Neubau des Roten Rathauses: Der Beginn des Verschwindens von Alt-Berlin

Ab 1860 begannen die Stadtväter mit dem Bau des Roten Rathauses, und ab diesem Zeitraum begann das „Alt-Berlin“ zunehmend zu verblassen. Als Berlin 1871 Reichshauptstadt wurde und eine hektische Bauphase einsetzte, betraten Architekten und Stadtplaner als Visionäre die Bühne.

Besonders in den „Goldenen Zwanzigerjahren“ der Weimarer Republik fanden ihre Ideen einen Nährboden für Erneuerung und Moderne. Die historische Substanz der Altstadt war nicht länger das zentrale Thema.

Stadtplanung in Berlin: Die Altstadt galt als Hindernis der Moderne

Stattdessen entwickelten die Planer an ihren Architekturtischen Visionen für ein neues Zentrum ohne Altstadt. Die erklärte Zukunftsvision bestand darin, im 20. Jahrhundert eine neue Stadt mit Großzügigkeit, viel Licht und Freiräumen zu errichten.

Die engen Altstadtquartiere standen diesen Vorstellungen im Wege und sollten dem Neuen weichen.

Die historische Fischerstraße in der einstigen Berliner Altstadt. / © Foto: Wikimedia Commons, Rudolf Albert Schwartz

Das geistige Ende der Berliner Altstadt begann vor ihrer Zerstörung

Bevor die eigentliche physische Zerstörung der Altstadt begann, waren die Spezialisten für Städtebau gedanklich bereits weit darüber hinaus.

Dieses seit dem Mittelalter bestehende enge räumliche Zusammenspiel von Wohnen und Arbeiten war bis dahin charakteristisch für Berlins Altstadt. Die Avantgarde unter den Architekten betrachtete diese Strukturen jedoch als nicht mehr zeitgemäß und veraltet.

Industrialisierung und Verkehr: Warum die Berliner Altstadt umgebaut werden sollte

Allerdings spielte die zunehmende Industrialisierung Berlins als damals wirtschaftsstärkste und innovativste Metropole Europas eine wesentliche Rolle in diesem geplanten Transformationsprozess.

Insofern betrachtete man die Altstadt zunehmend auch als Hindernis angesichts des ständig wachsenden Verkehrs. Die zunehmende Kritik um die Jahrhundertwende aufgrund schlechter hygienischer Verhältnisse und einer hohen Kriminalitätsrate verstärkte den Ruf nach einem grundlegenden Umbau der Stadt zusätzlich.

Berliner Stadtplaner wollten die „Alte Stadt“ grundlegend neu gestalten

Beginnen wollte man dort, wo die „Missstände“ am größten waren, in der Altstadt. So hatten sich die Stadtplaner bereits vor dem Ersten Weltkrieg darauf verständigt, die vorhandene „Alte Stadt“ angesichts der neuen Herausforderungen großzügig und planvoll neu zu gestalten.

Allerdings wurde dieses Vorhaben zum Zeitpunkt der Planungen einerseits durch die bestehende Rechtslage behindert, andererseits trugen die unklaren politischen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg zu weiteren Verzögerungen bei.

Berliner Altstadt spurlos verschwunden: Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Hatte die Altstadt bis in die 1940er Jahre hinein größtenteils den Bestrebungen zur durchgreifenden Modernisierung trotzen können, führten die Bombardierungen der Alliierten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs schließlich zur nahezu vollständigen Zerstörung der Altstadt.

Die Luftangriffe richteten schwere Schäden an. Der Großteil der Innenstadtbezirke Tiergarten, Mitte, Friedrichshain, Schöneberg und Steglitz wies bei der Gebäudesubstanz einen Zerstörungsgrad von bis zu 75 Prozent auf. Betroffen war davon natürlich auch exakt jene Fläche, auf der sich die historische Altstadt befunden hatte.

Das lange Waren auf den Wiederaufbau: Am Berliner Molkenmarkt soll ein neues Stadtquartier mit bezahlbarem Wohnraum entstehen, doch die Diskussionen um die passende Form des Wiederaufbaus dauern bereits Jahrzehnte an. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Nationalsozialismus und Arisierung beschleunigten die Zerstörung Berlins

Doch nicht nur die massiven Luftangriffe mit ihren verheerenden Folgen setzten der Altstadt zu. Begonnen hatte die Zerstörung bereits zuvor im Zuge der von den Nationalsozialisten eingeleiteten Arisierung. Durch den NS-Terror ab 1933 waren flächendeckende Abrisse, die Vertreibung jüdischen Lebens sowie die Vernichtung geistiger und kultureller Bausubstanz Berlins an der Tagesordnung.

Auch die von Hitlers Baumeister Albert Speer geplante gigantische Nord-Süd-Achse auf dem heutigen Areal des Kulturforums trug im Rahmen der Umgestaltung Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ maßgeblich zum Kahlschlag in Berlins Mitte bei. Dort befanden sich bis 1933 die Stadtvillen der Eliten des bürgerlichen Berlins, darunter die Warenhausbesitzer Wertheim und Tietz (KaDeWe), die Bankiers Rothschild und Bamberger (Deutsche Bank), die Künstler Adolph Menzel und Georg Kolbe sowie der Berliner Bürgermeister Arthur Hobrecht.

Städtebauliche Neugestaltung: Zerstörung als Chance für die Planer

Die Zerstörungen schienen den Weg für eine städtebauliche Neugliederung zu forcieren, und manche Stadtplaner sahen in den Verwüstungen sogar einen „Segen“. Kaum einer der ersten nach Kriegsende vorgelegten Entwürfe sah jedoch eine „Überformung“, also eine Anpassung oder behutsame Überarbeitung der Altstadt, vor.

Anstelle kleinteiliger Parzellierungen und verwinkelter Straßen mit geschlossener Randbebauung präsentierten die Entwürfe völlig neue Stadtstrukturen mit autobahnähnlichen Schnellstraßen und Hochhäusern.

Berlin-Mitte, Marienkirche

Nach der Zerstörung: Die einstige Berliner Altstadt bzw. das, was von ihr übrig war, wurde in den 1950er und 1960er Jahren großflächig abgeräumt. / © Foto: Bundesarchiv, Bild 183-24785-0005 / Greiser / CC-BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons)

Moderne Stadtvisionen orientierten sich an den Planungen der 1920er Jahre

Dies entsprach weitgehend den Planungen der 1920er- und 1930er-Jahre, in denen es nicht nur um eine verkehrsgerechte Modernisierung, sondern um eine radikale City-Bebauung nach den Vorstellungen einer „neuen Weltstadt“ unter dem damaligen Stadtbaudirektor Martin Wagner ging.

Anzumerken ist zudem, dass angesichts der verheerenden Trümmerlandschaften – Berlin hatte immerhin 50 bis 60 Millionen Kubikmeter Trümmermasse zu beseitigen – kaum Zeit für städtebauliche Träumereien blieb. Mit der Währungsreform sowie der Gründung zweier deutscher Nachkriegsstaaten entstand darüber hinaus eine völlig neue politische und gesellschaftliche Situation.

Hans Stimmann über das Ende der Berliner Altstadt

Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der bis 2006 dieses Amt in Berlin innehatte, bezeichnete diese neue Phase im Umgang mit der Berliner Altstadt einmal mit den treffenden Worten: „Und nun machte man sich 1945 an die verbale, planerische und physische Abschaffung der Altstadt. An ihre Stelle trat das Zentrum der ‚Stadt von morgen‘, das nach der Gründung der DDR die Gestalt und Struktur eines Zentrums des neuen Staates annahm.“