– Durch Bombenkrieg und Nachkriegszerstörung sind schmucke Straßenzüge in Nürnberg rar. Unser Leser Christoph Wagner hat uns auf ein solches Kleinod aufmerksam gemacht: die Petzoltstraße in Gostenhof.
130 Meter, die das Herz eines jeden Freundes historistischer Architektur und Stadtbaukunst höherschlagen lassen: Dass die Petzoltstraße in Gostenhof ein solch malerisches Bild bietet, verdanken wir den alten Baukünstlern. Ihre Geburtsstunde schlägt 1880, als die Stadt sie durch vormaliges Gartenland trassieren und nach dem Gold- und Silberschmied Hans Petzolt (1551-1633) benennen ließ. Die baurechtlichen Vorgaben waren überschaubar: ein drei Meter tiefer Vorgartensaum im Westen und maximal drei, später vier Vollgeschosse zwecks ausreichender Belichtung und Belüftung.
In rund zwei Jahrzehnten waren die Seiten der Petzoltstraße bereits vollständig mit Mietshäusern bebaut. Was auffällt, ist die stilistische Zweiteilung der Straße: Die Häuser an der Ostseite sind in Formen der französischen Neorenaissance gehalten. Den Anfang machte das Gebäude Gostenhofer Hauptstraße 69, das 1881 für den Privatier Karl Loschge erbaut wurde. Allein das Eckhaus Nr. 11 zeigt an seinem überreich skulptierten Kastenerker Elemente der spezifisch deutschen Ausprägung dieses Stils. Neben Vollsandsteinfassaden findet man auch solche, deren Obergeschosse in rotem Sichtklinker ausgeführt sind.

Gegenüber indes dominiert der lokalpatriotische Nürnberger Stil, der Kubaturen und Dachlandschaften mit typischen Schmuckformen der hiesigen Architektur des 16. Jahrhunderts verbindet. Kurios: Am Haus Nr. 10 ließ Bauherr Martin Goll 1898 gar Originale aus jener Zeit verbauen. Neben zwei Reliefs mit den Wappen der Ratsfamilien Waldstromer und Löffelholz in der Wand zur Hofeinfahrt befand sich im hinteren Gebäudeteil ehedem ein Chörlein, das die Altstadtfreunde 1977 an die Fassade der Füll 12 umsetzten. Die Stücke hatte Goll wohl einst beim Umbau des Hauses Adlerstraße 30 geborgen.
Wer die Jahreszahlen an den Fassaden liest, versteht den Grund für die Zweiteilung. Die Bebauung der beiden Straßenseiten trennen rund 20 Jahre, und sie wurden von verschiedenen Planern entworfen: Im Osten 1881-85 von verschiedenen Maurer- und Zimmermeistern, vermutlich überwiegend nach eigenen Plänen. Die spätgotisch-renaissante Formensprache der Häuser westlich deutet darauf hin, dass diese bis 1901 allesamt vom selben Architekten geplant wurden. Vermutlich war es Georg Heim, der im Falle der Nr. 12 auch als Bauherr auftrat und die anderen Gebäude im Auftrag mehrerer Bauunternehmer, darunter Johann Haas und Adam Hösch, gestaltet haben wird.

Gemein ist allen Häusern der überdurchschnittlich reiche Dekor, obschon fast alle Wohnungen nur der mittleren Komfortklasse angehörten. Und auch die historischen Details stimmen: Neben den Mauerzäunen, geschmiedeten und geschreinerten Einfahrtstoren und Haustüren der Bauzeit haben sich eine Hausfigur (wohl die römische Frühlingsgöttin Flora) am Haus Gostenhofer Hauptstraße 69 und am Eckbau gegenüber (Nr. 71) die schnittige Leuchtreklame eines längst verschwundenen Feinkostladens aus Fertigung der Nürnberger Leuchtröhrenfabrik Flor erhalten.
In den Gostenhofer Hinterhöfen wurden Schienen entdeckt
Außerdem hat unser Leser Christoph Wagner, der uns auf diesen schmucken Straßenzug aufmerksam machte, Schienen für Güterloren entdeckt. Hinterhofbetriebe, die mitunter schwere beziehungsweise viele Lasten transportieren mussten, gab es in der Straße genug, darunter die Metallwarenfabrik Trapp (Nr. 1), die Spielwaren-Großhandlungen Walter und Adler (Nr. 3 und 5) oder die Bronzefarben- und Blattmetallfabrik Heinrichsen (Nr. 6). Die Petzoltstraße, sie ist ein Gostner Kleinod, im Großen wie im Kleinen.
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