„Sie sind wie die Fliegen gestorben. Wir hatten nie wirklich die Zeit, traurig oder wütend zu sein“, erinnert sich Bernard Butler. Der gebürtige New Yorker hält kurz inne, als er im Café Ulrichs auf seine Zeit als Teil der LGBT-Community während der Aids-Epidemie in den 1980er Jahren zu sprechen kommt. Über ihm flimmert rotes Licht aus der meterlangen Deckeninstallation einer Aids-Schleife.

Butler, Initiator und Manager des „AIDS Candlelight Memorial“ in Deutschland, erlebte bereits die frühe Aids-Krise in den USA. „Ich habe als 14-Jähriger 1983 zum ersten Mal gesehen, was die Hölle ist.“ Sein Cousin, für ihn ein Vaterersatz, hatte sich geoutet und war selbst an Aids erkrankt.

Butler flog ins nördliche Kalifornien, um ihn zu unterstützen, fand sich in provisorischen Lazaretten wieder, in denen Sterbende auf einfachen Pritschen lagen. „Es gab kaum Hilfe von außen, die Leute mussten sich gegenseitig unterstützen“, sagt Bernard Butler.

Trauer macht jeder für sich allein

Bevor sein Cousin 1988 starb, hätten die beiden gemeinsam die Grammy Awards im Fernsehen geschaut. „Michael Jackson hat ‚Man in the Mirror‚ gesungen: ‚If you want to make the world a better place, take a look at yourself and make a change.‘ Da hat er mich angesehen und gesagt: Das ist dein Lied, das ist deine Aufgabe.“ Diesen Auftrag löst Butler auch im Jahr 2026 noch ein. Am 17. Mai organisiert er bereits das 15. „AIDS Candlelight Memorial“ in Berlin.

Das "Café Ulrichs" ist zu sehen, im Hintergrund steht ein Klavier und hängen selbstgemalte Bilder an den Wänden. An der weißen Plattendecke sind große Lichtpanele in Boxform angebracht, die eine rote AIDS-Schleife bilden.

Die Decke des „Café Ulrichs“ trägt eine rote Aids-Schleife

Foto:
Pauline Cruse

„Trauer macht jeder für sich allein, Gedenken ist politisch“, wirft Frank Löbbert ein. Der HIV-Aktivist und Jurist engagiert sich auch als Mitarbeiter der „Freunde im Krankenhaus“ am St. Joseph Krankenhaus. „Am Tag vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember haben wir eigentlich immer einen Trauerzug auf dem Ku’damm gemacht.“ Die kalte Jahreszeit sei aber für ohnehin Erkrankte ungünstig gewesen. Auf Butlers Idee hin hätten sie das erste Candlelight Memorial deshalb im späten Frühling geplant.

Früher mussten Hilfeeinrichtungen für Aids-Betroffene oft Schutzräume mit geschlossenen Türen sein. Man wollte nicht gesehen werden

Anette Lahn, psychologische Beraterin

Ein zentraler Ort der Berliner Erinnerungskultur ist das „Ulrichs“ in der Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße, benannt nach dem gleichnamigen Vorkämpfer der Lesben- und Schwulenbewegung aus dem 19. Jahrhundert. „Früher mussten Hilfeeinrichtungen für Aids-Betroffene oft Schutzräume mit geschlossenen Türen sein. Man wollte nicht gesehen werden, Institutionen wurden mit faulen Eiern beworfen“, erzählt Anette Lahn, Ehrenamtsmanagerin und psychologische Beraterin im Ulrichs-Gebäude, in dem auch die Berliner Aids-Hilfe sitzt.

Man wolle Präsenz zeigen, sich nicht mehr verstecken, so Lahn. Das Café sei ein Ankerpunkt für Menschen, die häufig am Rand der Gesellschaft stehen. „Wir sind manchmal die besten Gastgeber für Trauerfeiern“, sagt sie mit einem Lächeln. „Wenn jemand stirbt, gibt es hier ein Trauerbuch, eine Kerze steht auf dem Klavier“, erzählt Löbbert.

Das Erbe der ersten Generation

Mit dem Altern der ersten HIV-Generation drohe der Verlust von Erfahrungswissen aus der Epidemiezeit, warnt Löbbert. „Viele Aktivisten der ersten Stunde sind schon seit Jahrzehnten wegen der Krankheit, gegen die sie gekämpft haben, tot.“

Es gehe um Sichtbarkeit für diese Kämpfe. Lange habe Aids als „reine Schwulenseuche“ gegolten, so Butler. Doch die Erinnerungskultur lasse die betroffenen Frauen, Drogengebrauchenden, Sexarbeiterinnen und migrantischen Communitys oft aus. Die jüngere Generation vergesse den ‚Struggle‘, den es gebraucht habe, um mit der Aids-Forschung so weit gekommen zu sein.

Seit dem ersten Bericht über das Virus 1981 hat die Medizin enorme Fortschritte gemacht. Dank moderner Medikamente kann HIV heute als „U=U“ (Undetectable = Untransmittable) unter die Nachweisgrenze sinken und ist dann nicht mehr übertragbar. Der selbst erkrankte Löbbert betont, dass die heutige medizinische Sorglosigkeit ein zweischneidiges Schwert sei. Dank der Therapieergebnisse und der Prophylaxe „PrEP“ sei die Angst vor tödlichen Folgen einerseits verschwunden.

Das Stigma dauert an

Vorurteile gegen HIV gebe es selbst im vergleichsweise aufgeklärten Berlin andererseits immer noch, berichtet Löbbert. „In den Dating-Apps ist die Diskriminierung teilweise knallhart. Da wird gesagt: Es gibt so viele hübsche Prinzen, die negativ sind, warum sollte ich einen positiven nehmen?“ So würden HIV-positive Menschen selbst mit erfolgreicher Therapie als „Virenschleudern“ bezeichnet, obwohl sie niemanden mehr anstecken können.

Butler ergänzt, dass HIV besonders bei Menschen mit Migrationshintergrund oft noch als etwas Schmutziges oder „Strafe Gottes“ wahrgenommen werde. Viele trauten sich erst zum Test, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten sei. Die Berliner Aids-Hilfe reagiert darauf mit aufklärender Arbeit in Geflüchtetenunterkünften und Justizvollzugsanstalten.

Gedenken trotz Kürzungen

Die Sorge der Aktivisten gilt jedoch nicht nur dem Virus, sondern auch der politischen Lage. „Jede Generation muss neu an die Geschichte von HIV herangeführt werden“, fordert Löbbert. Voller Unbehagen blickt er auf die Haushaltsplanungen des Senats. Es drohen massive Kürzungen im sozialen Bereich, die auch die Berliner Aids-Hilfe treffen könnten.

Das „AIDS Candlelight Memorial“ am 17. Mai soll deshalb mehr sein als eine nostalgische Rückschau. So werden etwa die Namen von Verstorbenen verlesen, um sie und ihr geteiltes Schicksal sichtbar zu machen. „Ich hoffe, dass die Besucher des Memorials danach sagen: Wow, ich hatte ja gar keine Ahnung!“, wünscht sich Butler.