: Sie ist komplett in der EU gefertigt – die Drohne selbst in Deutschland, der Gefechtskopf in Italien. Für Papperger ist das der entscheidende Punkt. „Mit ihrem Vier-Kilogramm-Gefechtskopf vereint sie Aufklärung und Wirkung“, sagte er bei der Hauptversammlung. Die Drohne kann bis zu 70 Minuten in der Luft bleiben und Ziele beobachten, ihre Reichweite beträgt bis zu 100 Kilometer. Dann stürzt sie sich auf ihr Ziel – und explodiert.

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Im Fachjargon heißt das Waffensystem „Loitering Munition“, auf Deutsch etwa lauernde Munition. Abgeschossen wird die Drohne aus einem Container per Zündvorrichtung, in der Luft entfaltet sie sich und fliegt autonom weiter. Landen kann sie nicht, eine Wiederverwendung ist nicht vorgesehen. Findet sie kein Ziel, stürzt sie kontrolliert ab. Rheinmetall habe das System innerhalb weniger Monate entwickelt, so Papperger.

Der Neusser Standort war bislang der Autozuliefersparte des Konzerns vorbehalten – eine Sparte, die Rheinmetall nun abgibt. Stattdessen soll das Werk für Rüstungsgüter genutzt werden. Erste Auslieferungen der FV-014 an die Bundeswehr sind für das kommende Jahr geplant. Bei der Vergabe von Bundeswehr-Aufträgen für vergleichbare Systeme ist Rheinmetall allerdings Nachzügler: Die Konkurrenten Stark und Helsing haben ähnliche Bestellungen bereits erhalten.

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Ob die „klassisch“ hergestellten Drohnen noch zeitgemäß sind, das bezweifeln allerdings auch Kritiker. „Die Überheblichkeit so mancher in Bundeswehr, Industrie und Politik gegenüber der neuen Ökonomie des Krieges mit massenweisen billigen Drohnen und Raketen könnte für uns noch zum ernsten Sicherheitsrisiko werden“, hatte jüngst der deutsche Militärexperte Nico Lange gewarnt. Hintergrund waren Aussagen von Rheinmetall-Chef Papperger. Der stand zuletzt nämlich wegen einer anderen Drohnen-Thematik in der Kritik.

In einem Interview mit dem US-Magazin The Atlantic hatte Papperger ukrainische Drohnenhersteller als „Hausfrauen, die Drohnenteile mit 3D-Druckern in ihren Küchen produzierten“ bezeichnet, und die dortigen Entwicklungen mit „Lego spielen“ verglichen. „Das ist keine Innovation“, so Papperger. Die Reaktionen waren heftig: Branchenvertreter, ukrainische Unternehmen und Beobachter warfen dem Rheinmetall-Chef vor, die militärische Schlagkraft der ukrainischen Drohnenindustrie fundamental zu unterschätzen – und damit auch das Wesen moderner Kriegsführung zu verkennen. Rheinmetall sah sich anschließend zu einer Stellungnahme genötigt. (maho/dpa)