Baumrigole in der Nähe des Pariser Platzes in Stuttgart: Die geplante Baumrigole in Degerloch wird deutlich größer. Foto: Judith A. Sägesser
Die Jahnstraße verbindet Degerloch mit Stuttgart-Ost. Eine Spur weicht einem Radschnellweg – und einem Wasserspeicher, der in seiner Art und Größe einzigartig in Deutschland ist.
In Stuttgart wird Regenwasser bislang kaum genutzt. Das ändert sich nun – zumindest an manchen Stellen in der Stadt: Auf der mehrspurigen Jahnstraße zwischen den Stadtbezirken Ost und Degerloch soll demnächst ein Fahrstreifen verschwinden und Platz für einen Geh-und Radweg und einen breiten Grünstreifen mit 64 Bäumen machen. Unter dem Weg und dem Grünstreifen wird dann „The Schwämm – Deutschlands größte Baumrigole in Anlehnung an das Stockholmer Modell“ entstehen, wie die Stadt Stuttgart mitteilt. Doch was bedeutet das?
Auf Basis von eigenen Erfahrungen und jenen aus der schwedischen Hauptstadt setzt man die Bäume in eine Mischung aus grobem Gesteinsmaterial, Kompost, Sand und Pflanzenkohle. Dieser Untergrund wirkt wie ein Schwamm, der Regenwasser aufsaugt. Der Schwamm ist tragfähig und kann asphaltiert werden, gleichzeitig gedeihen die Bäume darin gut und heben die Oberfläche nicht an, weil sie ausreichend Luft, Wasser und Nährstoffe in der Tiefe vorfinden. Dadurch entwickeln sie sich gesünder als Stadtbäume in engen Pflanzgruben und tragen verstärkt zur Abkühlung der Umgebung bei. Außerdem speichert die Pflanzenkohle Kohlendioxid langfristig.
Baumrigolen entlasten Stuttgarter Kanalnetz
Die Baumrigole in der Jahnstraße wird ein Volumen von etwa 2600 Kubikmeter umfassen. Regenwasser fließt künftig über Abläufe von der Straße ab und speist die Rigole. Es fließt durch das Substrat, wird dadurch gereinigt – und landet dann dort, wo es gebraucht wird: an den Wurzeln der Bäume. Gleichzeitig wird auf diese Weise das Kanalnetz entlastet, Starkregen kann besser aufgefangen werden. Die Bäume in der Jahn-/Pischekstraße sollen zudem dafür sorgen, dass der Geh-Radweg künftig beschattet ist.
Bei der Rigole in der Jahnstraße orientiert sich die Stadt nicht nur an Stockholm, sondern auch an einem Projekt in der Seyfferstraße in Stuttgart-West. Dort gibt es bereits elf Baumrigolen unter Parkplätzen.
Die Baumrigole in der Stuttgarter Seyfferstraße. Auf der Grafik rechts zu sehen (von unten nach oben: der Mutterboden (braun), Schrobben-Pflanzenkohle Gemisch (weiß mit schwarzen Pflanzenkohle-Anteilen) und Pflanzenkohle-Kompost Gemisch (graugrün). Rechts der spezielle Wassereinlauf zur Versickerung in der Rigole. Foto: Landeshauptstadt Stuttgart/Max Schuchardt
Die Baumrigole ist der Versuch, Regenwasser bestmöglich zu nutzen – im Sinne einer wassersensiblen Stadt (Schwammstadt), wie die Stadt Stuttgart mitteilt. Bevor der Gemeinderat das Vorhaben genehmigte, gab es im Ausschuss für Klima und Umwelt (AKU) Diskussionen um den Standort. Ist er sinnvoll? Schließlich gibt es unten in Stuttgarts Talkessel zahlreiche Stellen, die beschattete Geh- und Radwege deutlich nötiger hätten. Schließlich gab es aber doch grünes Licht für „The Schwämm“ in der Jahnstraße. Die Stadt sieht ihn als Pilotprojekt, durch das sich Erkenntnisse für weitere Vorhaben gewinnen lassen.
Die Kosten für den Bau der Baumrigole beziffert die Stadt auf 370.500 Euro, die aus dem Klima-Innovationsfonds der Stadt bezahlt werden. Wann die Arbeiten beginnen, ist derzeit noch offen. Eigentlich sollten sie das bereits in den kommenden Monaten. Weil es nun aber zu Verzögerungen beim Bau des Radwegs zur Ruhbank kommt, werden auch die Baumrigolen erst später eingebaut, wie die Stadt mitteilt. Die Festlegung der Bauzeiten stünde noch bevor.