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Im Wiener MuseumsQuartier wurde am Mittwochabend (13. 05.) kurz der Eindruck erweckt, Außenpolitik wäre vielleicht doch mit einer Emozi-Ballade zu wuppen.

Während sich andere Delegationen auf das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) vorbereiteten, lud Deutschlands Botschafter Vito Cecere zum Empfang für Sarah Engels und Co. Ein Doppel-Booking: Auch Italiens Botschafter Giovanni Pugliese und das örtliche italienische Kulturinstitut sorgten für Musica e Parlare sowie regionale Weine und fliegende Häppchen.

Und wenn schon europäische Verständigung, dann natürlich mit Pop-Begleitung.

Zwischen Stehtischen und Staatsbesuch

Zwischen Stehtischen und humorigen diplomatischen Floskeln im tedesco-italia-britannico-Sprachmix entwickelte sich der Abend zur ESC-Polit-Soiree. Rund 200 Gäste in Cocktailkleidung freuten sich, als Sarah Engels ihren Wettbewerbsbeitrag in einer akustischen Live-Version präsentierte – streng in Schwarz, schulterfrei und mit zurückgebundenen Haaren, irgendwo zwischen Popsängerin und Staatsbesuch auf Europatour. Der Applaus fiel entsprechend staatstragend aus.

Mit leichter Verspätung – was der Moderator zu Klischee-Witzchen nutzte – übernahm Italiens ESC-Vertreter Sal Da Vinci mit dem klassischen Eisdielen-Track „Per Sempre Sì“ die Bühne und machte endgültig klar, wer die schwungvolleren Unterstützer auf seiner Seite hatte. Die italienische Delegation tanzte in den Sonnenuntergang.

Die deutsch-italienische Achse funktioniert besonders zuverlässig, sobald jemand ein Mikrofon in die Hand nimmt.

Kulturbeauftragter adelt den ESC

Wolfram Weimer, anwesender Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, adelte den ESC im Interview kurzerhand zum „Fest der Toleranz und Vielfalt“ und erklärte Sarah Engels zu seiner persönlichen Favoritin. Deutschland brauche derzeit mehr Lebenslust, sagte er. Er wirkte dabei sichtlich gelöst, plauderte entspannt mit Musikschaffenden – als würde er sich darüber freuen, die woken Dauernörgler aus Literatur und Filmkunst für den Moment abgeschüttelt zu haben.

Eurovision zwischen Familienlogistik und Botschaftsempfang

Sarah Engels selbst wirkte trotz voller ESC-Woche gelassen. Sie erwähnte nebenbei ihre Wurzeln auf Sizilien und wechselte souverän die Sprachen.

Vor ein Uhr nachts komme sie derzeit kaum ins Bett, erzählte sie, bevor morgens ihre beiden Kinder wieder zuverlässig den Weckdienst übernehmen. Eurovision zwischen Familienlogistik und Botschaftsempfang – vermutlich die modernste Form europäischer Realitäten.

Am Samstag steht dann für sie und Kollege Sal Da Vinci das große Finale an. Bis dahin darf Wien ein wenig davon träumen, dass sich internationale Beziehungen einfacher erklären lassen als gedacht: ein bisschen Pathos, etwas Schmalz und warmer Applaus zur rechten Zeit. Die aufmarschierten Wiener Polizeikräfte vor dem Museumsareal, das auch das Israel-Fan-Café beherbergt, erinnerten allerdings daran, dass ab dem nächsten Tag mit massiven Boykott-Demonstrationen gerechnet wird.