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Uns auf Google folgenSchwarzweißfoto von einem Konzert: Eric Clapton winkt, halb abgewendet, dem Publikum beiläufig zu.Ist schon klar, dass er nicht Gott ist. Aber er ist Eric Clapton. © Imago Images

Der 81-jährige Eric Clapton lässt in Mannheim hören, was er noch kann – praktisch alles.

Clapton ist nicht Gott. Das wurde Mitte der 60er auf Wände gesprüht; da spielte Eric Clapton noch bei den Yardbirds und John Mayall & the Bluesbreakers, wie ein junger Gott halt. Aber Gott hätte nicht in den 70ern rassistische Politiker unterstützt und in Corona-Zeiten Querdenker-Narrative verbreitet. Und wenn Gott auftritt, bleiben keine Plätze leer wie jetzt in der SAP-Arena in Mannheim.

Musikalisch aber hat der mittlerweile 81 Jahre alte Brite den Olymp nicht nur einmal erklommen, sondern auch nach Stürzen mehrfach zurückerobert. Ob man Suchtkrankheit und Schicksalsschläge erleiden muss, um den Blues so zu leben, ob Reichtum und Ritterschlag der Queen dafür Hindernisse sind: müßige Fragen angesichts der Wucht, mit der Solist und Band die Halle füllen.

Auch den Auftakt gibt ein Altmeister: Andrew Fairweather-Low aus Wales, in den 60ern Leadsänger der Popband Amen Corner und seit Jahrzehnten auf Touren von Roger Waters, Bill Wyman oder eben Eric Clapton als Gitarrist dabei. Seine „Low Riders“ sind Drummer und zwei Saxofonisten ähnlicher Altersklasse, der Bassist dürfte wenige Jährchen jünger sein. „Wir haben nur eine halbe Stunde, deshalb sag ich ab jetzt nichts mehr“ – und los geht’s mit Bluesrock, rau und energiegeladen.

Auch bei Clapton beschränkt sich verbaler Dialog auf ein „Thank you“ ab und an. Die ersten Songs: „Badge“ aus der Zeit mit Cream. „Key To The Highway“, ein Blues-Standard vom einzigen Derek-and-the-Dominoes-Album. Wilie Dixons „I’m Your Hoochie Coochie Man“, das Clapton im Zuge seiner Rückkehr zum Blues Anfang der 90er aufnahm. Und Bob Marleys Reggae-Klassiker „I Shot The Sheriff“, den er 1974 gecovert hatte.

Die Band ist erste Sahne: Chris Stainton, Jahrgang 1944, spielt seit 1979 auf Clapton-Touren Keyboard. Auch Doyle Bramhall II an der Gitarre ist schon seit Jahren dabei. Nathan East, Bass, und Sonny Emory an den Drums bilden das rhythmische Rückgrat, Tim Carmon an der Hammond steuert vibrierende Soli bei. Dazu Katie Kissoon und Sharon White für die Backing Vocals.

Zur Akustik-Gitarre wird es intensiv

Als Clapton seine schwarzweiße Fender Stratocaster mit der Akustik-Gitarre tauscht, wird es intensiv. East am Kontrabass, Bramhall mit dezenter Slide-Gitarre, viel Fingerpicking bei Robert Johnsons „Kind Hearted Woman Blues“, dem vom Unplugged-Album bekannten „Nobody Knows You When You‘re Down and Out“ und „Golden Ring“. Clapton hatte 1978 damit um George Harrisons just geschiedene Ex-Frau Patty Boyd geworben, in die er seit Jahren verliebt war und die er ein Jahr später heiratete.

Höhepunkte sind „Layla“, das vom muskulösen Stammgast auf „Musik zum Autofahren“-Playlisten zum ausnehmend zarten und vielschichtigen Song wird, und „Tears in Heaven“. Clapton spielt den für seinen tödlich verunglückten Sohn geschriebenen Titel mit geschlossenen Augen.

Wieder elektrisch folgen die gospelige Ballade „Holy Mother“ und drei Bluesrock-Klassiker, jeweils mit ausgiebigen Soli nicht nur Claptons, sondern auch der Band zur Ekstase gesteigert: zweimal Robert Johnson mit „Crossroads Blues“ und „Little Queen of Spades“ und J.J. Cales „Cocaine“. Claptons Gitarrenspiel hat nichts von seiner Intensität, seinem exquisiten Timing verloren. Und seine Stimme, neben dem famosen Fingerfeuerwerk oft überhört, ist allenfalls in den Tiefen etwas weniger kraftvoll.

Nach etwa anderthalb Stunden Set nur eine Zugabe, „Before You Accuse Me“. Quantitativ hätte es angesichts der saftigen Ticketpreise etwas mehr sein dürfen. Qualitativ wird die SAP Arena lange auf Ähnliches warten müssen. Clapton ist nicht Gott. Aber er kommt nah dran.